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StartseitePolitische Literatur (Archiv)Michel Chossudovsky: Global brutal. Der entfesselte Welthandel, die Armut, der Krieg.22.07.2002

Michel Chossudovsky: Global brutal. Der entfesselte Welthandel, die Armut, der Krieg.

Verlag Zweitausendeins, Frankfurt, 2002, 477 Seiten, 12,75 Euro

Hans Martin Lohmann

Guten Abend und herzlich willkommen. Am Mikrophon ist heute Karin Beindorff. Die Schattenseiten des kapitalistischen Siegeszugs über den gesamten Globus sind heute wieder einmal Thema. Dann geht es um eine Biographie des amtieren US-Präsidenten und um den Entwurf einer radikalen Philosophie, die den Anspruch erhebt, Aufklärung und Befreiung in der neuen Zeit zu denken. Vom ausgebliebenen Skandal über einen rechtslastigen Richterspruch in Österreich wollen wir erzählen, und eine historische Untersuchung über die Stadt Czernowitz, Geburtsort vieler jüdischer Schriftsteller und Intellektueller, wollen wir Ihnen zum Schluss vorstellen.

Globalisierung ist ein Wort, das uns täglich Dutzend Mal in den Ohren klingelt. Sie war als Verheißung gemeint und wird von ihren Verteidigern, die meist identisch mit ihren Profiteuren sind, als eine Art Naturprozess behandelt. Die Globalisierung sei so notwendig wie unausweichlich, und regulierende Eingriffe machten nur Standortvorteile zunichte. Doch nachdem ungehemmte Finanz- und Aktienspekulation, oft von Leuten betrieben, die noch nie einen Produktionsbetrieb von innen gesehen haben, ganze Volkswirtschaften in den Abgrund gerissen haben und die versprochenen Segnungen sowohl für die verarmten Menschen im Süden als auch für den Kleinanleger im Norden auf sich warten lassen, ist dieses Wirtschaftsmodell in die Kritik geraten. Mehr und mehr Bücher befassen sich mit diesem Thema. Zwei wollen wir Ihnen heute vorstellen: "Global brutal" des kanadischen Ökonomen Michel Chossudovsky und "Die Schatten der Globalisierung" des früheren Chefökonomen der Weltbank und Nobelpreisträgers Joseph Stiglitz. Hans Martin Lohmann hat beide Bücher für uns gelesen.

Längst hat sich auch in Krähwinkel herumgesprochen, dass die Globalisierung, dieses Lieblingskind der neunziger Jahre, ihre Unschuld verloren hat. Konnte noch vor ein paar Jahren fast unwidersprochen die frohe Botschaft verkündet werden, die Globalisierung des Wirtschaftslebens bedeute grenzenlosen Fortschritt und wachsenden Wohlstand – nicht zuletzt für die Armen dieser Erde –, so hat sich inzwischen die Unschuldsvermutung gegenüber diesem Prozess stark ermäßigt. Zu offenkundig und himmelschreiend sind die ökonomischen, sozialen und politischen Verwerfungen, als dass, sieht man einmal von den professionellen Schönrednern ab, noch irgendjemand ernsthaft behaupten wollte, mit der Globalisierung sei das Goldene Zeitalter angebrochen. Umstritten ist freilich, wie man den Prozess einer scheinbar unaufhaltsamen weltweiten wirtschaftlichen Verflechtung als ganzen beurteilen soll. Auf der einen Seite mehren sich die Stimmen und sammeln sich Leute – Stichwort Seattle und Genua –, die in der Globalisierung eine Fehlentwicklung sehen und nach alternativen Wegen suchen, im Sinne des Diktums von Noam Chomsky: "Nichts an diesen Entwicklungen ist unabwendbar."

Dagegen finden sich auf der anderen Seite ebenso Stimmen und Leute, die zwar die negativen Seiten der Globalisierung kritisieren und beklagen, in ihr aber gleichwohl eine Chance erkennen, die es zu ergreifen gelte. Die gegenwärtig vielleicht prominentesten Vertreter dieser Richtung sind Michael Hardt und Antonio Negri, Autoren von Empire, das kürzlich in deutscher Übersetzung bei Campus erschienen ist. Der kanadische Wirtschaftswissenschaftler Michel Chossudovsky dürfte dagegen zu den entschiedensten Gegnern der Globalisierung zählen, wie nicht zuletzt der ziemlich klotzige deutsche Titel seines Buches – Global brutal – signalisiert.

Für Chossudovsky ist der Weg der marktrationalen und marktradikalen Globalisierung ohne Wenn und Aber der Weg in die Katastrophe. In seiner umfassenden empirischen Bestandsaufnahme diverser nationaler Ökonomien gelangt er zu dem Schluss, dass Globalisierung für den weitaus größten Teil der Menschheit sowohl in den Armutsregionen der Dritten Welt als auch, mittel- und langfristig, in den Wohlstandszitadellen des reichen Nordens ein absehbares Desaster bedeutet.

In seinem informationsgesättigten Buch, das durchaus das Zeug hat, zur Bibel der Globalisierungskritiker zu avancieren, legt der Autor penibel dar, nach welchem Muster der Prozess der wirtschaftlichen Globalisierung verläuft. Seit den siebziger und achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts, also seit dem Ende des keynesianischen Zeitalters, werden die vormals - wenn auch auf niedrigem Niveau - autarken Selbstversorgungsökonomien der armen Länder, die ohnehin schon durch koloniales Wirtschaftsdiktat an eigenständiger Entwicklung gehindert waren, von den kapitalistischen Zentren des Nordens im Verein mit der Weltbank, der Welthandelsorganisation und dem Internationalen Währungsfonds mit massiven Mitteln gezwungen, ihre Märkte zu öffnen, Import- und Handelsbeschränkungen aufzugeben und staatliche Regulierungen, etwa im Bereich des Bildungs- und Gesundheitswesens, rigoros abzubauen.

Diese "Marktreformen" zeitigen in aller Regel den Effekt – wie Chossudovsky am Beispiel Somalias, Äthiopiens und Bangladeschs nachweist –, dass einerseits der heimische Markt mit importierten (und vielfach staatlich subventionierten) Agrarprodukten aus den Industrieländern überschwemmt wird, während andererseits die heimische Agrarproduktion mehr oder weniger auf den Export ausgerichtet wird, was unterm Strich zu einer völligen Abhängigkeit vom Weltmarkt und von den durch diesen diktierten Bedingungen führt. Umso zynischer klingt es, wenn Ökonomen und Politiker aus den reichen Ländern, die zugleich an den Schaltstellen von Weltbank, IWF und WHO sitzen, diesen desaströsen Prozess euphemistisch als "Strukturanpassung" bezeichnen, so, als wolle man den armen Ländern Afrikas, Südasiens und Lateinamerikas nur die faire Gelegenheit bieten, mit den reichen gleichzuziehen. Chossudovsky führt solchen Euphemismus ad absurdum:

Strukturanpassung verwandelt die Volkswirtschaften in offene Wirtschaftsräume. Länder werden zu bloßen Territorien, zu Billiglohn- und Rohstoffreservoirs. Aber weil dieser Prozess auf der Globalisierung der Armut und der weltweiten Verminderung der Verbrauchernachfrage beruht, kann die Exportförderung in der unterentwickelten Welt nur in einer begrenzten Zahl von Ländern Erfolg haben. Die gleichzeitige Ausweitung der Exporttätigkeit in einer großen Anzahl von Ländern führt...zu größerer Konkurrenz zwischen den Entwicklungsländern, sowohl bei der Rohstoffproduktion als auch in der Fertigung. Soweit die Weltnachfrage nicht steigt, steht der Schaffung neuer Produktionskapazitäten in einigen Ländern der wirtschaftliche Niedergang und Zerfall an anderen Standorten der Dritten Welt gegenüber...Daher hat in vielen exportorientierten Billiglohnländern der Anteil der Löhne am Bruttoinlandsprodukt dramatisch abgenommen. Während die Löhne der Beschäftigten in den Industrieländern annähernd 4o Prozent der Wertschöpfung in der Produktion ausmachen, liegt der entsprechende Prozentsatz in Lateinamerika und Südostasien nur etwa bei 15 Prozent.

Um, so wäre hinzuzufügen, von Afrika ganz zu schweigen. Man zerschlage eine lokale Selbstversorgungsökonomie im Namen des "freien Marktes", degradiere den Staat zum Empfänger von Weltbankkrediten (die natürlich an strenge Auflagen im Sinne eines globalen Marktliberalismus gebunden sind), zwinge den Staat zu einem permanenten Schuldendienst, der nur mit immer neuen Krediten, also neuer Verschuldung, aufrecht erhalten werden kann, zwinge ihn weiterhin zur Deregulierung staatlicher Daseinsvorsorge und zu deren Privatisierung – und nenne das Ganze "Marktreform", Demokratisierung und good governance. Chossudovsky spricht angemessenerweise von "Marktkolonialismus" und "ökonomischem Völkermord", der nebenbei von enormen Umweltzerstörungen begleitet und im Bedarfsfall – die Ereignisse des 11. September 2001 lieferten den geeigneten Anlass – um den Modus des Krieges ergänzt wird.

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