Donnerstag, 23.11.2017
StartseiteSprechstundeUnliebsame Mitbewohner im Darm23.08.2016

MikrobiomUnliebsame Mitbewohner im Darm

Auf und in unserem Körper leben etwa 100 Billionen Bakterien, die meisten davon im Darm. Die Analyse dieser Mikrobiom genannten Bakterien-Wohngemeinschaft ist ein heißes Thema in der medizinischen Forschung. Denn manche Mitbewohner stehen im Verdacht, Darmkrebs zu fördern. Bisher gibt es allerdings nur Versuche mit Mäusen.

Von Christina Sartori

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"Es ist substantiell. Ohne unser Mikrobiom im Darm haben wir ein Riesenproblem, wir brauchen das."

Professorin Britta Siegmund leitet die Klinik für Gastroenterologie, Infektiologie und Rheumatologie der Charité in Berlin. Sie erläutert die Wirkung der Bakteriengemeinschaft:

"Primäre Funktion des Mikrobioms ist eine positive: Sie schützt unseren Darm und führt dazu, dass er ernährt wird und dass das Abwehrsystem unseres Körpers ausgebildet wird. Entscheidend ist aber die Balance."

Nicht alle Mitbewohner der Bakterien-Wohngemeinschaft - der sogenannten Darmflora - tun uns gut. Ein Beispiel dafür, dass manche Bakterientypen auch schaden können, erforscht Professor Sebastian Zeißig vom Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden:

"Wir wissen, dass die Darmflora – und das sind Ergebnisse, die primär aus dem Tiermodell stammen – einen sehr zentralen Beitrag leistet vor allem zu dem Wachstum von Darmkrebs."

Wie genau können Bakterien Darmkrebs fördern?

Dieser Zusammenhang von Darmflora und Krebs wurde bisher nur bei Mäusen beobachtet, doch es wird angenommen, dass Ähnliches auch für den Menschen gilt. Und so arbeiten Forscher wie Sebastian Zeißig daran, zu klären, wie genau Bakterien Darmkrebs fördern könnten. Ein möglicher Weg: über die Stoffe, die sie produzieren.

"Es gibt Bakterien, von denen gezeigt wurde, dass sie aktiv durch ihre Produkte Schäden am Genom verursachen können. Und das sind mit anderen Worten Mutationen. Mutationen, die dann in einer bestimmten Sequenz auch zu Darmkrebs führen können."

Zeißig selber hat gerade ein weiteres Beispiel dafür entdeckt, wie Bakterien die Entstehung von Darmtumoren fördern könnten. Eine Schlüsselrolle spielt dabei das Eiweiß Calcineurin, das nicht nur in Immunzellen, sondern eben auch in den Zellen der Darmschleimhaut vorhanden ist:

"Und das schlummert da quasi, es ist nicht aktiv, und es wird aktiviert durch Bakterien."

Beschreibt Zeißig seine Entdeckung und erläutert, welche Folgen diese Aktivierung durch Bakterien hat: Die Stammzellen der Darmoberfläche, die sich regelmäßig teilen müssen, um alte Darmzellen durch neue zu ersetzen, werden durch das Eiweiß Calcineurin angeregt, sich häufiger zu teilen, als normalerweise. Sind diese Stammzellen schon Krebszellen, hat das fatale Folgen:

"Wir konnten zeigen, dass dann dieses Eiweiß in Stammzellen der Tumore aktiviert wird und diese Stammzellen in ihrer Zellteilung aktiv unterstützt, was somit das Wachstum von Darmkrebs unterstützt und fördert."

Ansatzpunkte, um Krebsrisiko zu senken

Noch wurden diese Zusammenhänge nicht an lebenden Menschen gezeigt, doch sollte dies gelingen, dann gebe es verschiedene Ansatzpunkte, um das Darmkrebsrisiko zu senken. Eine Idee: Es könnten andere Bakterien im Darm eingesetzt werden, die genau diesen Vorgang blockieren. Damit könnte entweder das Wachstum eines Darmtumors gehemmt werden, oder aber völlig vermieden werden.

"Vielleicht kann man das Bakterium verdrängen, durch andere positive Bakterien – Probiotika –, aber das ist Zukunftsmusik, die aktuell keinerlei klinische Anwendung findet."

Für nicht durchführbar hält Zeißig die Idee, durch spezielle Antibiotika genau die Bakterien auszuschalten, die dem Menschen mehr schaden, als nützen:

"Wir wissen, dass auch Antibiotika, die als selektiv verkauft werden, niemals selektiv sind. Antibiotika treffen große Gruppen von Bakterien."

Warnung vor Stuhlproben-Analysen

Genaue Untersuchungen einzelner Darmbakterien und ihrer Wirkung auf unsere Gesundheit, wie Professor Sebastian Zeißig sie durchführt, werden seit einigen Jahren weltweit unternommen. Die Analyse des Mikrobioms ist ein heißes Thema in der medizinischen Forschung. Und manch einer verdient jetzt schon Geld damit: Institute, Labore, Heilpraktiker und Arztpraxen bieten zum Beispiel Analysen von Stuhlproben an, um Näheres über die persönliche Bakterienwohngemeinschaft im Darm zu erfahren. Professorin Britta Siegmund rät davon ab:

"Stuhlanalyse und die Analyse der Zusammensetzung hilft uns nicht, weil wir nicht wissen wie wir das a verändern können und b wissen wir im Moment überhaupt nicht: Was ist eigentlich komplett normal? Also da große Zurückhaltung, insbesondere Zurückhaltung vor dann daraus resultierenden Empfehlungen, irgendwelche absurden Diäten durchzuführen."

 

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