Freitag, 24.11.2017
StartseiteKommentare und Themen der WocheFallons Rücktritt ist ein schwerer Schlag für Theresa May02.11.2017

MissbrauchsvorwürfeFallons Rücktritt ist ein schwerer Schlag für Theresa May

Dem Rücktritt des britischen Verteidigungsministers Fallon könnten weitere Entlassungen wegen Missbrauchsvorwürfen folgen, kommentiert Friedbert Meurer. Am wichtigsten sei jetzt ein Verfahren, das den Opfern helfe, aber auch den Beschuldigten gegenüber fair sei.

Von Friedbert Meurer

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Der britische Verteidigungsminister Michael Fallon vor seinem Rücktritt Mitte Oktober 2017. Gegen ihn sollen mehrere Vorwürfe wegen sexueller Belästigung vorliegen. (AFP Photot/Leon Neal)
Fallons Rücktritt sendet jedenfalls Schockwellen in Westminster aus (AFP Photot/Leon Neal)
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"Die Zeiten ändern sich. Was früher stillschweigend akzeptiert wurde, gilt heute als inakzeptabel." Mit diesen Worten hat sich Michael Fallon zu verteidigen gesucht, sich aber für den Rücktritt entschieden. Sein Vorgehen gilt als nobel. Selbst sein Opfer von damals, eine Journalistin, meint, dass sei der überflüssigste Rücktritt eines Politikers in der Geschichte überhaupt.

Andere Vorwürfe gegen andere Politiker in Großbritannien wiegen im Moment in der Tat weit schwerer. Da sollen beruflich Abhängige bedroht worden sein, in einem Fall gibt es sogar den Vorwurf einer Vergewaltigung. Da wirkt das Tätscheln am Knie weniger schlimm, zumal wenn es 15 Jahre zurückliegt. Würde nicht der öffentliche Scheinwerfer auf einem Verteidigungsminister liegen, wären die Konsequenzen weniger hart. Es ist aber auch möglich, dass Michael Fallon die Flucht nach vorne antrat – bevor noch mehr bekannt wird.

Sein Rücktritt sendet jedenfalls Schockwellen in Westminster aus, weil er jetzt die Messlatte hochlegt. 40 Tory-Politiker sollen auf einer Missbrauchsliste stehen. Sogar der Vize-Premier steht unter Verdacht. Premierministerin Theresa May muss also vermutlich weitere übergriffige Politiker entlassen. Gemeinsam mit dem Parlament will sie eine Vertrauensstelle in Westminster vorschlagen. Außerdem musste May Umbildungen im Kabinett vornehmen. Mit dem Nachfolger Gavin Williamson hat sie die schwierige innere Balance der Regierung mit Blick auf den Brexit gewahrt.

Sämtliche Lebensbereiche von Missbrauchsvorwürfen betroffen

Über Großbritannien ergießt sich im Moment eine kaum für mögliche gehaltene Flut von Missbrauchsvorwürfen. Am meisten Beachtung finden die Vorwürfe in der Politik. Aber in Wahrheit sind sämtliche Lebensbereiche betroffen. Ein Pfarrer der Kirche von England soll eine Synodale vergewaltigt haben, eine Bischöfin wurde sexuell belästigt. In den Medien und im Theaterbereich geht es weiter.

Der US-Schauspieler Kevin Spacey, der in "House of Cards" als skrupelloser Politiker Frank Underwood brilliert, war zwölf Jahre lang künstlerischer Direktor des Old Vic, einer der besten Bühnen des Landes. Gleich serienweise soll er junge Männer sexuell bedrängt haben – und über all das wurde der Mantel des Schweigens gelegt. Das ist ein wiederkehrendes Muster: Jemand ist mächtig, verfügt über Einfluss, und jahrelang schauen alle weg – aus Angst, Komplizentum oder Scham.

Am wichtigsten ist es jetzt, ein Verfahren zu entwickeln, an wen sich betroffene Opfer wenden können. Auch die Beschuldigten haben Anspruch auf ein faires Verfahren, rechtsstaatliche Prinzipien dürfen nicht einfach außer Kraft gesetzt werden. Letzten Endes könnte alles ziemlich einfach sein: Missbrauch oder Belästigung liegt vor, wenn der oder die andere nicht zustimmt. Das gilt in allen Ländern, nicht nur in Großbritannien.

Friedbert Meurer (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Friedbert Meurer (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Friedbert Meurer, Jahrgang 1959, studierte Germanistik und Geschichte in Mainz und Bielefeld mit dem Abschluss Lehramt für Gymnasien. 1986/87 gehörte er zum Gründungsteam des Privatradios RPR in Koblenz und volontierte dann 1988/89 beim Deutschlandfunk. 1995 bis 1999 arbeitete Meurer als Parlamentsreporter in Bonn mit dem Schwerpunkt Außenpolitik. Bis 2015 war er Ressortleiter Zeitfunk und moderierte u. a. "Informationen am Morgen". Seit August 2015 ist er Korrespondent von Deutschlandradio in London.

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