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StartseiteBüchermarktMischung aus Operettenfigur, Mafiaboss und Massenmörder28.08.2011

Mischung aus Operettenfigur, Mafiaboss und Massenmörder

Ngugi wa Thiong'o: Herr der Krähen

Ngugi wa Thiong'o schildert die fiktive Geschichte eines despotischen afrikanischen Staates geformt als fantastische Parabel, als eine Operation am offenen Herzen von Weltwirtschaft und Weltpolitik. Ein Roman, der aufs Ganze zielt.

Von Ursula März

Ngugi wa Thiong’o (Murdo MacLeod)
Ngugi wa Thiong’o (Murdo MacLeod)

Den Schriftsteller, der seine Kindheit unter anderem mit diesem Satz beschrieb:

"Oft drängten wir uns um denjenigen, der erzählte, und wenn er es richtig gut konnte, war er sofort unser erklärter Held."

Diesen Schriftsteller kennen Sie, verehrte Hörer und Hörerinnen mit einiger Wahrscheinlichkeit nicht. Machen Sie sich deshalb keine Sorgen um den Radius Ihres literarischen Kenntnisstandes. Denn dieser bildet ganz einfach die historischen und strukturellen Bedingungen der literarischen Weltkarte ab. Sie enthält blinde Flecke. Und Schwarzafrika, das heißt, Afrika südlich der Sahara, ist ein besonders blinder Fleck. Aber es wäre gut, wenn Sie sich den Namen dieses Schriftstellers merken würden, er heißt Ngugi wa Thiong´o, er stammt aus Kenia und er nimmt in der Liste der internationalen Autoren, die als besonders heiße Kandidaten auf den Literaturnobelpreis gelten (Haruki Murakami, Cormac Mc Carthy, Claudio Magris, Philip Roth...) einen Spitzenplatz ein. Er ist mit Abstand der unbekannteste - zumindest in unseren Breitengraden. Und wie man sich in den Kulturmilieus von Tokio oder Nairobi im Herbst 2009, als Herta Müller von der Schwedischen Akademie zur neuen Nobelpreisträgerin gekürt wurde, vermutlich fragte, wer diese Frau Müller eigentlich ist und wie es dazu kommt, dass sie, obwohl in einem osteuropäischen Land namens Rumänien geboren, in deutscher Sprache schreibt, so ist es denkbar, dass in diesem, im nächsten oder übernächsten Jahr die internationalen Presseagenturen den Namen eines Literaturnobelpreisträgers vermelden, auf den wir mit nichts als einem einzigen großen Fragezeichen reagieren. Besser gesagt: mit einer ganzen Reihe von Fragezeichen.

Mehr als es momentan Bücher von Ngugi wa Thiong´o auf dem deutschen Buchmarkt gibt. Wo kommt der her? In welcher Sprache und was schreibt er überhaupt? Wo lebt er? Welche Hautfarbe hat er und wie spricht man seinen zungenbrecherischen Namen eigentlich aus? In seiner Autobiografie "Träume in Zeiten des Krieges. Eine Kindheit", die im vergangenen Jahr auf Deutsch erschien, schreibt der 1938, also noch unter englischer Kolonialherrschaft, als Sohn einer Bauernfamilie geborene Kenianer Ngugi wa Thiong´o:

"Meine Mutter war ziemlich gut darin, jeden Tag eine warme Mahlzeit herbeizuzaubern, aber wenn man Hunger hat, sucht man sich besser etwas, irgendetwas, womit man sich vom Gedanken an Essen ablenkt. Ich tat das oft, wenn die anderen Kinder zur Mittagszeit das mitgebrachte Essen herausholten, und diejenigen, die in der Nachbarschaft wohnten, in der Mittagspause nach Hause gingen. Ich tat dann so, als müsste ich irgendwohin, wenn ich mich in Wahrheit nur in den Schatten eines Baums oder hinter einen Busch, weit weg von den anderen Kindern, zurückzog, um ein Buch zu lesen, irgendein Buch, denn viele Bücher gab es nicht, und deswegen waren sogar die Mitschriften der Schulstunden eine willkommene Ablenkung."

Vor einem Vierteljahrhundert ging der Nobelpreis für Literatur zuletzt an einen Schriftsteller aus Schwarzafrika, an den Nigerianer Wole Soyinka im Jahr 1986. Nach der geopolitischen Verteilungslogik der Schwedischen Akademie stehen die Chancen für den1982 zunächst nach London, dann in die USA emigrierten und heute in Kalifornien englische und vergleichende Literaturwissenschaft lehrenden Ngugi wa Thiong´o folglich recht gut. Er erhielte den höchsten Literaturpreis der Welt für ein Werk aus Romanen, Theaterstücken, politischen Essays, das seit den frühen sechziger Jahren entsteht. Aber er erhielte ihn wohl vor allem für ein Buch: "Herr der Krähen". Denn dies ist sein opus magnum. Ein Universalepos von fast tausend Seiten. Ein Roman, der nicht weniger ist als eine ebenso umfassende wie narrativ verästelte Parabel der Situation Schwarzafrikas, seiner Geschichte und Gegenwart, seines kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Charakters. Kurzum: ein Roman, der aufs Ganze zielt.

"Über die Krankheit des Herrschers existiert ein Bericht innerhalb eines Aufsatzes des angesehenen Harvard-Professors Din Furyk. Der Professor hatte gehofft, ihn auf der Jahrestagung der Euro-American Medical Association vortragen zu können und termingerecht eine Kurzfassung eingereicht, doch die Beschreibung der Krankheit klang derart unglaubwürdig, dass man es ihm verwehrte, den Vortrag zu halten. Der Professor gab jedoch nicht auf. Er schickte seinen Aufsatz an Nature&Nurture, eine berühmte englische Fachzeitschrift, aber die Herausgeber, der zunächst durchaus Interesse bekundet hatte, änderten nach der Lektüre ihre Meinung. Sie sagten, eine Veröffentlichung des Aufsatzes könne die Beziehungen zwischen England und Aburiria in Wissenschaft und Technologie belasten, weil es bei de Krankheit um das Staatsoberhaupt eines befreundeten Staates ginge. Eine andere Fachzeitschrift schickte den Aufsatz zurück und empfahl dem Verfasser stattdessen einen anrüchigen Science-Fiction-Verleger."

Man könnte "Herr der Krähen", was die monumentale Anstrengung und historische Bedeutung des Romans betrifft, vielleicht neben "Hundert Jahre Einsamkeit" von Gabriel Garcia Marquez aus dem Jahr 1967 einordnen, oder, um ein Beispiel neueren Datums zu nehmen, neben "Unendlicher Spaß" von David Foster Wallace von 1996. Das heißt, in die Reihe jener Bücher der Weltliteratur, in denen sich das Bewusstsein eines ganzen Kontinents oder das Nervensystem einer ganzen Epoche verdichtet - wenn auch im Rahmen der jeweiligen ästhetischen Tradition und ihrer Referenzen.

"Es schien, als hätte sich der Körper des Herrschers wie ein Ballon aufgebläht, sein Körper wurde immer aufgedunsener, ohne dass sich die Proportionen der einzelnen Körperteile veränderten. Dr. Wilfred Kaboca, der ihn als Erster untersuchte, rief sofort nach Machokali als Zeugen für seine Behandlung des Kranken. Machokali seinerseits rief alle anderen Minister einschließlich der Sicherheitsleute herbei, die entgeistert vor diesem unheimlichen Anblick standen. Der Herrscher stand offenbar nicht nur kurz vor dem Platzen, er hatte auch seine Fähigkeit zu sprechen verloren. Die Minister zogen sich zur Beratung zurück, um zu überlegen, wie mit der Krankheit des Herrschers und den zahllosen Problemen, die sie hervorrief, umzubringen war. Wo sollten sie ihn unterbringen? Es wurde entschieden, er solle auf dem Fußboden sitzen und schlafen. Was konnte er anziehen? Als seine Hypertrophie weiter fortschritt, rissen die Nähte seiner Kleider; der Herrscher schien in Lumpen gekleidet zu sein. Doch was konnte man gegen die unverminderte Aufblähung unternehmen? Wie sollte man sie aufhalten oder verlangsamen?"

Für den deutschen Leser, der nicht zufällig Afrikanistik studiert hat, ist die literaturgeschichtliche Einordnung dieses kenianischen Romans nicht ganz leicht. Dass Marquez ohne den magischen Realismus Südamerikas nicht denkbar ist, dass bei Wallace die westliche Postmoderne eine Rolle spielt, das ist uns ja irgendwie klar, weil wir Vergleiche haben. Nur - seien wir ehrlich - für die Lektüre dieses Riesenwerks haben wir kaum solide Vergleiche. Wir ahnen allenfalls, dass sich der legendenhafte Erzählton, die mäandernde Erzähldramaturgie und die überaus gleichmäßige Erzählweise der afrikanischen Tradition oraler Literatur verdanken. Ein Schriftsteller indes, der seine Kindheit im Sog des Geschichtenerzählens und Geschichtenzuhörens verbracht hat, der weiß sein Leben lang, welches Mittel jede kulturelle Schwellenscheu vertreibt: Humor. Nach den ersten 20 von diesen tausend Seiten sind philologische Selbstzweifel verschwunden. Man steckt mitten in der Lektüre einer Satire von hohen Gnaden und wartet nur noch auf den nächsten humoresken Einfall.

"Links vom Herrscher saß ein anderes Kabinettmitglied: der Staatsminister im Büro des Herrschers, in einem weißen Seidenanzug, ein rotes Taschentuch in der Brusttasche und selbstverständlich ebenfalls mit Parteikrawatte. Auch er hatte als wenig herausragender Abgeordneter angefangen und wäre vermutlich nie über die Hinterbank hinausgekommen, wenn er nicht, als er vom Glück hörte, das über Machokali gekommen war, beschlossen hätte, es diesem gleich zu tun. Da er nicht über ausreichend Geld verfügte, veräußerte er heimlich den Acker seines Vaters und borgte sich den Rest zusammen, um sich ein Flugticket nach Frankreich und ein Krankenhausbett in Paris zu kaufen, wo er sich die Ohren vergrößern ließ, um, wie er in einer Erklärung mitteilte, besser hören zu können und die privatesten Unterhaltungen zwischen Mann und Frau, Kindern und ihren Eltern, Schülern und Lehrern, Priestern und ihren Gemeindemitgliedern, Psychiatern und ihren Patienten belauschen zu können - und dies alles im Dienst des Herrschers. Seine Ohren waren größer als die eines Kaninchens und beständig aufgestellt, um zu jeder Zeit und aus allen Richtungen Gefahren ausmachen zu können."

Die Handlung von "Herr der Krähen" ist kurz gefasst folgende: In der Freien Republik Aburiria herrscht ein moderner Despot, eine Mischung aus Operettenfigur, Mafiaboss und Massenmörder. Beides, Staat und Herrscher, sind als fiktive Prototypen, durchaus im brechtschen Sinn, für jene Länder Afrikas zu verstehen, die nach der Befreiung von der Kololonialherrschaft Mitte des 20. Jahrhunderts in die Unfreiheit eines autoritären, korrupten Ein-Parteien-Regimes gerieten. Ngugi wa Thiong´o selbst wurde wegen des kritischen Inhalts seiner Schriften 1977 inhaftiert, gefoltert und aus dem Amt als Fachbereichsleiter für englische Literatur an der Universität Nairobi entfernt. Der Despot von Aburiria träumt nun von einem gigantischen Bauwerk zu seinen Ehren. "Marching to Heaven" soll das architektonische Monstrum heißen, welches stark an den Turmbau zu Babel erinnert. Geld muss her, genauer gesagt: ein fetter Kredit der "Global Bank" in New York. Der Wahnsinn des Bauprojekts, der Aufstieg des Projektleiters zur Kultfigur einer magischen Zauberers und Schamanen, ist der Kern der Erzählung. Um ihn herum wächst sich nun das Fruchtfleisch des Romans zur epischen Großfantasie aus. Gefüllt mit einer Fülle von Einzelepisoden, die sich trennen und nach vielen Buchseiten wieder begegnen, mit einem Figurenensemble, das von der Staatsministerriege bis zu den Scharen von Bettlern reicht, die sich vor Hunger kaum auf den Beinen halten können. Darunter im Ausland erstklassig ausgebildete, in Aburiria vom Straßenmüll lebende, obdachlose Akademiker.

"Es ging das Gerücht um, dass die Mitglieder der Delegation eine Menge Bares mitgebracht hatten, das an die Armen verteilt werden sollte, denn schließlich hieß die Global Bank nicht umsonst so. Außer den geladenen Gästen, die in Mercedeslimousinen samt Fahrer vorfuhren, und anderen, für die Anwesenheit Pflicht war, hatten sich deshalb noch viele weitere Menschen versammelt. Barfüßig warteten sie voller Hoffnung vor den Tores des Paradieses auf die Brosamen der Freigiebigkeit. Die Menge, die sich vor den Toren versammelte, gliederte sich in drei unterschiedliche Gruppen. Die Polizei war da, um die Besucher vor jeglicher Störung durch zwielichtige Bettler zu schützen. Die hochrangigen Gäste sollten nicht den Eindruck bekommen, es gäbe in Aburiria Konflikte. Wenn man Gelder für Marching to Heaven einwerben wollte, war es wichtig, das Bild eines friedlichen Landes zu vermitteln. Die Medien waren in großer Zahl erschienen, denn wie auch immer man zu der Angelegenheit stand, die Sache war eine Nachricht wert. Keiner hatte je davon gehört oder gelesen, nicht einmal im Buch der Rekorde, dass ein Land um einen Kredit für ein derartiges Vorhaben nachgesucht hatte, zumindest nicht in jüngerer Zeit. Das einzige vergleichbare Vorhaben stammte aus biblischen Zeiten, nur waren die Kinder Israels damals nicht in der Lage gewesen, den Turm zu Babel zu vollenden."

Die gegenseitigen Delegationsbesuche der Global Bank in Aburiria und dessen Herrscher in New York dürften als satirischer Höhepunkte gelten - wollte man diesen Begriff auf die flächige, melodisch gleichsam undynamische Erzählung überhaupt anwenden. Darin, im Kontrast zwischen dem Understatement der unaufgeregt berichtenden Erzählstimme und den horriblen, absurd-schaurigen Ereignissen, die sie vorträgt, liegt großer Reiz. Aber das eigentliche künstlerische Gewicht von "Herr der Krähen" verdankt sich noch einer anderen Kombination. Ngugi wa Thiong´o transportiert ohne den Effekt falscher Naivität die Erzähltraditionen seiner Heimat ins Zentrum aktueller Tagesnachrichten. Denn sein Roman ist, wenn auch geformt als fantastische Parabel, nichts anderes als eine Operation am offenen Herzen von Weltwirtschaft und Weltpolitik.

"Während der Krisensitzung im State House wurde deutlich, dass den Herrscher am meisten die Beobachtung des wahnsinnig gewordenen Motorradfahrers beschäftigte, die Menschenschlangen hätten weder Anfang noch Ende. "Das hört sich gefährlich an, oder?" fragte er das Kabinett ohne jeden Anflug von Humor. Sikiokuu antwortete als Erster und meinte, da es bekanntlich in ganz Aburiria verboten sei, dass sich mehr als fünf Personen ohne polizeiliche Erlaubnis versammelten, sei das ungenehmigte Schlangestehen ein eindeutiger Rechtsbruch, der zudem der Welt signalisiere, nicht nur die Arbeitslosigkeit habe krisenhafte Ausmaße angenommen, sondern es bestünden gleichzeitig Versorgungsengpässe. Das sei katastrophal für das Ansehen des Landes. Warum aber geschehe das alles jetzt, während die Global Bank Delegation im Land sei? Um Investoren abzuschrecken? Gab es Personen in ihrer Mitte, die heimlich die Bürger aufstachelten, Warteschlangen zu bilden als ersten Schritt für einen Massenaufstand? Vielleicht hatten diejenigen, die die Bankvisite arrangierten, noch andere politische Karten im Ärmel. "Verbieten Sie Warteschlangen. Ja, schicken Sie sie auf den Weg, den auch die Bewegung für die Stimme des Volkes gehen muss" fügte Sikiokuu hinzu und zog zur Betonung an seinen Ohrläppchen."

Ngugi wa Thiong´o schreibt seit vielen Jahren nicht mehr in englischer Sprache, in der Sprache, in der er studierte und ausgebildet wurde, der Sprache der ehemaligen Kolonialmacht also. Er legte 1976 seinen christlichen Vornamen James ab und kehrte 1977 literarisch zu seiner Muttersprache Gikuyu zurück. Auch "Herr der Krähen" wurde vom Autor im Original in Gikuyu verfasst, dann von ihm selbst ins Englische übersetzt - und nun von Thomas Brückner ins Deutsche. Veröffentlicht wird der Roman vom Münchner A1 Verlag. Man sollte sich für ein Unternehmen wie dieses den üblicherweise verwendeten Begriff "Kleinverlag" mal abgewöhnen. Denn was ein solcher Verlag - zu nennen wären hier auch der Heidelberger Verlag Das Wunderhorn, der Verlag Peter Hammer in Wuppertal - für unseren Buchmarkt, für unser Kulturwissen leistet, das hat mit klein wahrhaftig nichts zu tun, sondern mit einem verlegerischen Idealismus, der gigantisch ist. Betrachtet man die deutschsprachige Publikationsgeschichte des Nobelpreisanwärters Ngugi wa Thiong´o (auch Suhrkamp ist mit zwei Titeln vertreten, verlor dann aber wohl das Interesse) begreift man auf einen Blick den enormen Beitrag solcher Verlage zu unserem Wissen über Literatur, die jenseits des europäischen und amerikanischen Tellerrands entsteht. Unnötig zu sagen, dass A1 die tausend Romanseiten nicht einfach auf den Markt haut, sondern mit einem vorzüglichen, philologisch und historisch informativen Begleitheft flankiert. Wie ein wirklich guter Verlag so was haltmacht.

(A1 Verlag)Ngugi wa Thiong’o: Herr der Krähen (Buchcover) (A1 Verlag)Buchinfos:
Ngugi wa Thiongo: "Herr der Krähen". Roman. Aus dem Englischen von Thomas Brückner. A1 Verlag München 2011. 944 Seiten. 29,90 Euro

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