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StartseiteBüchermarktMisstrauen als Lebensretter05.03.2007

Misstrauen als Lebensretter

William Boyd nutzt seine Fantasie zur Suche nach der Wahrheit

William Boyd genießt in seinem Roman "Ruhelos" das Spiel mit den Versatzstücken des Spionageromans. Den Leser lässt es nicht ruhen, bis er die ganze Wahrheit kennt. Ein herrlicher Schmöker, schnörkellos auf den Punkt gebracht.

Von Johannes Kaiser

Winston Churchill autorisierte die gezielte probritische Propaganda in den USA. (AP)
Winston Churchill autorisierte die gezielte probritische Propaganda in den USA. (AP)
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"Menschen sind geheimnisvoll. Die einzige Person, die man wirklich kennt, ist man selbst. Selbst bei Mitgliedern der eigenen Familie, denen man nahe steht, die man liebt, ist ihr gesamtes Leben ein Geheimnis, gehört nur ihnen, außer sie beschließen, es einem zu enthüllen. All diese Sachen werden vom Spionageroman in Anspruch genommen. Für einen ernsthaften Schriftsteller ist das deswegen ein sehr attraktives Genre, weil man Themen wie Doppelzüngigkeit, Verrat, das versteckte Ich aufgreifen kann. All solche Sachen sind im Spionageroman eine Selbstverständlichkeit."

Man merkt es sofort: William Boyd genießt in seinem jüngsten Roman "Ruhelos" das Spiel mit den Versatzstücken des Spionageromans. Es macht ihm offenkundig viel Spaß, den Leser in eine Geschichte hineinzuziehen, die getreu den Regeln des Genre Stück für Stück Geheimnisse entblättert, mit wechselnden Identitäten spielt, mit Finten und Tricks arbeitet, dramatische Zuspitzungen verspricht und einen echten Plot bereithält.

Alles fängt ganz harmlos an. Ruth besucht ihre Mutter Sally, die nach dem Tod des Vaters allein in einem alten Haus in einem typisch englischen Dorf lebt und ihre kleinen Spleens pflegt. So schneidet sie zum Beispiel den Rasen mit einer Gartenschere, weil sie kontrollierten Wildwuchs liebt. Merkwürdiger ist schon, dass sie immer wieder in unbeobachteten Momenten zum Fernglas greift, um den nahen Waldrand zu mustern. Die größte Überraschung aber kommt ganz lapidar daher. Sally drückt ihrer Tochter ein paar Schreibmaschinenseiten in die Hand und eröffnet ihr dabei so ganz nebenbei, dass sie eigentlich Eva Delektorskaja heißt und eine ehemalige Agentin des britischen Geheimdienstes ist.

Von nun an zerfällt der Roman in zwei parallel erzählte Geschichten. Zum einen erfahren wir peu à peu die wahre Vergangenheit Evas. Mit ihren Eltern nach der russischen Revolution 1917 erst nach China, dann über Berlin nach Paris geflohen, wird die junge Sekretärin bei der Beerdigung ihres plötzlich verstorbenen Bruders von Romer, einem britischen Geheimdienstler, angeworben. Sie willigt ein, nicht zuletzt um ihren Bruder zu rächen, den französische Nazis auf dem Gewissen haben. Ihre Aufgabe wird es, in einer Brüssler Nachrichtenagentur Meldungen über Nazi-Deutschland so zu frisieren, dass sie Hitler schaden. Zugleich lernt sie die Grundregeln des heimlichen Gewerbes: falsche Identitäten anzunehmen, sich verstellen, tarnen, Verfolger aufspüren, abhängen, allem misstrauen. Doch dann verliebt sie sich in ihren Agentenführer:

"Für eine Spionin ist das wohl das Schlimmste, das überhaupt passieren kann. Selbst der Mann, in den sie sich verliebt, ihr Agentenführer sagt zu ihr: Traue niemals jemandem, nicht mal demjenigen, dem du auf der ganzen Welt am meisten trauen möchtest. Das ist, scheint mir, eine kategorische Regel der Spionage: Um erfolgreich zu sein, muss man sich entmenschlichen. Und Eva beherzigt zwar diese Regel, niemandem zu trauen, ist aber versucht, einem Menschen jedenfalls zu vertrauen, und das stellt sich als schrecklicher Fehler heraus."

Da befinden wir uns schon mitten in der Geschichte, die nach dem Überfall Hitlers auf die Benelux-Staaten und Frankreich in den USA weiterspielt. Eva und ihr Journalistenbüro sind inzwischen nach New York umgezogen. Ihre Aufgabe ist dieselbe geblieben, Nachrichten zu manipulieren. Das gelingt auch ziemlich gut. Ihre Falschmeldungen werden von den US-Medien begierig aufgegriffen - ein wahre Geschichte. William Boyd hat gründlich recherchiert. Die British Security Coordination, einer Sondertruppe des britischen Geheimdienstes hat tatsächlich existiert:

"Es ist absolut wahr und es ist eine Geschichte, die Jahrzehnte versteckt worden ist. Alles, was im Roman im Hintergrund geschieht, ist vollkommen authentisch. Es gab 1940/41 eine riesige Operation des britischen Geheimdienstes in den USA. Man versuchte, die Amerikaner und ihre Regierung davon zu überzeugen, sich dem Krieg in Europa anzuschließen. 80 Prozent der Amerikaner wollten 1941 nicht mitmachen. Sie waren heftige Gegner einer Intervention, sehr neutral eingestellt. Und so autorisierte Churchill die Bildung dieses Büros in New York im Rockefeller Center, das offiziell als Verbindungsbüro zum amerikanischen Geheimdienst diente, aber tatsächlich eine riesige Organisation zur Manipulation von Nachrichten und Medien wurde - sehr erfolgreich. Man fand Zugang zu allen amerikanischen Zeitungen, Radiosendern, plante nach Belieben probritische Geschichten, antiisolationistische Geschichten. Man wird nie wissen, ob sie nun die Amerikaner dazu brachten, ihre Meinung zu ändern, denn im Dezember 1941 bombardierte Japan die amerikanische Flotte in Pearl Harbour und alles änderte sich."

William Boyds Roman ist der erste überhaupt, der diese lange verborgene Geschichte aufgreift. Er versteht gut, warum niemand bislang ein größeres Interesse daran gezeigt hat, die peinliche Wahrheit an die große Glocke zu hängen:

"Ich würde sagen, die britische Öffentlichkeit hat zu 100 Prozent keine Ahnung von dem, was da passierte, die amerikanische Öffentlichkeit ebenfalls nicht. Es ist tief unter den Teppich gekehrt worden, denn es ist beschämend. Amerika war angeblich unser Alliierter, unser engster Freund, aber wir haben seine Medien manipuliert, so gut wir konnten. Es ist eine dieser vergessenen Ecken des Zweiten Weltkrieges, die riesigen britischen Spionageoperationen, die in den USA stattfanden. Manche reden von 3000 britischen Agenten und Unteragenten 1941 in Amerika. Eine erstaunliche und außergewöhnliche Sache, über die man nachdenken sollte."

William Boyd baut diesen Hintergrund geschickt in seinen Roman ein. Eva ist eine der Agentinnen, die frisierte Nachrichten verbreiten. Das geht auch eine ganze Weile gut, bis sie mit einem Auftrag nach Neu-Mexiko geschickt wird. Das kostet sie fast das Leben, denn nicht allen gefallen die Erfolge des kleinen geheimen Büros:

"Glücklicherweise rettet sie ihr Einfallsreichtum, und dann begreift sie, welchen Fehler sie gemacht hat und sie zieht sich zurück in jene Welt der Misstrauens, die die Spione bewohnen. Sie traut für den Rest ihres Lebens niemandem mehr richtig, nicht mal ihrer Tochter. Eva ist eine gute Spionin, gut ausgebildet, und es ist gewissermaßen ihr Training, das sie schützt, selbst als sie in höchster Gefahr schwebt, in den Untergrund geht, ihre Identität wechselt. Ihr Leben als Spionin, ihre Wachsamkeit, ihre Ruhelosigkeit bleiben ihr erhalten und lassen sie überleben."

Je mehr Evas Tochter Ruth vom geheimen Leben ihrer Mutter erfährt, desto stärker färbt es auf sie ab und auch auf den Leser. Auch er wird zusehends misstrauisch.

"Evas Paranoia, Wachsamkeit, Argwohn beginnen Ruths Leben zu infizieren. Ruth fängt fast unbewusst an, Leute zu hinterfragen, zu überprüfen, wie sie sich verhalten. Sie durchsucht die Sachen ihrer Untermieter, argwöhnt, dass einer ihrer Schüler, ein Ingenieur, dem sie Englischunterricht gibt, für die Geheimpolizei des iranischen Schahs arbeitet. Plötzlich beginnen Evas Ruhelosigkeit, Wachsamkeit und Argwohn in Ruths Leben einzusickern und es zu beeinflussen."

Ganz allmählich holt die Vergangenheit die Gegenwart ein, laufen die beiden Geschichten ineinander, wird die Tochter von Eva für eine letzte Aktion eingespannt, für die große Abrechnung. Es fließt zwar kein Blut, aber ansonsten sorgt William Boyd für alle notwendigen Ingredienzien eines veritablen Plots.

"Für mich war das Schreiben dieses Romans wie eine Befreiung meiner Fantasie, und es ist oftmals so, wenn die gut funktioniert, man alle Fakten, alles Material parat hat, dann kann einen die Fantasie zu Wahrheiten führen, die Journalisten oder Historiker nie finden. Man hat die absolute Ermächtigung, Dinge zu erfinden, um zur menschlichen Wahrheit vorzustoßen, wenn man es denn will. Ich habe mir einfach vorgestellt, wie es wäre, Spionin zu sein, in schrecklicher Gefahr zu schweben, auf der Flucht um sein Leben zu rennen. Wenn ihre Fantasie gut funktioniert, dann kommt man manchmal der Wirklichkeit sehr nahe."

Den Leser jedenfalls lässt es nicht ruhen, bis er die ganze Wahrheit kennt. Ein herrlicher Schmöker, schnörkellos auf den Punkt gebracht, aufregend, fast ohne Gewalt, dafür mit intelligentem Thrill, glaubwürdigen Charakteren. Beste Unterhaltung.

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