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Seit 08:00 Uhr Nachrichten
StartseiteKommentare und Themen der WocheNoch keine Zeit zum Jubeln26.07.2017

Mikrozensus 2016 Noch keine Zeit zum Jubeln

Der Trend zur Kinderlosigkeit ist gestoppt, die Geburtenrate steigt langsam wieder an. Vor allem Akademikerinnen entscheiden sich wieder häufiger für Kinder – und stehen dann vor allerlei Problemen, kommentiert Katharina Hamberger.

Von Katharina Hamberger

Babys liegen in einem Kreis bei einem Treffen von Müttern in einem Kindergarten in Frankfurt (Oder)  (dpa / picture alliance / Gru)
Will Deutschland ein wirkliches Kinderland werden, sind Politik, Wirtschaft und Gesellschaft gefragt. (dpa / picture alliance / Gru)
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Es ist zunächst eine gute Nachricht: Der Trend, dass in Deutschland immer weniger Kinder geboren werden, scheint gestoppt. Akademikerinnen, die bislang immer als diejenigen galten, die besonders häufig kinderlos blieben, bekommen sogar mehr Kinder als früher. Das ist das Ergebnis des Mikrozensus 2016.

Probleme mit der Infrastruktur

Das heißt aber noch nicht, dass jetzt Zeit zum Jubeln ist. Deutschland gehört trotz einer Geburtenziffer von 1,5 Kindern pro Frau immer noch zu den Spitzenreitern bei der Kinderlosigkeit in Europa – zusammen mit der Schweiz, Italien und Finnland. Der demografische Wandel ist damit also noch nicht aufgehalten. Es braucht einen anhaltenden Trend zu mehr Kindern und dafür muss sich in Deutschland noch einiges ändern.

Da sind zum Beispiel die Probleme mit der Infrastruktur, wenn es um Kinder geht. Jetzt, wo mehr geboren werden, treten diese erst recht zutage. Und zwar Probleme, die man in einem reichen Land wie Deutschland nicht für möglich gehalten hätte. Das beginnt schon damit, dass eine Frau, egal, ob sie nun auf dem bayerischen Land oder in Prenzlauer Berg in Berlin wohnt, lange suchen muss, um eine Hebamme zu finden. Der Hebammenmangel führt auch dazu, dass die Kliniken Frauen in den Wehen wegschicken müssen, weil sie nicht genug Kapazitäten haben. In manchen Orten sind die Geburtsstationen sogar ganz geschlossen worden. Weiter geht es mit den Kita-Plätzen. In deren Ausbau wurde in den vergangenen Jahren tatsächlich viel Geld gesteckt, aber das Angebot reicht noch nicht aus. Ebenso fehlt es an Erzieherinnen. Kein Wunder: Wer diesen Beruf ergreift, verdient – gemessen an der hohen Verantwortung – viel zu wenig Geld. Außerdem zeichnet sich schon jetzt ein Lehrermangel an den Schulen ab.

Politik, Wirtschaft und Gesellschaft sind gefragt

Für einen anhaltenden Trend zu mehr Kindern müssen sich auch gesellschaftliche Denkmuster ändern. So gibt es zwar viele politische, richtige Entscheidungen, wie zum Beispiel das Elterngeld, die auch vom Statistischen Bundesamt als ausschlaggebend für die neuen Zahlen gesehen werden. Aber nach wie vor ist es nicht selbstverständlich und wird auch akzeptiert, wenn Eltern diese Angebote auch nutzen. Entscheidet sich eine Mutter, lange zu Hause zu bleiben, um sich um ihr Kind zu kümmern, ist sie das Heimchen am Herd. Versucht sie Familie und Beruf zu vereinen, was von den Gesetzen her kein Problem mehr sein sollte, stößt sie ebenfalls auf viele Widerstände. Sei es, dass eine Frau, die Kinder hat, schwerer überhaupt einen Job bekommt, weil nicht gesehen wird, dass sie beides unter einen Hut kriegt, sei es, dass man sie Rabenmutter nennt, wenn sie sehr bald nach der Geburt wieder arbeiten möchte – das Pendant dann zum Heimchen – oder sei es, dass Männer, die länger als die obligatorischen zwei Monate in Elternzeit gehen, angedroht bekommen, sie würden damit ihre Karriere riskieren. 

Das alles sind – trotz der gesetzlichen Voraussetzungen, die bereits geschaffen worden sind – nach wie vor Gründe, sich gegen Kinder zu entscheiden. Will Deutschland also ein wirkliches Kinderland werden, sind Politik, Wirtschaft und Gesellschaft gefragt. Niemand darf sich auf den Zahlen des Mikrozensus ausruhen. 

Katharina Hamberger, Hauptstadtstudio (Deutschlandradio - Bettina Straub)Katharina Hamberger, Hauptstadtstudio (Deutschlandradio - Bettina Straub)Katharina Hamberger, Jahrgang 1985, hat Medienwissenschaft, Politikwissenschaft und Journalismus in Regensburg und Hamburg studiert. Während des Studiums arbeitete sie als freie Journalistin unter anderem für die "taz" und die "Passauer Neue Presse". Journalistische Erfahrung sammelte sie außerdem beim Bayerischen Rundfunk, der Talksendung "Anne Will" und dem "Hamburger Abendblatt". Seit Ende ihres Deutschlandradio-Volontariats 2012 arbeitet sie als freie Korrespondentin im Hauptstadtstudio von Deutschlandradio.

 

 

 

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