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StartseiteWirtschaft und GesellschaftMehr Geld, weniger Stunden13.02.2015

MindestlohnMehr Geld, weniger Stunden

Blumenverkäufer und Taxifahrer haben durch den Mindestlohn mehr Geld in der Tasche - auf die Stunde gesehen. Viele Arbeitgeber kompensieren die höheren Kosten aber mit weniger Stunden oder sogar Entlassungen. Somit kommt am Ende des Monats kaum mehr Geld aufs Konto. In Erfurt sehen die Betroffenen das Gesetz deshalb zwiespältig.

Von Henry Bernhard

Putzeimer und Aufnehmer.  (dpa / picture-alliance / Jens Büttner)
Durch den Mindestlohn steigt zwar das Einkommen pro Stunde, für viele bedeutet das aber auch weniger Stunden - bei oftmals gleichem Aufwand. (dpa / picture-alliance / Jens Büttner)

"Ideen von Loreen" ist ein kleiner, sympathischer Blumenladen in Erfurts Innenstadt. Zwei Floristinnen bereiten ein Trauergesteck vor. Mindestlohn? Sie wollen erst nicht so recht raus mit der Sprache. Dann redet Sabrina Fritsche, eine Kollegin aus einem anderen Blumenladen, die mal kurz reinschaut.

"Ich bekomme Mindestlohn."
"Und was haben sie vorher bekommen?"
"Na weniger! Aber genau kann ich das natürlich nicht sagen."
"Und hat sich noch irgendwas geändert, außer, dass sie jetzt 8,50 kriegen?"
"Na ja – nee! Gar nichts. Nee, es ist nicht besser! Hab noch einen Antrag beim Amt gestellt, muss ich jetzt ganz ehrlich sagen – mal gucken. Es kann auch sein, dass ich da noch ein bisschen was kriege. Also, es hat sich für mich nicht viel geändert. Es bringt nichts. Man hat zwar im ersten Moment mehr, aber es sind auch Abzüge da, dann ist alles drum herum teurer. Es ist Plus-Minus-Null halt. Lebensmittel, Selbsterhaltungskosten sind eben teurer, alles teurer! Miete erhöht..."

Und ihre Kollegin Nicole Stefan ergänzt: "Viele haben Mindestlohn, egal, ob Backfactory oder irgendjemand anders, die auch alle Mindestlohn zahlen müssen. Und dementsprechend sind ja dort auch die ganzen Produkte hochgegangen. Und so ändert sich für uns nichts. Der Lohn ist höher, und die Produkte sind auch höher."

Nein, ein Hit ist der Mindestlohn nicht für sie. Für ihre Kollegin, die bald in den Mutterschutz ginge, würde auch kein Ersatz eingestellt. Zu teuer.

"Und viele sind mit den Stunden runtergegangen. Wie bei uns – geht man dann mit den Stunden runter. Weniger Stunden; keine 40, sondern 35 nur noch. Anders können sich die kleinen Händler das nicht sonst leisten. Wie sollen sie es sonst machen? Die Arbeit ist die gleiche – nur sie müssen halt mehr zahlen! Deswegen müssen sie mit den Stunden runter."

Ähnlich sieht es bei einer anderen Floristin aus, die nicht namentlich genannt werden will. Früher bekam sie pro Stunde "6,50 Euro." - "Und jetzt kriegen Sie?" - "8,50 Euro." - "Das ist ja fast ein Drittel mehr!" - "Ja, das ist richtig." - "Und sie haben jetzt auch wirklich ein Drittel mehr im Monat?" - "Nein, habe ich nicht. Ich arbeite weniger. Ich verdiene zwar in der Stunde mehr, aber dafür arbeite ich weniger. Ich habe den gleichen Verdienst wie sonst auch."

"Schöne Idee, aber bringt nichts"

Es sei schwieriger geworden im Laden, man sehe die Kolleginnen seltener, weil die Schichten kürzer sind. Absprachen seien nicht mehr so gut möglich.

"Und von daher ist der Mindestlohn eine schöne Idee, aber es bringt mir jetzt nichts. Ich habe mehr Freizeit, genau! Ist auch nicht schlecht. Ich habe ja noch einen Mann, der Geld verdient, aber für Alleinstehende ist es keine Lösung."

Ähnliches hört man auch bei den Taxifahrern, die, am Erfurter Bahnhof auf Kundschaft wartend, gern erzählen, aber nur ohne Mikrofon. Die Taxiunternehmer haben wegen des Mindestlohns die Preise zum 1. Januar enorm erhöht, je nach Strecke um ein Viertel, im Extremfall sogar auf fast das Doppelte. Die Fahrer schimpfen, sie hätten etwa ein Drittel der Kunden verloren. Zwar bekämen sie jetzt mehr Geld, 8,50 € pro Stunde statt früher etwa 5 €, aber kaum noch Trinkgelder und keine Umsatzbeteiligung mehr.

Wolfgang Schwuchow, Chef von City-Taxi Erfurt, hat schon im Dezember vorgesorgt: "Ich hab meinen Mitarbeiter alle gekündigt. Und die haben alle neue Arbeitsverträge gekriegt mit einer Änderungskündigung mit herabgesetzten Stunden."

Neun von zwölf Fahrern sind ihm so geblieben. 30 statt 40 Stunden fahren sie pro Woche. Am Ende haben sie genauso viel Geld wie zuvor raus. Nur für den Kunden ist das Taxi-Fahren teuer geworden. Dabei sieht Schwuchow durchaus ein, dass 8,50 Euro nicht zu viel ist für die Arbeit rund um die Uhr, an Wochenenden und Feiertagen.

"Von der Gerechtigkeit her muss das sein, aber der Markt muss es im Endeffekt auch hergeben. Und wenn eine Dienstleistung am Markt nicht mehr erwirtschaftet werden kann, dann wird es diese Dienstleistung in Zukunft nicht mehr geben – oder nicht in diesem Umfang mehr geben."

Unfreiwilliger Ruhetag

Eine Restaurantbesitzerin erzählt, dass der Mindestlohn existenzbedrohend für sie sei, dass sie montags nicht mehr öffne, weil die Kellner nicht mehr bezahlbar seien, wenn zu wenige Kunden kommen. Frederik Chrestensen, Chef eines renommierten Saatgutunternehmens, klagt: "Der Mindestlohn macht bei uns ca. zehn Prozent mehr Personalkosten aus pro Jahr. Darauf haben wir uns vorbereitet und haben im letzten Jahr schon zwölf Mitarbeiter entlassen müssen."

Zwölf von 132. Dafür hat die Firma in neue Maschinen investiert, die die Arbeit übernehmen, und zahlt den verbliebenen Mitarbeitern Leistungszulagen, wenn sie mehr schaffen als bisher. Aber der Mindestlohn steigert auch die Kosten durch Zulieferer, die mehr verlangen, und durch den Aufwand der Stundendokumentation. 14 Prozent höhere Kosten schätzt Chrestensen insgesamt durch den Mindestlohn.

"Wir haben einen starken Export, auch Richtung Osten; wir haben unheimlich große Probleme derzeit, LKW zu finden, weil die Spediteure sagen, „Leute, ich muss bei euch hier Mindestlohn nachweisen, das werde ich nicht tun. Es ist aber auch schwierig, einen deutschen Spediteur davon zu überzeugen, dass er nach Wladiwostok hochfährt. Also das sind auch Hemmnisse, die zusätzlich mit reinkommen."

Die Agentur für Arbeit Sachsen-Thüringen meldet bislang keine Entlassungen wegen des Mindestlohns. Viele Unternehmer sagen, dass sie das erste Quartal abwarten wollen und dann weitersehen. Und die Arbeitnehmer, denken sie wenigstens an die SPD, die ihnen den Mindestlohn beschert hat? In Erfurts Blumenläden eher weniger.

"Nee, m-m, da habe ich mir noch nicht so die Gedanken drüber gemacht." - "Nee, da muss ich ganz ehrlich sagen, beschäftige ich mich nicht so damit."

 

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