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StartseiteDeutschland heuteDer Wunsch nach Akzeptanz 18.01.2016

MigrationDer Wunsch nach Akzeptanz

Im Grunde sind alle Menschen Migranten, egal, ob man in eine andere Stadt oder in ein anderes Land zieht, den Arbeitsplatz- oder den Freundeskreis wechselt. Den Schweizer Benedikt Vogel brachte das auf eine Idee: Er bietet Menschen ein Forum, öffentlich von ihrer ganz persönlichen Migration zu berichten.

Von Verena Kemna

Eine verzerrte Menschenmenge. (picture-alliance/ dpa / Fredrik von Erichsen)
Migration betrifft uns alle - ob im Kleinen oder Großen. (picture-alliance/ dpa / Fredrik von Erichsen)
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Menschen, die vom Dorf in die Stadt ziehen, die das Elternhaus zum ersten Mal hinter sich lassen, die mit mehreren Kulturen und Sprachen aufwachsen, sind sie nicht alle Migranten? Solche Fragen beschäftigen den gebürtigen Schweizer Benedikt Vogel schon lange. Gefragt nach seiner Migrationsgeschichte erzählt er vom Umzug aus seinem Heimatdorf nach Zürich. Für ihn steht fest:

"Dass Migration die Suche nach fruchtbarem Boden ist. Schlussendlich ist es die Suche nach einem besseren Leben. Die einen haben schon ein ganz gutes Leben und die anderen haben ein sehr schlimmes Leben und müssen wirklich gehen. Aber es ist immer die Suche nach einem besseren Leben. "

Ein besonderer Blick auf die eigene Biografie

In Zürich hat der gelernte IT-Berater vor etwa zwei Jahren die Initiative "wahre Geschichten" mitgegründet. Menschen erzählen vor Publikum aus ihrem Leben. In der Regel geht es in dabei um Mut, Frühlingsgefühle oder die Herausforderungen einer digitalen Welt. Doch auch Migration sei ein Thema, das jenseits gängiger Fernsehbilder alle angeht, meint Benedikt Vogel. Schließlich ließen sich in fast jeder Biografie Spuren von Migration entdecken.

"Wir hatten auch negatives Feedback, es haben auch Leute gesagt, du, wenn jemand irgendwie eine Stunde Zug fährt und dann eine Wohnung sucht, das kann es irgendwie nicht sein. Vielleicht hat er recht, durchaus berechtigt, aber dann hat immerhin jemand drüber nachgedacht. "

Die zierliche Hong Nhi steht vor etwa 100 Zuhörern, Durchschnittsalter zwischen 20 und 35. Drei Fragen haben die 20-Jährige ihr Leben lang verfolgt: Wie heißt du, wer bist du, woher kommst du?

"Sobald ich sage, ich komme aus Dänemark, beginnt das Grübeln weil ich keine blonden Haare habe und überhaupt nicht skandinavisch aussehe. Dann die Frage: Bist du Dänin oder Vietnamesin? Das ist schwierig zu beantworten. Manches an mir ist vietnamesisch, vieles ist dänisch und das Meiste ist weder noch. "

Die Tochter vietnamesischer Eltern wächst in Kopenhagen auf, lernt fließend Dänisch, spricht nicht ganz so gut vietnamesisch wie die Cousins und Cousinen ihrer Familie und fühlt sich hin- und hergerissen. Schulterlange schwarz glänzende Haare und doch keine echte Vietnamesin – Klassenbeste im Schulfach dänisch und doch keine Anerkennung bei den Mitschülern.

"Ich wollte doch nur akzeptiert werden als die die ich bin. Doch das Verhalten der anderen in der Klasse gab mir das Gefühl eine Fremde zu sein. Ich fühlte mich so frustriert und verloren. Schließlich wollte ich doch nur reinpassen, aber das schien unmöglich. "

Mit der Migration Frieden schließen

Erst als sie, inzwischen erwachsen, weltweit unterwegs ist, verschiedensten Kulturen und Menschen begegnet, kann die dänisch sprechende Vietnamesin mit ihrer eigenen Migrationsgeschichte Frieden schließen. Dann erzählt der gebürtige Däne Morten, wie er als Erasmus-Student die Metropole Berlin erobert und dort zum ersten Mal in seinem Leben lernt, mit sich alleine zu sein.

Schließlich ergreift Natalya, eine schlanke, energische junge Frau das Mikrofon. Vor 15 Jahren sind ihre Eltern und sie als Kontingentflüchtlinge von Kiew nach Nürnberg gereist. Natalyas erste Erinnerung, der Besuch in einem Einkaufszentrum.

"Das Einkaufszentrum war wahnsinnig beeindruckend. Das war alles neu, modern, gefliest. Das kannte ich nicht aus Kiew, normale Leute aus Kiew in den 90ern konnten sich so was nicht leisten. Am 6. März gegen 23:30 Uhr kamen wir tatsächlich in Nürnberg an in diesem, heute würde man wahrscheinlich sagen 'Erstaufnahmelager'. Das war so ein Wolkenkratzer: Drüber stand 'Grundig'. "

"Ich bin eine neue Deutsche"

Natalya hat sich durchgesetzt, als Schulbeste die Mittlere Reife abgeschlossen, dann ein Masterstudium absolviert. Heute ist die 26-Jährige* voller Tatendrang.

"Ich fühle mich deutsch, das trifft es mehr als russisch, ukrainisch, sonst irgendwas. Ich bin eine neue Deutsche, ich liebe dieses Land, ich bin auch wahnsinnig dankbar für alles, was mir hier an Möglichkeiten geboten wurde und ich habe auch vor, hier zu bleiben. "

Schicksale, die das Publikum nachdenklich zurücklassen.

"Dass es seit Jahrzehnten Flüchtlinge gibt in unserem Land und das hat mir eigentlich am meisten imponiert."

 

* In der Audiofassung des Beitrags heißt es fälschlicherweise, Natalya sei 28. Wir haben das in der Textfassung korrigiert.

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