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StartseiteEine WeltMisstrauen im Nahen Osten19.10.2013

Misstrauen im Nahen Osten

Die strategische Feindschaft zwischen Iran und Israel

Die Herrschenden im Iran pflegen die Feindschaft zu Israel seit der Revolution von 1979 wie ein kostbares Erbstück. Auch wenn der neue iranische Präsident Rohani einen versöhnlicheren Ton anschlägt als sein Vorgänger: Israel traut ihm nicht.

Von Reinhard Baumgarten, ARD-Studio Teheran

Der neue Präsident Hassan Rohani weckt Erwartungen auf eine Lösung des Iran-Konflikts. (AFP / Atta Kenare)
Der neue Präsident Hassan Rohani weckt Erwartungen auf eine Lösung des Iran-Konflikts. (AFP / Atta Kenare)

"Marg bar Israil" – Tod für Israel. Seit mehr als drei Jahrzehnten werden im Iran alljährlich die Massen zum sogenannten "Jerusalem-Tag" auf die Straße gebeten. Jahr für Jahr kommen weniger, auch wenn die Herrschenden im Iran die Feindschaft zu Israel seit der 79er-Revolution wie ein kostbares Erbstück gepflegt haben.

"Das zionistische Regime ist in dieser Region ein Krebsgeschwür", erklärt beispielsweise Revolutionsführer Ali Khamenei. "Es muss rausgeschnitten werden. Und das wird auch geschehen. "

Derlei Aussagen finden in Israel Gehör und werden entsprechend gedeutet. Jeder wisse, dass der Iran Israel vernichten wolle und dass er zu diesem Zweck versuche, Atombomben zu bauen, stellte erst unlängst wieder Regierungschef Benjamin Netanjahu fest.

Den neuen Präsidenten Irans, Hassan Rohani, nennt Netanyahu einen Wolf im Schafspelz, dem auf keinen Fall getraut werden dürfe. Im Programm BBC Farsi wandte er sich Anfang Oktober an die Bürger Irans:

"Sie werden nicht von Rohani regiert, sondern von Ayatollah Khamenei. Er steht einem Kult vor - in seinen Ambitionen und in seiner Aggressivität."

Seit mehr als 2500 Jahren leben Juden im Iran. Siamak Meresedgh repräsentiert als jüdischer Parlamentsabgeordneter die knapp 25.000 Mitglieder umfassende größte jüdische Gemeinde im Nahen Osten außerhalb Israels. Der Mediziner hält nicht viel von Israels Regierungschef. Gegenüber dem ARD-Hörfunk sagte er:

"Ich glaube, Herr Netanyahu braucht eine Notüberweisung in eine Nervenklinik. So schnell wie möglich sollte er eingewiesen werden, weil er ein sehr gefährlicher Mann ist - auch für seine Familie und sein Kabinett. Jeden Moment kann er aggressives und unvorhersehbares Verhalten an den Tag legen."

Seit Jahrzehnten schenken sich Israel und der Iran verbal gegenseitig ein und unterhalten eine strategische Feindschaft. Den offiziellen iranischen Standpunkt erläutert der Politikwissenschaftler Mohammed Marandi von der Uni Teheran.

"Israel ist ein Apartheidstaat. Zionismus als eine rassistische Ideologie mit einer Hierarchie von 'Auserwählten' muss beendet werden, damit die Palästinenser, Christen, Juden und Muslime Seite an Seite leben können. Ist das etwa seltsam? Wenn der Iran sagt, Israel ist eine Krankheit, dann deshalb, weil Rassismus und Zionismus eine Krankheit sind."

Menschen mit Macht in beiden Ländern trauen ihrem jeweiligen Gegenüber alles Mögliche und Böse zu.

"Sie könnten einen Atomsprengsatz in ein Schiff stecken, dass einen Hafen ansteuert, oder in einen Lastwagen, der in irgendeiner Stadt auf der Welt parkt…"

Beschwört Benjamin Netanyahu. Äußere Feinde können zuweilen gut von eigenen internen oder auch ungelösten regionalen Problemen ablenken. Der neue iranische Präsident Rohani hat gegenüber Israel einen anderen Ton als Mahmoud Ahmadinedschad angeschlagen. Anders als sein Vorgänger im Amt spricht Hassan Rohani von Israel und nicht vom zionistischen Regime. Auch in Sachen Holocaust argumentiert Rohani anders.

"Der Iran verurteilt die von den Nazis im Zweiten Weltkrieg begangenen Verbrechen. Durch diese Verbrechen wurden viele Menschen getötet - darunter waren auch Juden."

Kritikern erscheint diese Aussage als lasch und wohlfeil. Doch im inneriranischen Kontext hat sie ebenso Gewicht, wie Präsident Rohanis Rosh-Hashana-Grüße zum jüdischen Neujahrsfest an alle Juden – Israelis eingeschlossen.

In New York hat Hassan Rohani Ende September als Präsident der Bewegung Blockfreier Staaten eine Konferenz zur Schaffung eines Atomwaffen freien Nahen Ostens angeregt. Israel hat er namentlich als einzige regionale Atommacht aufgefordert, daran teilzunehmen. Israel hat darauf ebenso wenig reagiert, wie es dem Pakt zur Nichtverbreitung von Atomwaffen beigetreten ist. In Sachen atomarer Bewaffnung geht die wahrscheinliche Atommacht Israel einen eigenen Weg. Sollten Sanktionen den Iran nicht von seinem Atomprogramm abbringen, will Benjamin Netanyahu handeln.

"Wir sind entschlossen, den Iran an der Entwicklung von Nuklearwaffen zu hindern. Wir lassen alle Optionen auf dem Tisch. Eindämmung ist ganz sicher keine Option."

Israel werde notfalls alleine handeln. Es wäre die erste militärische Konfrontation zwischen jenen beiden Staaten, die bis Ende der 70er-Jahre enge Verbündete waren und dann ihre strategische Feindschaft immer weiter ausgebaut haben.

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