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Militäroffensive in Somalia

Kenia sieht Tourismus durch islamische Milizen bedroht

Antje Diekhans

Kenia fürchtet um den Tourismus.
Kenia fürchtet um den Tourismus. (Stock.XCHNG / Matthew Hayward)

Zum ersten Mal seit der Unabhängigkeit befindet sich Kenia im Krieg. Anlass für den Einmarsch in das Nachbarland Somalia waren Entführungen und Angriffe auf kenianischem Boden, für die die Regierung in Nairobi die islamischen Al-Shabaab-Milizen aus Somalia verantwortlich macht.

Kenia ist zu einem Volk von Militärstrategen geworden. Vor einer Woche rollten die ersten Panzer in das Nachbarland Somalia. Seitdem diskutieren alle, ob es gelingen wird, die Al-Shabaab-Miliz zu schlagen. In Nairobi sind viele zuversichtlich.

"Es wurde höchste Zeit, dass die kenianische Regierung gegen die Islamisten vorgeht. Der Einmarsch richtet sich ja nicht gegen das somalische Volk – das sind gute Menschen. Er richtet sich gegen Al Shabaab. Wir werden sie besiegen und dafür sorgen, dass sie handlungsunfähig sind."

"Natürlich werden sie zurückschlagen. Aber unsere Armee und unsere Sicherheitskräfte werden schon mit ihnen fertig. Unsere Nachbarländer werden uns dabei unterstützen."

Auslöser für die Militäraktion war die Entführung von Ausländern in Kenia. Das Urlaubsland fürchtet um seinen guten Ruf und um die Einnahmen aus dem Tourismus, die jedes Jahr bei mehr als 700 Millionen Dollar liegen.
Getroffen hatte es im September zunächst eine britische Urlauberin. Sie wurde aus einer Hotelanlage nahe der somalischen Grenze verschleppt. Ihr Mann wurde bei dem Überfall getötet. Vor drei Wochen dann kidnappten bewaffnete Männer aus Somalia eine Französin von einer Ferieninsel. Die 66-jährige Frau ist inzwischen in der Geiselhaft gestorben – sie war krebskrank und hätte weiter mit Medikamenten versorgt werden müssen. Der bisher letzte Fall ist die Entführung zweier spanischer Mitarbeiterinnen von "Ärzte ohne Grenzen" im Flüchtlingslager Dadaab, die ebenfalls nach Somalia gebracht wurden. Kenia macht Al Shabaab für die Taten verantwortlich – auch wenn die Miliz eine Beteiligung abstreitet. Der kenianische Außenminister Moses Wetangula:

"Welchen Beweis braucht es dafür? Aus Somalia kommen die Piraten, und auch zuvor gab es schon Entführungsfälle. Unser Geheimdienst arbeitet mit anderen Geheimdiensten zusammen, und wir haben verlässliche Informationen. Die kenianische Regierung handelt auf der Grundlage von Tatsachen".

Die Truppen sollen etwa 100 Kilometer nach Somalia vordringen, Al Shabaab aus der Region vertreiben und die ausländischen Geiseln befreien – so die offizielle Erklärung. Geplant war der Einmarsch allerdings schon lange. Somalia ist seit mehr als 20 Jahren ein Land im Krieg, ohne funktionierende Regierung, wo Clan-Chefs und radikale Gruppen das Sagen haben. Ein Afghanistan in Ostafrika und so eine ständige Bedrohung für das Nachbarland. Dokumente von Wikileaks zeigen, dass der kenianische Geheimdienstchef Philip Kameru sich schon im Frühjahr 2010 mit Vertretern der US-Regierung über eine Militäraktion unterhielt. In einem Bericht über das Treffen heißt es:

"Kameru sagte, dass Kenia eine Pufferzone innerhalb Somalias errichten will, um ein Eindringen von Al-Shabaab-Kämpfern zu verhindern. Er behauptete, dass die somalische Übergangsregierung damit einverstanden sei, weil sie selbst ein Interesse daran habe, Al Shabaab in der Juba Region zu schwächen."

Als aus den Plänen jetzt Handeln wurde, gab die Übergangsregierung im Nachhinein ihr Einverständnis. Aus Kenia reisten der Außen- und der Verteidigungsminister nach Mogadischu, um das militärische Vorgehen abzustimmen. Der somalische Verteidigungsminister Hussein Arab Isseh zeigte sich erfreut über den Verlauf der Gespräche.

"Wir werden weiter zusammen daran arbeiten, Somalia zu stabilisieren. Wir werden gegen Al Shabaab vorgehen. Und damit auch gegen Piraterie, Terrorismus und Verbrechen gegen internationales Recht."

Inzwischen haben auch andere ostafrikanische Länder Unterstützung signalisiert. Uganda und Burundi stellen schon die Soldaten für den Einsatz der Afrikanischen Union in Mogadischu. Ihnen war es im August gelungen, Al Shabaab weitgehend aus der Hauptstadt zu vertreiben. Jetzt denkt offenbar auch Äthiopien über ein Eingreifen nach – die Miliz würde dann von zwei Seiten in die Zange genommen. Doch die Islamisten werden sich mit aller Kraft wehren – das kündigte ihr Sprecher Sheikh Ali Mohamud Rage unmissverständlich an.

"Kenia hat den Krieg erklärt – aber die Kenianer wissen bisher nicht, was Krieg ist. Wir werden es ihnen zeigen. Die kenianische Wirtschaft wird zerstört werden. Die Hochhäuser in Nairobi werden nicht mehr lange stehen. Diese Botschaft sollte verstanden werden.""

Eine eindeutige Drohung mit Anschlägen. Im Somalier-Viertel von Nairobi, Eastleigh, gibt es viele junge Männer, die von der Shabaab zu Selbstmordattentätern ausgebildet wurden. Die Sicherheitsvorkehrungen in der Hauptstadt und auch in anderen Landesteilen werden darum hochgefahren, sagte der stellvertretende Minister für Innere Sicherheit Orwa Ojode im Parlament.

"Herr Vorsitzender, die Al Shabaab ist wie ein großes Tier. Der Schwanz ist in Somalia – und gegen den kämpfen wir jetzt. Aber der Kopf ist hier in Eastleigh."

Der Feind sitzt auch im eigenen Land, in Kenia selbst – und das macht den Kampf gegen Al Shabaab noch schwieriger. Insgesamt ist die Miliz zwar geschwächt. Auch ihr hat die Hungerkrise in Somalia zugesetzt. Die Islamisten aus ihren Hochburgen im Süden des Landes zu vertreiben, wird darum vielleicht gelingen. Aber Al Shabaab ist auch im Untergrund, in Kenia und in der somalischen Hauptstadt Mogadischu, wo die Miliz schon wieder mehrere Anschläge verübt hat. Den Islamisten auch hier beizukommen, wird mehr als ein paar Panzer und Kampfhubschrauber erfordern.



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