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StartseiteDLF-MagazinMissbrauchsopfer geht in Hungerstreik05.07.2012

Missbrauchsopfer geht in Hungerstreik

Opfer fordern Aufhebung der Verjährungsfristen

Als Norbert Denef den Pfarrer und den Kirchenangestellten, die ihn als Kind sexuell missbrauchten, anzeigen will, sind deren Taten bereits verjährt. Gegen die Verjährung von sexuellen Gewalttaten wehrt sich der Anfang 60-Jährige jetzt mit einem Hungerstreik.

Von Rainer Link

Der Papst ließ in einem Brief an Denef schreiben "dass er für mich betet, dass ich wieder vergeben kann. " (dpa picture alliance / Markus C. Hurek)
Der Papst ließ in einem Brief an Denef schreiben "dass er für mich betet, dass ich wieder vergeben kann. " (dpa picture alliance / Markus C. Hurek)

Norbert Denef sitzt aufrecht auf einem Stoffsofa, in der Hand eine Flasche Mineralwasser. Trotz Hungerstreiks wirkt er hoch konzentriert. Er schildert seine eigene Opfergeschichte, beginnend in den späten 50er-Jahren in Delitzsch in Sachsen.

"Also der eine, der erste Täter, das war ein Pfarrer, ein katholischer Pfarrer, der wurde sieben Mal immer wieder versetzt in andere Gemeinden, immer dann, wenn man in der Gemeinde angefangen hat darüber zu sprechen. Nach meinen Recherchen hat er ungefähr 150 bis 200 Kinder, Jugendliche, missbraucht. Ich bin ganz klassisch groß geworden, war glücklich darüber, nun endlich Messdiener zu sein. Ich hab mich dann sogar noch von dem Pfarrer, der mich sechs Jahre lang missbraucht hat, trauen lassen. Den schönsten Tag meines Lebens."

Norbert Denef ist Anfang 60 und Rentner, die traumatischen Erlebnisse aus seiner Kindheit begleiten ihn noch immer und lassen ihn nicht zur Ruhe kommen.

"Mit 40 ging nichts mehr: Depressionen, Wutanfälle, Panikattacken, Herzrhythmusstörungen, die ganze Palette. Wo der Papst mir geschrieben hat, als ich ihn angefleht hatte: Bitte hilf mir, der Bischof von Magdeburg will mich mit 25.000 Euro zum Schweigen zwingen. Bitte hilf mir! Und der mir dann nach einem halben Jahr hat schreiben lassen, dass er für mich betet, dass ich wieder vergeben kann. Das war die Antwort. Da ging das Licht aus bei mir, und ich hab versucht, mir das Leben zu nehmen."

Sexuelle Gewalt verjährt im deutschen Strafrecht nach zehn Jahren, im Zivilrecht sogar nach drei Jahren. Die Männer, die Norbert Denef als Jungen missbrauchten, konnte er deshalb nicht mehr zur Verantwortung ziehen. Mit anderen Opfern sexualisierter Gewalt hat Denef den Verein "Netzwerk B" gegründet, der sich ausdrücklich nicht als Selbsthilfegruppe, sondern als politische Interessenvertretung versteht. Eine der Hauptforderungen: die Abschaffung der Verjährungsfristen. Weil nur die Politik den Missbrauchsopfern Gerechtigkeit widerfahren lassen könne, besuchte Denef im vergangenen Dezember den Bundesparteitag der SPD – weil das die einzige Partei sei, die sich überhaupt mit dem Thema beschäftige. Obwohl kein Parteimitglied darf er zu den Delegierten sprechen. Er hält ein Foto hoch. Ein Foto, das ihn als Kind zeigt.

"Dieser kleine Junge wurde von einem Priester bis zu seinem 16. Lebensjahr missbraucht. Und danach weitere zwei Jahre bis zum 18. Lebensjahr von einem Kirchenangestellten. Er hat 35 Jahre geschwiegen aus Scham, Angst und Schuldgefühlen. Später versuchte er noch die Taten bei der Polizei anzuzeigen, weil er Tateingeständnisse von den Tätern hat. Dann musste er sich anhören, geht nicht, da ja alles verjährt ist. Verjährt? Alles verjährt, und ich soll wieder schweigen?"

Es ist still geworden in den Reihen der Delegierten. Einige Sozialdemokraten haben Tränen in den Augen.

"Deshalb fordere ich Sie auf und bitte Sie herzlich darum, uns zu unterstützen, dass die Verjährungsfristen aufgehoben werden. Das müssen wir aufheben, das müssen wir möglich machen, dass es geht, die Verjährungsfristen aufzuheben.")

Einstimmig spricht sich das Plenum für die Abschaffung der Verjährungsfristen aus. Kein bindender Beschluss zwar, aber ein eindeutiger Wille.

"Und da hat sich die Hannelore Kraft zu mir gesetzt, hat den Arm um mich gelegt. Und da sind Tränen geflossen. Und dann kam die Frau Schwesig noch, da ist das Gleiche abgelaufen."

Manuela Schwesig, Sozialministerin von Mecklenburg Vorpommern.

"Sie sagte noch, wir rennen hier ständig gegen Mauern, und Sie haben das jetzt in drei Minuten erreicht."

Norbert Denef ist vor einigen Jahren in den kleinen Badeort Scharbeutz an der Lübecker Bucht gezogen. Die Ostsee ist mein Therapeut, sagt er und blickt aus dem Fenster seines Arbeitszimmers. Von hier aus ist ein Zipfel der Badebucht zu sehen. Seit einem Monat befindet sich Denef im Hungerstreik, nimmt nur noch Wasser und Tee zu sich. Äußerlich hat sich der Nahrungsentzug kaum bemerkbar gemacht. Er sagt, es gehe ihm gut. Seine politische Bilanz fällt dagegen bitter aus: Nach seinem Auftritt auf dem SPD-Bundesparteitag habe sich kein einziger Sozialdemokrat mehr bei ihm gemeldet. Auch die Forderung nach der Abschaffung der Verjährungsfristen hätten die SPD-ler fallen gelassen. Sie würden jetzt nur noch für eine Verlängerung der Fristen eintreten.

"Das war ein eindeutiges Votum, das war ein eindeutiges Bekenntnis. Das war ein Ehrenwort."

Nach wie vor glaubt Norbert Denef, dass die SPD-Delegierten in ihrer Mehrheit seine Position teilen, und darauf will er mit seiner Protestaktion aufmerksam machen.

"Ich hab sehr viel nachgelesen bei Gandhi. Und mein Hungerstreik hat nichts mit Wut und nichts mit Hass und auch nichts mit Erpressung zu tun. Ich benutze diese gewaltfreie Aktion, um den Spiegel vorzuhalten, den Spiegel der Politik. Der Anlass war, weil die SPD nicht bereit ist, sich dafür einzusetzen, die Verjährungsfristen bei sexualisierter Gewalt aufzuheben In den anderen Parteien sieht es genauso aus."

Auch wenn er aus gesundheitlichen Gründen in den nächsten Tagen seinen Hungerstreik abbrechen muss, werden Denef und seine Mitstreiter vom "Netzwerk B" weiterkämpfen – es geht nicht nur um Fristen, es geht auch um angemessene Entschädigungszahlungen für alle Opfer, die bisherigen Sätze empfinden sie als ungerecht.

"Die nämlich dann gesagt haben: Wir finden die Opfer mit 5.000 Euro ab. Das heißt, die Kirche hat sich da ganz billig rausgekauft, und die Politik hat zugeschaut. Die Politik hat Mitverantwortung, dass die wie die katholische sowie auch die evangelische Kirche, ja und andere Institutionen ähnlich, die Opfer wieder verhöhnt."

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