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StartseiteBüchermarktDie rumänische Revolution mit Absurditätsschraube02.02.2015

Mircea CartarescuDie rumänische Revolution mit Absurditätsschraube

Mit seinem neuen Roman: "Die Flügel" hat der als möglicher Nobelpreisträger gehandelte rumänische Schriftsteller Mircea Cartarescu seine knapp 2.000 Seiten umfassende Trilogie "Orbitor" abgeschlossen. Im dritten Teil wendet sich Cartarescu, der für seine Ausflüge in fantastische und metaphysische Welten bekannt ist, überraschend der jüngsten rumänischen Geschichte zu.

Von Jan Koneffke

Weiterführende Information

Unverbesserlicher Träumer
(Deutschlandradio Kultur, Fazit, 23.05.2012)

Mircea Cartarescu bekommt Internationalen Literaturpreis
(Deutschlandradio, Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts, 23.05.2012)

Sinn und Erkenntnis
(Deutschlandfunk, Büchermarkt, 16.11.2011)

Zauber und Schrecken der Kindheit
(Deutschlandradio Kultur, Buchkritik, 10.09.2011)

Abgedrehte Jugenderinnerungen voll Wahn und Irrsinn
(Deutschlandfunk, Büchermarkt, 05.09.2011)

Der erste Satz des neuen Romans von Mircea Cartarescu umreißt die Zeit seiner Handlung erstaunlich konkret: "Es war im Jahre des Herrn 1989". Und in der Tat spielt das Buch, von Rückblenden und Parallelgeschichten abgesehen, in den Tagen der rumänischen Revolution. Freilich läßt sich der Begriff "Handlung" auf Cartarescus Bücher ebenso schwer anwenden wie auf die Werke etwa von Marcel Proust oder James Joyce. Doch auch das rumänische Publikum hatte nicht damit gerechnet, dass sich Cartarescu in diesem letzten Band seiner Trilogie an der jüngsten Geschichte abarbeiten würde.

"Letztendlich ist der dritte Teil von ‚Orbitor' ein integraler Bestandteil des Ganzen, in ihn sind seinerseits metaphysische, kosmische, fantastische Themen eingewebt, aber er taucht auch in die Geschichte ein, ein Umstand, der Kritiker und Leser verwundert hat. Das ist aber von Anfang an vorbereitet, seit dem ersten Band, es gibt immer wieder Anspielungen, Beobachtungen, die ab Mitte des zweiten Bandes den Roman mehr und mehr zur historischen Geschichte öffnen, nicht aber zu einer realen, konkreten Geschichte, sondern zu einer Geschichte, die ins Groteske, Satirische gewendet und zu ihrer geradezu pamphletistischen Vision wird. Ich würde nicht meinen, dass es sich hier um etwas völlig Neues handelt, aber der dritte Band verleiht der Historie mehr Gewicht, also dem, was Joyce als ‚Albtraum' bezeichnete, ‚aus dem wir nicht mehr erwachen können'.

So ist es: Zwar sind alle Details bei der Schilderung der gestohlenen rumänischen Revolution historiografisch belegt und für den, der sich auskennt, wiederkennbar – doch entstellt der Autor den realen Albtraum zu einer Kenntlichkeit, die ihn umso bizarrer, grotesker und irrwitziger macht. Das zeigt sich beispielsweise am Ceausescu-Palast, der in Cartarescus Beschreibungen noch grauenhafter, monströser und apokalyptischer wirkt, als er bereits ist. Belege der Überzeichnungskunst und schwarzen Komik des Autors finden sich aber auch, wenn er dem Diktator im Laufe seiner Herrschaft elf Doppelgänger andichtet:

"Etwa zu jener Zeit hatte der Staatschef die Gabe der Allgegenwart erlangt. Da er trotz seiner Arbeit vom Tagesanbruch bis in die Nacht nicht mehr mit allen (...) Pflichten fertig wurde, hatte er beschlossen (...) seine Obliegenheiten vertrauenswürdigen Männern anzuvertrauen. (...) So kam es, dass die Securitate eine umfassende, streng geheime Operation entfaltet hatte (...), durch die perfekte Doppelgänger des Genossen entdeckt wurden, die auf den ganzen Erdball verteilt wurden, und zwar derart, dass an keinem Krisenherd der Welt ein Ceausescu fehlte. Der eine vermittelte zwischen Palästinensern und Israelis im Vorderen Orient, ein anderer besichtigte die Automobilfabrik in Pitesti ... ein Ceausescu hatte am Flughafen ungeduldig Nixon erwartet und ihn beharrlich sekkiert, während sie die Ehrenwache abschritten: 'Hast du mir Jeans mitgebracht?´"

Doch auch an dieser Absurditätsschraube dreht Cartarescu noch weiter, der Einsicht entsprechend, dass die mit Grauen verbundene Komik der Ceauscescu-Zeit nur auf diese Weise erzählt werden kann, nämlich dort, wo er aus dem späten Diktator, der sein Volk in den 80er-Jahren aufs Blut drangsalierte, den dreizehnten Ceausescu macht, der als Homunkulus im zwölften Ceausescu heranwächst:

"Im Brustkorb des Generalsekretärs befand sich noch ein weiterer Ceausescu, vorerst nicht größer als ein Finger, der aber Minute um Minute aus dem Fleisch seines Wirts wuchs, das er blutdürstig verschlang".

Das überaus zweifelhafte Revolutionskomitee wiederum wird bei Cartarescu zur Zirkustruppe, angeführt von einer Riesin, die in Trachtenbluse und mit der Trikolore als Symbolfigur der Revolution selber auftritt, und von den geilen Revolutionären im Schlaf vergewaltigt wird, aber aus anatomischen Gründen so, dass sie buchstäblich in ihr verschwinden:

"... der Erste trat näher an das riesige Portal der schlafenden Schönen heran. Er verschmolz gänzlich damit; nach einigen Minuten mechanischer Zuckungen in jenem umhüllenden und feuchten Fleisch, das ihn ganz und gar eingeschlossen hatte, stürzte er mit verdrehten Augen auf den Fußboden."

Nach dieser Episode kann ein junger Revolutionär mit Fug und Recht feststellen, was im übertragenen Sinne vom Nachfolger Ceausescus, Ion Iliescu, im Roman wiedererkennbar als der "Mann-mit-zwei-Müttern", und den Seinen historisch verbürgt ist: "'Mein Gott, was haben wir getan? Wir haben die rumänische Revolution gefickt!´" Zu diesen aberwitzigen Passagen gehört aber auch der Aufmarsch der Statuen, die während der Revolutionstage lebendig werden, und ausgerechnet den von seinem Denkmalssockel steigenden Lenin zu ihrem Anführer küren. Oder der Moment, in dem der Vater des Erzählers Mircea, dem Alter Ego des Autors, sein Parteibuch verbrennt und vor dem dicken Qualm in der Küche, zusammen mit seinem Sohn, auf den Balkon stürzt:

"Es war nicht nötig, mich zu den Hunderten Fenstern unseres Wohnblocks um zu sehen, wo Hunderte von Wellen weißlichen Rauchs aus fast allen Küchen hinaufzogen ..."

Fantastisches und Groteskes traf man auch in den ersten beiden Büchern, "Die Wissenden" und "Der Körper", an. Metaphysische Kapitel und reine Poesie – "Ich habe einen Augenblick auf der Erde gelebt. Das Aufflammen eines Zündholzes zwischen gigantischen Handflächen vor dem Wind geschützt" – sind ihrerseits Bestandteile des letzten Bandes. Trotzdem weist er eine den beiden Vorgängern fremde Sprach- und Darstellungsebene auf, die ihn umso reicher und lebendiger macht.

"Wenn es etwas Neues und gänzlich Unterschiedenes im dritten Band gibt, ist es nicht die epische Handlung, sondern die Vielfalt der Stimmen. Ich habe in diesem Buch andere Erzähltechniken ausprobiert, das heißt, ich habe aus dem indirekten Erzählstil eine Art Hauptfigur des Buches gemacht. So habe ich versucht, zahllose Stimmen aufzuzeichnen, die Stimmen der Leute, Stimmen von denen, die an der Revolution teilnahmen, die dafür oder dagegen waren, die von ihr profitiert haben, die Naiven, die Begeisterten und so weiter, lauter Stimmen, die Ideen in Umlauf setzen, bei denen es sich oft um Klischees handelt, den Schlamm der Sprache und des Verhaltens, der Mentalität und so weiter. All diese Stimmen zusammen bringen einen Roman der Menge hervor, die an einer gigantischen Parodie teilnimmt. Deshalb sagte ich, dass der Abstieg in die Geschichte ein Abstieg in eine historische Parodie ist, in die Verhöhnung der Geschichte, in ihr Klischee, über paranoide, schizophrene Stimmen, die man während der Revolution und im letzten Jahr des Kommunismus überall hören konnte, auf den Straßen, an den verschiedensten Orten. Ich habe versucht, ätzende, gewaltsame, pamphletistische Seiten zu schreiben, die meine Wut ausdrücken, sei es auf die, die mich mit ihrem unsinnigen, absoluten Dogma um meine Jugend betrogen haben, sei es auf jene, die mich selbst nach dem Ende des kommunistischen Albtraums weiterhin bestohlen haben. So kann man sagen, dass ich im dritten Band persönlich stärker involviert bin und mit anderen Bereichen meines Bewusstseins als in den vorangegangenen Bänden. Dies hier ist Wut, Swift'esche Satire, Pamphlet.

Dennoch fehlen in "Die Flügel" keineswegs die Phantasmagorien, Herkunftsgeschichten und bezaubernden Kindheitserinnerungen der früheren Bücher. Mircea Cartarescu, dem das Wort "'Literatur' immer als schöne Lüge verdächtig war", der seine schriftstellerische Arbeit eher als "Wissenschaft" und Erkenntnismöglichkeit betrachtet, bleibt auch im letzten Band seinem Anspruch treu:

"'Orbitor' ist in meiner Vorstellung eher ein Substitut der Welt, also ich wollte mit meinen schwachen Möglichkeiten das Ideal Mallarmes erreichen, das Ideal einer Welt, deren Zweck es ist, ein Buch zu erschaffen, ein Buch, das der Welt wiederum überlegen ist und sie ersetzt. Ich habe mir ‚Orbitor' immer als eine Art Zeitkapsel vorgestellt, aus der jemand, der sie in hundert Jahren öffnen würde, meine persönliche Welt rekonstruieren könnte. ‚Orbitor' ist in gewisser Weise mein Schädel mit allem, was er enthält, eine Karte meines Bewusstseins, eine Karte meines Geistes."

Nicht zu Unrecht vergleicht Mircea Cartarescu seine Trilogie sprachlich mit "Finnegans Wake", was nicht zuletzt ein Fingerzeig auf den Schwierigkeitsgrad der Lektüre ist, und inhaltlich mit der "Göttlichen Komödie" von Dante, allerdings in umgekehrtem Sinne. Denn wo die "Göttliche Komödie" ein Aufstieg ist, erzählt "Orbitor", auf knapp zweitausend extrem symmetrisch und erzählerisch glänzend organisierten Seiten, im ersten Band von der Vertreibung aus dem Paradies der Kindheit, erreicht im zweiten Band das Purgatorium jugendlicher Körpererfahrung und endet in der Hölle der Geschichte.

Doch am Ende dieses Endes findet dann doch noch der längst ankündigte metaphysische Umschlag statt, der eschatologische Moment, in dem Apokalypse und Wiederauferstehung zusammenfallen und sich der Erzähler als Weltenschöpfer geriert – das aber mit der gebotenen postmodernen Ironie. Denn das große Finale, bei dem alle Figuren der drei Bücher nochmals zusammentreffen, die Wiederauferstehung der geschundenen Seelen, ereignet sich ausgerechnet im monströsen Ceausescu-Palast, den das Regime, euphemistisch, als "Haus des Volkes" bezeichnete.

Übrigens steht Cartarescu mit dieser Wendung in der rumänischen Literaturtradition nicht allein. Schon sein großer Vorgänger, Tudor Arghezi, schrieb in den 30er-Jahren eine bittere Gesellschaftssatire, die in der Wiederauferstehung der Toten gipfelte. Der Vergleich seines dritten Bandes mit Arghezis Roman "Der Friedhof", die beide, besonders an ihrem Ende, auf eine eigensinnige, christlich-orthodoxe und orientalische Tradition, verweisen, stört Mircea Cartarescu nicht.

"Ich habe das nicht bewusst gemacht, also ich war mir darüber nicht im Klaren, aber jetzt, wo Sie das sagen, fällt es mir auf und es ist ein für mich sehr beglückendes Zusammentreffen, und wenn ich mit diesem Roman verglichen werde, bin ich sehr stolz."

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