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StartseiteThemen der WocheMissbrauch von Missbrauch27.02.2010

Missbrauch von Missbrauch

Kirchliche Verantwortung und der Umgang mit Fehlern

Missbrauch. Missbrauch von Kindern. Missbrauch von Alkohol. Diese Verknüpfung zweier Straftatbestände setzte sich am Anfang der Woche unweigerlich in den Kopf, als es nach der katholischen auch die evangelische Kirche traf. Gegen diesen Gedanken konnte man sich kaum wehren.

Von Hubert Maessen, freier Autor

Ist zurückgetreten: Margot Käßmann (AP)
Ist zurückgetreten: Margot Käßmann (AP)

Die Symmetrie (oder Parallelität) der Vorgänge befriedigt unseren etwas schlichten Sinn für Ordnung, für Ausgleich und Gerechtigkeit. Aber auch die kokett-verzweifelte, angeblich realistische Weltsicht: Sie sind doch alle gleich! Das Getränk der Bischöfin Käßmann führte sogar schnurstracks zur Autorität der Bibel, wo alles schon geschrieben steht: Sie predigen Wasser und trinken Wein. Ein Karikaturist der "Süddeutschen Zeitung" hat das vorgestern mit ein paar Federstrichen illustriert: Da watschelt ein wohlgenährter, dick-schwarzer Pfaffe durchs Bild, bei sich einen unschuldig weiß gewandeten Ministranten, auf dessen Kopf Unheil verheißend die feste führende Hand des Gottesmannes liegt. Dahinter schreitet eine zufrieden lächelnde Flasche Wein, den Arm um die Schulter einer kleinen Pastorin gelegt, die mit wippendem Beffchen und dem Weinglas in der Hand glücklich und munter lustwandelt. Die Krone dieses Bildes ist die kommentierende Beschriftung: "DIE KIRCHEN: SEX AND DRUGS ... Fehlt nur noch Rock 'n' Roll". Beißen wir mit dem Satz "Satire darf alles" die Zähne zusammen und seien wir dankbar dafür, dass diese Karikatur uns die Infamie des in eins setzenden Vergleichs schlagartig vor Augen führt. Der heimliche sexuelle Missbrauch von Kindern, die in die Obhut der Kirche gegeben wurden, die man vor Himmel und Hölle zittern lässt, das ist ein schweres und abscheuliches Verbrechen, welches mit der Tat der Bischöfin Käßmann überhaupt nicht verglichen werden darf. Frau Käßmann hat mit ihrer trunkenen Fahrt das Gesetz verletzt, aber sie war und ist zuallererst ihr eigenes Opfer. Die Gefährdung anderer Menschen durch einen Unfall wäre möglich gewesen, aber sie blieb abstrakt. Wo soll es da eine sinnvolle und irgendetwas lehrende Verknüpfung mit den Untaten im Sprengel der katholischen Kirche geben? Nein, die Tatbestände sind völlig unvergleichlich, und der Versuch, sie auch nur irgendwie als Delikte zu verbinden, der ist ungeheuerlich. Nicht nur ist das eine bodenlose Beleidigung der unglücklichen Bischöfin, sie derart mit Kindesmissbrauch zu kontaminieren, vor allem aber ist es doch eine entsetzliche, dem Verbrechen Vorschub leistende Verharmlosung, wenn der Griff nach dem Kind dem Griff nach der Flasche ähnlich sein soll. Solche Gedanken, die sich – wie gesagt – am Anfang der Woche heranschlichen, die müssen wir uns aus dem Kopf schlagen. Sie führen in die Irre. Auch gemeinsame, sozusagen ökumenische Lösungen kann es nicht geben. Frau Käßmann konnte persönliche Konsequenzen ziehen und zurücktreten. Wer sollte das bei den katholischen Brüdern tun?

Dennoch haben die Fälle miteinander zu tun, dadurch, dass sie beide großen christlichen Konfessionen belasten. Deren Wahrhaftigkeit steht in Zweifel. Glaubwürdigkeit und ihre davon abhängende Autorität sind gefährdet. Giftige Vorurteile werden bestätigt. Religionsskeptikern ist das alles eine willkommene Bestätigung: So sind die Pfaffen, so waren sie immer – und so waren und sind die Pfaffenfresser aber auch immer, da hält sich aktueller Schaden in Grenzen.

Schlimmer ist es mit denen, die mal den Weihnachtsgottesdienst besuchen und vorsichtshalber gesegnet ins Grab gehen wollen. Bei denen können die Kirchen viel verlieren, bis hin zum Austritt. Man darf gespannt sein auf die kommenden Zahlen. Die träfen dann übrigens nicht nur die Kirchen, sondern, bei aller Distanz von Staat und Kirche, auch das Land. Der Sozialstaat beispielsweise wird sich wundern, wenn die das Geld durch aufopfernden Einsatz verdoppelnden Kirchen nach und nach aus der Wohlfahrt aussteigen müssen.

Wie sollen die Kirchen das Vertrauen, die Autorität wiedergewinnen? Beide müssen Zeit ins Land gehen lassen, müssen ihre Botschaft derweil glaubhaft machen. Aber anders als die Protestanten hat die katholische Kirche ein fast unlösbares Problem. Sie muss den Missbrauch aufklären und aufarbeiten. Und das bedeutet: Auf lange Zeit wird sie diese Wunde zeigen müssen. Wann die geheilt sein kann, wer will das sagen? Auf keinen Fall darf der Christ sich aus der Krise bestätigen lassen, dass der Mensch eben sündhaft und fehlbar sein müsse, auch vom Jesuitenlehrer bis zur Bischöfin. Dass dadurch Missbräuche mancherlei Art einen höheren Sinn haben, das nämlich ist auch so ein Gedanke, den wir uns vielleicht besser aus dem Kopf schlagen.

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