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StartseiteKommentare und Themen der WocheDie sündige Kirche22.07.2017

Missbrauchsskandal bei den Regensburger DomspatzenDie sündige Kirche

Der öffentliche Druck zu den Missbräuchen in der katholischen Kirche müssten, anhalten, kommentierte Joachim Frank im Dlf: Ansonsten würden diejenigen, die immer noch nichts verstanden hätten, wieder Oberwasser bekommen - wie etwa der ehemalige Präfekt der Glaubenskongregation Gerhard Müller.

Von Joachim Frank

Ein Schild weist den Weg zum Gymnasium der Regensburger Domspatzen, aufgenommen am 12.10.2016 in Regensburg (Bayern). (dpa/Armin Weigel)
Der Eingang zum Gymnasium der Regensburger Domspatzen. (dpa/Armin Weigel)
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Destruktiv, zerstörerisch war die katholische Kirche lange genug. Die Seelen ungezählter Kinder und Jugendlicher hat sie zerstört. Nein, nicht die Kirche als Ganzes. Wohl aber all jene Priester, Ordensleute, Seelsorger, die sich an Schutzbefohlenen vergingen, sie schlugen, misshandelten, sexuell missbrauchten.

Und die Kirchenoberen, die wegschauten, abwiegelten, sich um die Täter sorgten, noch mehr aber um die heilige Kirche. Das alles hatte System: Institutionenschutz vor Opferschutz. Schon deshalb ist es falsch und gefährlich, die Vergehen auf Einzelfälle und individuelles moralisches Versagen zu reduzieren.

Der am Dienstag vorgelegte Abschlussbericht zu den jahrzehntelangen Misshandlungen bei den Regensburger Domspatzen gibt erneut Zeugnis vom ganzen Ausmaß der Verwüstung im Raum der Kirche. Der Bericht ist besonders erschütternd, weil so viele Sänger des weltberühmten Chors zu Opfern wurden. 550 waren es über die Jahrzehnte.

Inzwischen aber sind so viele Opfergeschichten erzählt, so viele haarsträubende Missstände zutage gebracht worden - Bischöfe haben um Entschuldigung gebeten und Besserung gelobt; Bistümer und die Deutsche Bischofskonferenz haben auch viel unternommen für Aufklärung und Prävention -, sodass irgendwie alles von allen gesagt und getan zu sein scheint. Und bei manchem in der Kirche hat sich deshalb auch ein Gefühl zwischen Überdruss und Trotz eingenistet: Die Diskussion muss doch irgendwann auch mal ein Ende haben.

Diskussion muss weiter gehen

Hat es aber nicht. Darf es nicht. Diskussion und öffentlicher Druck müssen anhalten, weil sonst diejenigen in der Kirche Oberwasser bekämen, die immer noch nichts verstanden haben. Sie halten die Welle der Empörung für unverhältnismäßig und übertrieben, haben sie von jeher als Medienkampagne gegeißelt, als böswillige Attacke auf die Kirche in destruktiver, zerstörerischer Absicht.

Es ist deshalb vielleicht sogar gut, dass diese Position bis heute ein Gesicht und eine Stimme hat: die von Kardinal Gerhard Müller, bis 2012 Bischof von Regensburg. Der unabhängige Ermittler im Domspatzen-Skandal weist Müller in seinem Bericht "klare Verantwortung" für die "Schwächen der Aufarbeitung" zu. Doch Müller bestreitet das, droht sogar, gegen jeden Vorwurf der Verschleppung anwaltlich vorzugehen. Und wiederholt seine Lieblingsthese, dass die Kirche im Missbrauchsskandal selbst das Opfer sei. Zitat: "Es ist offensichtlich, dass die katholische Kirche bei dem Thema härter angegangen wird, dass Priester a Apriori verdächtigt werden." 2010 ging Müller noch weiter: Da rückte er die Medienberichte in die Nähe der kirchenfeindlichen Nazi-Propaganda.

Lange Zeit blieb das folgenlos. Papst Benedikt XVI. holte Müller 2012 von Regensburg ins kirchliche Machtzentrum nach Rom. Fünf Jahre fungierte Müller als oberster Hüter der katholischen Lehre, bis Papst Franziskus ihn vor Kurzem zu sich zitierte und ihm eröffnete, dass er seinen Posten als Präfekt der Glaubenskongregation los sei. Offen ist, ob die Ablösung auch mit Müllers unklarer Haltung zum Problem des Missbrauchs zu tun hat.

Auch er schämt sich nach eigenen Worten für die sexuellen Vergehen von Geistlichen. Die Kirche, so würde es Müller wohl sagen, ist "Kirche der Sünder". Aber ist sie auch sündige Kirche? Für ihn: niemals.

Blick auf strukturelle Ursachen des Missbrauchs lenken

Der Unterschied ist nicht bloß eine sprachliche Nuance. Vielmehr geht es um den Perspektivwechsel vom Individuum zur Institution. Die Kirche muss als letzte Konsequenz aus dem Missbrauchsskandal den Blick auf die strukturellen Ursachen für Missbrauch lenken und systembedingten Begünstigungen entgegentreten.

Diese liegen nicht – wie allzu eilfertiges Psychologisieren es nahelegt – in der priesterlichen Lebensform. Vom Zölibat führt keine direkte Kausallinie zu sexuellem Missbrauch. Sehr wohl aber besteht ein Zusammenhang mit unreifer, verdrängter Sexualität. Mit Tabuisierung. Und mit einer schrecklich falsch verstandenen Macht. Geistlicher Macht.

Was sagte Kardinal Müller zum Thema Missbrauch? Es sei offensichtlich, dass die katholische Kirche hier "härter angegangen wird". Er sollte das nicht etwa beklagen, sondern für selbstverständlich halten. Denn welche andere Gemeinschaft beansprucht, dass ihre Vertreter "in Gottes Namen" agieren. Und was könnte dann schlimmer sein, als wenn Seelsorger durch sexuellen Missbrauch, aber auch durch andere Misshandlungen nicht nur die Integrität der ihnen Anvertrauten verletzen, nicht nur ihr Vertrauen auf das Gute in anderen Menschen erschüttern, sondern auch ihren Glauben an einen gütigen Gott?

Für die Kirche muss das Entsetzen darüber der tiefste innere Beweggrund im Kampf gegen jede Form von Missbrauch und im Einsatz für Prävention sein. In all der Zerstörung liegt zumindest ein konstruktives Moment.

Joachim Frank, Chefkorrespondent der DuMont-Mediengruppe (Peter Rakoczy)Joachim Frank, Chefkorrespondent der DuMont-Mediengruppe (Peter Rakoczy)Joachim Frank, geboren 1965 in Ulm, gehört seit 1997 der heutigen Mediengruppe DuMont an. Er ist Chefkorrespondent für den "Kölner Stadt-Anzeiger", die Berliner Zeitung und die "Mitteldeutsche Zeitung" Halle sowie Autor der "Frankfurter Rundschau". Seit 2015 ist Frank Vorsitzender der Gesellschaft Katholischer Publizisten (GKP), des katholischen Journalistenverbands. Frank ist Verfasser mehrerer Bücher zu kirchenpolitischen Themen und Autor zahlreicher Aufsätze für Sammelbände und Fachzeitschriften. 2014 wurde er u. a. mit dem Wächterpreis ausgezeichnet.

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