Mittwoch, 13.12.2017
StartseiteInterview"Auf eine Pandemie sind wir am wenigsten vorbereitet"21.02.2017

Microsoft-Gründer Bill Gates"Auf eine Pandemie sind wir am wenigsten vorbereitet"

Drei Szenarien machen Microsoft-Gründer Bill Gates Angst: Ein Atomkrieg, eine Pandemie und der Klimawandel. Die Ausbreitung einer Krankheit über Kontinente hinweg bereite ihm aber am meisten Sorgen, sagte Gates im Deutschlandfunk. Denn darauf sei die Weltgemeinschaft am wenigsten vorbereitet. Und auch die neue US-Regierung beunruhige ihn.

Bill Gates im Gespräch mit Klaus Remme

Microsoft-Gründer Bill Gates während der Münchner Sicherheitskonferenz. (dpa-Bildfunk / Matthias Balk)
Microsoft-Gründer Bill Gates während der Münchner Sicherheitskonferenz. (dpa-Bildfunk / Matthias Balk)
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Das Interview können Sie  im englischen Originalton hören.

Klaus Remme: Herr Gates, Sie widmen sich seit Langem Gesundheitsthemen. Aber warum auf der Sicherheitskonferenz im Kreis von Verteidigungsministern und Generälen?

Bill Gates: Die Weltgesundheit ist eine erstaunliche Erfolgsgeschichte. So hat ja die Großzügigkeit von Ländern wie Deutschland und das Bereitstellen der Finanzierung dazu geführt, dass wir die Kindersterblichkeit halbiert haben. Aber jetzt besteht das unerhörte Risiko für uns, dass eine gewaltige Pandemie ausbrechen könnte.

Dann bräuchten wir ja Sicherheitspersonal mit Flugzeugen und Kapazitäten, um mit der dann entstehenden Instabilität umzugehen und diese zusätzlichen Medikamente rasch liefern zu können. Bei der Diskussion mit ihnen brauchen wir Simulationen, wir brauchen die geeigneten Partnerschaften, sodass wir für den Ausbruch der nächsten Pandemie vorbereitet sind, die ja aller Wahrscheinlichkeit nach dramatisch größer sein könnte, als es selbst Ebola war.

"Wir hatten also bisher eigentlich nur Glück"

Remme: In München wurde viel über militärische Bedrohungen geredet. Auch der Klimaschutz stand auf der Tagesordnung. Verglichen damit: Wie ernst ist das Risiko einer Pandemie?

Gates: Ich würde sagen, die höchste Wahrscheinlichkeit, in den kommenden Jahrzehnten Dutzende von zusätzlichen Millionen Toten zu erleben, würde von einer Epidemie herkommen. Wissen Sie, unter den drei Albträumen, die mich besorgt stimmen, Atomkrieg, Pandemie und Klimawandel, ist es die Pandemie, auf die wir uns am wenigsten vorbereitet haben. Also ist das ein echtes Problem.

Remme: Warum sagen Sie, wir sind auf eine Pandemie nicht viel besser vorbereitet als vor 100 Jahren?

Gates: Nun, was das Ganze noch schlimmer macht ist, dass die Menschen weltweit umherreisen, mehr als je zuvor. So hat etwa im Jahr 1918 die Spanische Grippe mehr Menschen das Leben gekostet als der Erste Weltkrieg, teilweise auch deshalb, weil die Leute aus dem Krieg zurückkehrten. Sollte jetzt hier auch eine Grippe ausbrechen, dann würde die sich sehr viel schneller als 1918 ausbreiten. Wir hatten also bisher eigentlich nur Glück. Es gibt da nach menschlichem Ermessen durchaus eine Wahrscheinlichkeit, dass wir uns einem solchen Problem gegenübersehen, und Grippe ist dabei keineswegs die einzige mögliche Quelle von Risiken.

"Man braucht Forschung und Entwicklung für die neuen Werkzeuge"

Remme: Wie bereitet man sich also vor auf die Pandemie-Gefahr?

Gates: Zunächst einmal ist das Wichtigste eine gute medizinische Grundversorgung und entsprechende Überwachung. Dann wird man die ersten Ergebnisse rasch einfahren können. Dann braucht man Forschung und Entwicklung für die neuen Werkzeuge, einschließlich diagnostischer Verfahren, neuer Medikamente und Impfstoffe. Das ist schon ein großer Teil der Lösung, sodass man dann diese erforderlichen Mittel binnen Monaten statt Jahren bekommen könnte.

Dann bräuchte man eindeutige Anwendungsprotokolle, wie man Zugriff auf diese Fertigkeiten hat. Schließlich braucht man medizinisches und militärisches Personal, um all diese Hilfsmittel zur Anwendung zu bringen - auch unter instabilen Verhältnissen, wenn die Transportmöglichkeiten beeinträchtigt sind, oder wenn Panik ausbricht: Dass man diese Menschen dann gemeinsam zum Einsatz bringt, so dass sie zusammenarbeiten, die dann der Bevölkerung helfen und dafür sorgen, dass die Epidemie sich nicht ausbreitet, ehe sie die ganze Welt angesteckt hat.

Remme: Haben wir aus Ebola gelernt?

Gates: Nicht allzu viel, aber doch einiges, und da muss ich hier wirklich Deutschland loben. Denn hier steht das Problem jetzt auf der Tagesordnung. Und wo wir schon darüber sprechen: Wir müssen auch schauen, was konkret gemacht wird. Es gibt aber eine konkrete Maßnahme in dieser Richtung, wo Deutschland auch Teil ist, zusammen mit Norwegen, Japan, unserer Stiftung und dem "Wellcome Trust". Das ist ein Bündnis zur Entwicklung einiger Epidemie-Impfstoffe. Wir haben dafür 515 Millionen Dollar zusammengebracht. Wir wollen damit neuartige Impfstoffe entwickeln, die sehr viel schneller wirken. Obwohl das nur ein Teil der Lösung ist, so ist es doch eine sehr positive neue Entwicklung, die im Januar verkündet worden ist.

"Wir machen uns sicherlich Sorgen"

Remme: Forschung und Entwicklung werden häufig privat und staatlich finanziert. Haben Sie von der neuen US-Regierung Signale bekommen, dass Kürzungen bevorstehen?

Gates: Das wissen wir nicht. Ich bin sicherlich in Sorge, ob die Mittel für Forschung und Entwicklung für das Gesundheitswesen und die Entwicklungshilfe, die doch so viel Gutes bewirkt haben bei der Bekämpfung von HIV, und wo die USA sich als sehr großzügig bewiesen haben, ob das so weiter besteht. Medikamente an Kranke zu verteilen, Millionen von Menschenleben zu retten, ist uns gelungen. Ich und andere werden alles dafür tun, dass diese Mittel oder dass diese Prioritäten beibehalten und ausgebaut werden. Ob das alles geschieht, wissen wir nicht. Wir machen uns deswegen sicherlich Sorgen.

Remme: Haben Sie nach seinem Wahlsieg mit Donald Trump sprechen können? Hat er Ihnen Zusagen gegeben?

Gates: Ja, ich hatte Gelegenheit, mit ihm zusammenzutreffen. Damals war er noch nicht mit der Ausarbeitung seines Haushalts befasst. Er musste sich einarbeiten. Ich sprach mit ihm darüber, wie man in jedem möglichen Rahmen die Stabilität in Afrika sichern könne, wie man auch die Volkswirtschaften so instand halten könne, dass man den Ländern dabei hilft, den Ausbruch solcher Epidemien zu bekämpfen, Und ich sagte ihm, dass dies langfristig wirklich eine kluge, für Amerika sehr vorteilhafte Sache ist, und dass wir auf das Geleistete wirklich stolz sein sollten. Ich hoffe, dass er diese Tradition auch fortsetzt, aber es gab keine Zusagen.

"Diese internationale Zusammenarbeit ist sinnvoll"

Remme: Die Sicherheitskonferenz dreht sich traditionell um transatlantische Beziehungen. Die Europäer sind angesichts von Donald Trump alarmiert. Sie sind Amerikaner, Sie leben in den USA. Verstehen Sie die Unruhe? Sind Sie alarmiert?

Gates: Ich glaube, wir sollten uns schon Sorgen machen. Wir müssen in dieser Frage allen Wählern und Wählerinnen erklären, weshalb diese internationale Zusammenarbeit, wie sinnvoll sie ist. Es hat ja funktioniert. Wir können uns selbstverständlich immer noch verbessern. Aber diese Partnerschaften waren doch fantastisch. Ich glaube, ihr Erfolg ist manchmal so groß, dass die Leute je mehr den Blick dafür verlieren, je erfolgreicher man arbeitet.

Gerade auch am Vorabend des Zweiten Weltkrieges lag es sogar noch deutlicher auf der Hand, dass derartige Zusammenarbeit erforderlich war. Alle Anzeichen deuteten auf die Notwendigkeit von einer geeigneten Handelspolitik, einer guten Einwanderungspolitik und auf die Notwendigkeit der Zusammenarbeit hin. Es war klar: Wir stehen alle besser da, wenn wir so etwas haben. Und ich denke, langfristig werden die USA diese Beziehungen fortsetzen, aber es ist alles schon Gegenstand der Diskussion gewesen.

Remme: Mr. Gates, thank you very much.

Gates: Thank you!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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