Mittwoch, 22.11.2017
StartseiteKultur heuteGöttlicher Zeichner13.11.2017

Michelangelo-AusstellungGöttlicher Zeichner

Mit über einem Viertel aller erhaltenen Zeichnungen zeigt das New Yorker Metropolitan Museum die bisher umfangreichste Ausstellung über Michelangelos zeichnerisches Werk – und ermöglicht damit einen einzigartigen Einblick in den Arbeitsprozess eines Genies.

Von Sacha Verna

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Die Marmorbüste «Brutus» von Michelangelo Buonarroti, aufgenommen am 06.11.2017 im Metropolitan Museum in New York (USA). Das New Yorker Museum widmet dem italienischen Renaissance-Künstler eine umfassende Ausstellung seiner Werke unter dem Titel: «Michelangelo: Divine Draftsman & Designer». Die Schau ist vom 13.11.2017 bis 12. Februar 2018 zu sehen. (dpa picture alliance / Christina Horsten)
Die Marmorbüste "Brutus" von Michelangelo im New Yorker Metropolitan Museum (dpa picture alliance / Christina Horsten)
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Michelangelo hat sich stets geweigert, über Kunst zu theoretisieren. In der Zeit, die er brauchen würde, um sich über seine Werke auszulassen, mache er lieber neue. Mit dieser knappen Replik musste sich selbst Giorgio Vasari begnügen, der berühmteste der Biografen, die das Genie des "divino", des "Göttlichen", bereits zu dessen Lebzeiten zu ergründen versuchten.

Michelangelo hat nicht theoretisiert, sondern gezeichnet. Und wie die monumentale Ausstellung im New Yorker Metropolitan Museum zeigt, eröffnen diese Zeichnungen einen Einblick in seinen Arbeitsprozess, der eindrücklicher und aufschlussreicher ist als jede Theorie. Das Zeichnen sei für Michelangelo eine Sprache gewesen, so Kuratorin Carmen Bambach.

Große Vielfalt

Es sei seine Art gewesen, sich mitzuteilen und zu kreieren. Carmen Bambach hat acht Jahre damit verbracht, die 133 Kostbarkeiten auf Papier aus weltweit fünfzig privaten und öffentlichen Sammlungen auszuwählen, die nun zusammen die umfangreichste Schau bilden, die bisher über Michelangelos zeichnerischer Oeuvre organisiert worden ist.

Was sofort auffällt, ist die Vielfalt:"Wenn er für sich selber zeichnet, sind die Skizzen schnell hingeworfen, intuitiv und spontan. Er muss für niemanden etwas verdeutlichen, es ist alles in seinem Kopf. Das sind in mancher Hinsicht die schönsten Zeichnungen, sie zeigen das Genie beim Denken auf Paper."

Da ist, in schwarzer Kreide, ein Mann, der mühsam einem Grab entsteigt, die seltsam verkrampfte Hand in mehrfacher Ausführung. An anderer Stelle findet man einen Entwurf für die Figuren, die heute in der linken unteren Ecke von Michelangelos Fresko "Das Jüngste Gericht" in der Sixtinischen Kapelle zu sehen sind.

Dann sind da die Zeichnungen von männlichen Akten, für die häufig Michelangelos Werkstattgehilfen Modell standen. Für viele davon verwendete dieser Meister der Anatomie Rötelstifte in unterschiedlicher Tönung, mit denen er den Dargestellten eine fast dreidimensionale Qualität verleiht und einen daran erinnert, dass er sich in erster Linie als Bildhauer betrachtete.

Subtile Studien

Zu den Juwelen der Ausstellung zählen zweifellos die "disegni finiti", die vollendeten Zeichnungen, die Michelangelo den hübschen adligen Jünglingen in seinem Freundeskreis schenkte, für die er eine Schwäche hatte.

Sein Biograf Giorgio Vasari nannte diese Arbeiten "teste divine", "göttliche Häupter", was das Wesen dieser Idealbildnisse durchaus trifft. Es sind subtile Studien fantastischer Gestalten mit prunkvollem Haarschmuck.

Als Michelangelo 1564 im Alter von fast 89 Jahren starb, beklagte Cosimo de’ Medici, einer seiner vielen Mäzene, dass der Künstler wiederholt viele Zeichnungen hatte verbrennen lassen. Giorgio Vasari zufolge tat Michelangelo das, weil er seine Mühen und Methoden vor der Welt verborgen halten wollte. Nur die reine Perfektion sollte zu sehen sein.

Man schätzt, dass heute noch etwa vierhundert Zeichnungen von Michelangelo existieren. Dass das Metropolitan Museum jetzt zum ersten und vermutlich auch letzten Mal mehr als ein Viertel dieser Arbeiten unter den besten Bedingungen präsentieren kann, spricht für das Prestige dieser Institution. Allerdings verflüchtigen sich Gedanken an Prestige, Institutionen und an ziemlich alles andere auch, sobald man diese Ausstellung betreten hat. Denn dann verliert man sich mit Wonne im Universum eines begnadeten Schöpfers.

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