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StartseiteBüchermarkt"Mir ging es darum, einen Mythos auseinanderzunehmen"23.08.2007

"Mir ging es darum, einen Mythos auseinanderzunehmen"

Der untergetauchte Schriftsteller Roberto Saviano über die Camorra

Roberto Saviano ist in Italien ein Star: Seit über einem Jahr steht sein Buch "Gomorrha. Reise in das Reich der Camorra" auf der Bestsellerliste. "Gomorrha" ist eine literarische Reportage über die Camorra, wie die neapolitanische Spielart der Mafia heißt. 700.000 Mal hat sich Savianos Buch in Italien verkauft. Der 28jährige Roberto Saviano erhielt vor einigen Monaten Morddrohungen, seitdem steht er unter Polizeischutz.

Im Gespräch mit Maike Albath

Neapel und Vesuv (AP Archiv)
Neapel und Vesuv (AP Archiv)

Autorin:
Roberto Saviano, Ihr Buch über die Camorra ist in Italien im April 2006 erschienen, im letzten Herbst mussten Sie untertauchen, ihr Wohnort ist seitdem geheim. Wir sind jetzt gerade in einem kugelsicheren Auto hierher gefahren und am Nebentisch sitzen zu Ihrem Schutz zwei Carabinieri, mit denen Sie mittlerweile mehr als 8000 Stunden verbracht haben. Wie ist es dazu gekommen?

"Meine Lage hat sich nach einer Veranstaltung in meiner Heimatstadt Casal di Principe am 23. September 2006 verschärft. Ich habe es dort nämlich gewagt, die Camorra-Bosse öffentlich anzugreifen. Es mag unwahrscheinlich klingen, dass so etwas mitten in Europa passieren kann, aber es ist so: in Casal di Principe ist die Camorra sehr stark, niemand hat sich je getraut, die Bosse herauszufordern. Ich habe auf dem Podium ihre Namen gesagt: "Michele Zagaria, Antonio Jovine, Francesco Schiavone, Ihr seid nichts wert!" Es ging mir darum, dem sehr jungen Publikum klar zu machen, dass die Macht der Camorra auf ihrer Angst und auf ihren Unterlegenheitsgefühlen gründet, was wiederum mit der ungeheuren Wirtschaftsmacht zusammenhängt, die diese Leute besitzen. Plötzlich kippte die Stimmung und wurde eisig. Die Camorra hat meine Äußerung als eine Einmischung verstanden. So haben mir das zumindest die Carabinieri und die Staatsanwälte erklärt. Als täte ich nicht meine Arbeit und hätte alles auf die private Ebene verlagert, und jetzt will man die Angelegenheit auch auf privater Ebene lösen. Die Polizei hat meine Sicherheitsstufe gerade noch mal erhöht. Mein Problem ist, dass ich zu einem Symbol geworden bin, zu einem Symbol für den Kampf gegen die Camorra. Ich habe die Camorra zu einem Thema gemacht, das nicht nur hier in Neapel verhandelt wird. Die Geschichten, die ich in meinem Buch erzähle, sind nicht neu, die kennt hier in Neapel jeder Polizeireporter."

Sie haben jahrelang recherchiert, sind mit ihrer Vespa durch die Vororte gefahren, wo die Camorra sehr stark ist, Sie haben den Polizeifunk abgehört, Tatorte besichtigt, Jugendliche kennen gelernt, die für die Camorra arbeiten und Sie haben Berge von Akten gelesen. Aus Ihrem Buch, Roberto Saviano, habe ich gelernt, dass ein großer Teil des Geldes, den die Camorra durch Drogenhandel verdient, in legale Aktivitäten investiert wird: Tourismus, Gastronomie, Bekleidung, Bauwirtschaft. Erklären Sie uns, wie die Camorra funktioniert!

"Die Camorristi sind keine Kriminellen, die sich eines Tages entscheiden, Unternehmer zu werden. Sie sind Unternehmer, die mit Hilfe des Verbrechens ganz unterschiedliche Marktbereiche abdecken. Sie investierten in Spanien, England, Deutschland, Polen, in vielen osteuropäischen Staaten. Wenn man die Camorra bekämpfen wollte, dürfte man sie eben nicht als ein süditalienisches Phänomen begreifen, sondern als eine europäische Angelegenheit. Die Camorristi geben im Ausland vor, international erfahrene Unternehmer zu sein, sie tun sich mit den ortsansässigen Geschäftsleuten zusammen, stellen Kapital zur Verfügung, Erfahrung und garantieren einen schnellen Profit. In meinem Buch Gomorrha kommt Carmine Schiavona vor, das ist ein Kronzeuge eines Clans aus Casal di Principe. Er sagt: "Wir wollten nie einen Gegen-Staat errichten". Ich finde dieses Gerede von der Mafia als Gegenstaat auch eher lächerlich, denn genau das ist sie nicht. "Wir sind der Staat", erklärt Schiavona. "Wir sind Unternehmer. Und als Unternehmer brauchen wir die Demokratie. Die einzige Regel ist das Geschäft". Es gibt diese berühmte Definition der drei Prinzipien der Camorra: business, business, business. Gerade das macht sie so gefährlich. Die Camorra ist nicht einfach eine Bande von Verbrechern, es handelt sich nicht um ein anthropologisches Phänomen. Natürlich haben sie diese Bandenstruktur und bestimmte Rituale, das schon. Aber sie besitzen vor allem einen unglaublichen Geschäftssinn, und das harmoniert perfekt mit den ökonomischen Prinzipien der internationalen Wirtschaft und der Finanzwelt. Für mich sind das alles Geschichten unserer Zeit, nicht nur meiner Stadt und meiner kleinen Gasse, sondern Geschichten, durch die ich unsere Gegenwart verstehen kann. "

Die Camorra kann also sehr elastisch auf die Herausforderungen der Globalisierung reagieren, weil sie nicht auf Gewerkschaften, Tarifverträge, Personalräte usw. Rücksicht nehmen muss. Welche Rolle spielt sie innerhalb des ökonomischen Systems?

"Häufig interpretiert man die Camorra als eine Bremse der ökonomischen Entwicklung. Meiner Ansicht nach ist das falsch. Die Camorra bremst die wirtschaftlichen Prozesse gerade nicht, sondern regt sie an und verstärkt sie. Sie ist ein Multiplikator der Geschäfte, ein Entwicklungsmotor. Das Problem ist aber, dass diese Geschäfte nicht zu einem sozialen Wachstum führen. Stattdessen betreibt die Camorra Raubbau an den Ressourcen, sie zerstört die Umwelt und sie verhindert die Entwicklung des Bürgersinns. "

Obwohl die Camorra auf internationaler Ebene operiert und zum Beispiel in Spanien Hotels baut oder in Aberdeen, wie Sie in ihrem Buch darstellen, die gesamte Gastronomie geprägt hat, ist sie stark im Territorium verankert. Ein altes Mittel, sich die Bewohner eines Gebietes gefügig zu machen, ist das Schutzgeld. Wie geht man damit heute um?

"Heute ist das Schutzgeld meistens nicht mehr das, was in der alten Innenstadt von Neapel noch vorkommen mag, dass jemand monatlich mit einer Pistole in der Hand in deinem Laden vorbei kommt und dir einen Teil deines Verdienstes abnimmt. Das Schutzgeld zahlen viele Geschäftsleute inzwischen gerne, weil sie dafür bestimmte Leistungen erhalten. Es ist eine Art Service. Sie bekommen Bürgschaften, wenn sie in einer Bank einen Kredit beantragen, sollten sie ihren Laden neu instand setzen wollen, gibt es günstige Angebote und verlässliche Firmen, bei den Großhandlungen macht man ihnen gute Preise, ihre Lastwagen mit der Ware treffen pünktlich ein, ihre Läden werden nicht überfallen, es gibt günstige Versicherungen. Im Grunde handelt es sich um eine Multi-Service-Steuer. Die Camorra versorgt diese Leute mit dem, was sie brauchen, aber zu niedrigeren Preisen und qualitativ hochwertig. Falls man die Geschäftsleute, die dieses Schutzgeld bezahlen, erwischen sollte, können sie immer noch behaupten, sie seien erpresst worden. Über diese Schutzgeldzahlungen spricht man in Neapel nicht, es ist ein Tabu. "



In ihrer Reportage schildern Sie die effiziente Struktur der Camorra, die militärisch aufgebaut ist. In Neapel mit seiner extrem hohen Jugendarbeitslosigkeit ist die Camorra ein attraktiver Arbeitgeber. Schon 12jährige werden rekrutiert, die Bosse sind Idole. Womit hängt die große Faszination zusammen, die die Camorra auf die Jugendlichen ausübt?

"Die Bewunderung für die Camorristi kommt daher, dass sie keine Angst vor dem Tod haben und unglaublich viel Geld verdienen. Das ist eine öffentlichkeitswirksame Reklame. Heute gilt ein Vierzehnjähriger, der eine Ausbildung bei einem Mechaniker macht oder zum Bau geht, anders als noch in den 80er Jahren, als Looser. Damals wusste man, okay, als 14jähriger lerne ich den Job, aber mit 35 habe ich dann meine eigene Werkstatt. Heute geht das nicht mehr. Das Scheitern ist vorprogrammiert. Ein Teenager, der sieht, dass er in die Camorra eintreten kann, sei es mit einer peripheren Funktion und einem niedrigen Gehalt am Anfang, hat trotzdem bei den Mädchen einen sehr guten Stand. Er gilt als jemand, der keine Angst vor dem Gefängnis hat, der sich Respekt verschafft. Mein Buch hat ja sehr viel Erfolg unter Jugendlichen. Ich weiß natürlich, dass sie sich nicht für die ganzen Zeugnisse und Beweise interessieren, sie wollen einfach eine spannende Story. Und in meinem Buch spürt man schon die Faszination der Bosse, auch ich bin ihrem Mythos erlegen. Das gebe ich offen zu. Aber mir ging es darum, diesen Mythos nicht zu negieren, sondern ihn auseinanderzunehmen und nach den Ursachen zu suchen. Viele Jugendliche begreifen durch mein Buch zum ersten Mal, wie die Mechanismen der Camorra funktionieren, das sind Dinge, die sie vielleicht nach zehn Jahren in einem Clan durchschauen würden. "

Anders als die sizilianische Mafia, die auch auf höchster Ebene streng hierarchisch strukturiert ist, besteht die Camorra aus verschiedenen Clans, die sich mal mit dieser, mal mit jener Familie verbünden, was immer wieder zu kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen den Clans führt. Worin, Roberto Saviano, unterscheiden sich die neuen Bosse von den Bossen der achtziger oder neunziger Jahre?

"Hier in Neapel hat sich die Camorra stark verjüngt. Die Camorra hatte schon immer sehr junge Leute unter ihren Mitgliedern, aber heute gibt es in Secondigliano im Norden von Neapel capipiazza, also Sektionsleiter, die sechzehn Jahre alt sind, und das ist ein wichtiger Job. Ich habe Abhörprotokolle gelesen, die mich wirklich erschüttert haben, 16jährige kommandieren Truppen von Männern, die alle um die vierzig sind. Der letzte große Camorra-Krieg von Secondigliano 2004 , ein absolut grausamer Krieg, ist passiert, weil der Boss Cosimo Di Lauro versucht hat, seine alten Anführer los zu werden und sie durch jüngere zu ersetzen. Die alten waren ihm zu rigide, sie wollten nur in bestimmten Bereichen investieren. Di Lauro entschied, die alten zu eliminieren und neue an ihre Stelle zu platzieren. Tausende von Unternehmen in der ganzen Welt gehen nach demselben Prinzip vor, es war eine Art Modernisierung der mittleren Managementebene. Die neuen Bosse sehen übrigens auch anders aus als die alten. Sie lackieren sich die Nägel mit durchsichtigem Nagellack, sie depilieren sich, sie schminken sich die Augen, um ihren Blick gewinnender zu machen."

Eine der gespenstischsten Passagen in Gomorrha ist die über die Bedeutung des Kinos. Die Camorristi imitieren die Frisuren aus Pulp Fiction und Kill Bill von Quentin Tarrantino, und an einer Stelle zitieren Sie einen Ballistikexperten der sagt, dass die Camorristi seit Pulp Fiction anders schießen ...

"Die Modelle der Camorristi stammen ausschließlich aus dem Kino. Auch wenn sie auftreten, haben sie immer Filme im Kopf, ihre gesamte Außendarstellung bezieht sich darauf. Valter Schiavone hat sich in Casal di Principe genauso eine Villa gebaut wie Tony Montana in dem Film Scarface. Die Jugendlichen sprechen wie Donnie Brasco aus dem gleichnamigen Film. Wenn sie ihr kriminelles Charisma vermitteln wollen, wissen sie, dass sie sich wie Tony Montana oder Donnie Brasco verhalten müssen, denn dann kapieren alle, dass sie harte Typen sind. In Mailand kann man Tony Montana gut finden, in Casal di Principe kann man Tony Montana sein. Das verleiht einem ein Gefühl von Unsterblichkeit, ein Gefühl von unendlicher Macht."

Dabei wird dann auch das eigene Leben aufs Spiel gesetzt ...


"Genau das ist der Vorwurf, den die Camorristi bürgerlichen Geschäftsleuten gegenüber äußern: "Du bist ohne Risiko reich", sagen sie, mit anderen Worten: du bist nichts wert. Wer wirklich mächtig sein will, muss alles aufs Spiel setzen, auch das eigene Leben. Das ist die wahre Macht der Camorra: sie verwalten das Leben und den Tod ihrer Leute, es wird Teil der wirtschaftlichen Spekulation, so als sei das Leben ein spezielles Privileg. Jeder weiß genau, dass es jeden Moment vorbei sein kann."

Ihr Buch ist sehr erzählerisch gestaltet, Sie benutzen unterschiedliche Stile, manchmal gewinnt es auch Züge eines dokumentarischen Romans. Was versprechen Sie sich von der literarischen Gestaltung Ihres Stoffes, Roberto Saviano?

"Der Stil ist für mich zentral, denn ich wollte keinen Tatsachenbericht schreiben, sondern den Leser wirklich in die Geschichte hinein ziehen. Ich habe mich nie als Journalist verstanden, sondern immer als Schriftsteller, ich war auch nie gezwungen, eine bestimmte Nachrichtenlage zu übermitteln oder einen Artikel schreiben. Mein Selbstverständnis ist ein bisschen anders als das, was Schriftsteller in Italien normalerweise besitzen. Ich wollte mit Non-Fiction arbeiten, aber dennoch Geschichten erzählen, die ich erlebt habe und die mir von vornherein unglaublich episch erschienen. Das Material entstammt der Realität, aber ich wollte es narrativ entfalten. Die ganzen Spitznamen der Bosse sind sehr literarisch, das übersteigt eigentlich alle schriftstellerischen Phantasien: Francesco Schiavone, der Sandokan genannt wird, weil er ihm ähnelt, Nunzio de Falco, den sie lupo, Wolf getauft haben, weil er ein dreieckiges Gesicht hatte und struppige Haare, oder Luigi Giuliano aus Forcella, der immer viele amerikanische Geliebte hatte, und diese Frauen sagten: "I love Luigi", daraus wurde dann "Lovigino". "

Sie haben auch unzählige Abhörprotokolle durchforstet. Was war daran literarisch?

"Gerade die Telefongespräche waren für mich sehr episch, wie Geschichten. Es gibt ein Gespräch, in dem sich zwei Bosse über ihre illegalen Giftmülllagerungen unterhalten, ein Mitarbeiter macht sie darauf aufmerksam, dass sie auf diese Weise das Grundwasser verseuchen, und der eine Boss erwidert: "Ist doch egal, dann verkaufen wir eben Mineralwasser". Der schon erwähnte Schiavone sagt daraufhin zu Sandokan, "Aber wir vergiften das gesamte Land!", und er antwortet, "Ja und, wie lange hast du denn vor zu leben?", um auszudrücken, dass die Geschäfte ohnehin in der Gegenwart gemacht werden und nie für die Zukunft. An diesen Geschichten habe ich gemerkt, dass ich unmöglich mit Instrumenten der Fiktion arbeiten konnte, denn das hätte die Kraft dieser realen Episoden verwässert. "

Roberto Saviano, Sie stammen aus Casal di Principe, einer traditionellen Hochburg der Camorra. Hätten Sie ohne diese autobiographischen Erfahrungen Ihr Buch schreiben können?

"Wenn ich dort nicht geboren und aufgewachsen wäre, hätte ich größere Schwierigkeiten gehabt. Denn man muss begreifen, dass es eben gerade keine andere Welt ist. Ich bin da mitten drin groß geworden. Als Teenager habe ich plötzlich auch angefangen, drei Ringe zu tragen, so wie die Camorra-Killer das in unserer Gegend machen, als Zeichen für den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist, ich wollte damit vor allem meine Mutter erschrecken. Damals habe ich diese Leute einfach nachgeahmt, mich so wie sie verhalten. Aber dann habe ich ziemlich bald gespürt, dass ich Position beziehen musste. Ich erinnere mich an eine Predigt, die Don Peppino Diana auf einer Beerdigung gehalten hat. Don Peppino ist der Priester, der 1994 von der Camorra ermordet wurde, damals war ich sechzehn. Es war die Beerdigung von zwei Jungen, die indirekt von der Camorra getötet worden waren. Don Peppino war es leid, diese Art von Beerdigungen abhalten zu müssen. Er sagte damals: "Für mich ist es nicht wichtig zu wissen, wer Gott ist. Für mich ist es wichtig zu wissen, auf welcher Seite Ihr steht". Das ist mir nie wieder aus dem Kopf gegangen. Mich hat gerettet zu wissen, auf welcher Seite ich stehe. "


Die Camorra zwingt Ihnen jetzt eigentlich die Kategorien auf, die sie ihren eigenen Männern aufzwingt: Sie riskieren Ihr Leben. Macht Ihnen das nicht große angst?

"Meine einzige Angst ist die Angst vor Diffamierungen. Ich habe keine Angst zu sterben, daran denke ich zuletzt, auch wenn ich vielleicht als erstes daran denken sollte. Aber ich habe Angst vor Verleumdungen. Denn damit kann einen die kriminelle Macht, und nicht nur die, wirklich zerstören. Wer über die Camorra spricht, wird gefährlich. In Neapel haben wir alle über die Camorra gesprochen und geschrieben, alle mehr oder weniger auf demselben Niveau, in den Lokalzeitungen, ab und zu auch in einem nationalen Blatt. Als dann Gomorrha erschienen ist, hat das viele gestört. Viele hatten diese Haltung, naja, jetzt kommt da dieser junge Bescheidwisser-Typ ... Mich hat das sehr gekränkt. Denn es wurde so dargestellt, als sei ich strategisch vorgegangen. Auch Leute, die eigentlich auf derselben Seite kämpfen, haben mich plötzlich angegriffen. Nach dem Motto, der hier wird jetzt wichtig und berühmt durch den Schmerz, den wir tagtäglich aushalten müssen. Ich kann das durchaus nachvollziehen. Aber für mich war es wichtig, das Thema nach außen zu transportieren. Aber ich fühle mich sehr einsam. "

Sie sind in Italien jetzt sehr gefragt, Roberto Saviano, Sie treten im Fernsehen auf, hatten eine regelmäßige Radiosendung, schreiben große Geschichten für das Wochenmagazin Espresso, gerade wieder über den Müllskandal in Neapel. Wie wollen Sie diese Publizität nutzen? Ist Ruhm auch eine zwiespältige Angelegenheit?

"So lange ich so große Aufmerksamkeit bekomme, möchte ich das Camorra-Thema auf die Titelseiten der nationalen Blätter bringen. Die Zeitungen merken jetzt, dass ihre Leser das Phänomen begreifen wollen. Ich will das ausnutzen und Geschichten erzählen, die sonst nie so groß gebracht worden wären, nie. Manchmal wird es mir aber auch zu viel. Ich begreife mich schließlich als Schriftsteller, nicht als Camorristologe. Ich bin keiner von der Anti-Mafia-Kommission, ich bin kein Staatsanwalt, ich bin kein Kronzeuge. Eine Zeit lang habe ich mich sehr elend gefühlt. Als im September letzten Jahres alles hoch kochte und ich angegriffen wurde, bin ich zu meinem Agenten gegangen und habe ihm gesagt, "So, Schluss jetzt, ich will nie wieder schreiben, nimm' das Geld, was dir zusteht, und basta". Es war einfach unglaublich hart. Man hat versucht, meine Glaubwürdigkeit zu unterminieren. Die Staatsanwaltschaft und der Anti-Mafia-Pool haben mich gerettet. Das war eine schöne Erfahrung. Diese Leute haben sich wirklich auf meine Seite gestellt. Die Carabinieri haben das, was ihre Untersuchungen anging und bei mir vorkommt, bestätigt. Und der Staatsanwalt Raffaele di Antonio, der sich mit denselben Prozessen beschäftigt hat, die auch für mich wichtig waren, hat öffentlich gesagt, dass ich in vielen Fällen noch milde gewesen sei."

Roberto Saviano, grazie mille, und alles Gute.

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