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StartseiteForschung aktuellMit Antigeld gegen die Bankenkrise08.05.2012

Mit Antigeld gegen die Bankenkrise

Physiker schlagen neues Finanzsystem vor

Antimaterie ist für den Physiker ein vertrautes Metier: Zu jedem Teilchen gibt es ein Antiteilchen mit exakt denselben Eigenschaften, aber umgekehrten Vorzeichen. Physiker der Uni München haben nun vor, dieses Prinzip auf den Wirtschaftssektor zu übertragen – und schlagen ein komplett neues Finanzsystem vor.

Von Frank Grotelüschen

Im Antigeld-Modell gibt es beim Kauf einer Ware dieses Antigeld gleich mit dazu.  (AP)
Im Antigeld-Modell gibt es beim Kauf einer Ware dieses Antigeld gleich mit dazu. (AP)

"Liebe Kunden, heute im Angebot: Äpfel aus Neuseeland, saftig und knackig, das Stück für nur 60 Cent! Oder 70 Anti-Cent, wenn Sie lieber mit Antigeld zahlen wollen."

An solche eigenartigen Supermarkt-Durchsagen werden wir uns in Zukunft womöglich gewöhnen müssen. Vorausgesetzt, gewisse Physiker hätten das Sagen in der Finanzwelt – Physiker wie Andreas Schacker von der Uni München. Er würde das heutige Finanzgebäude, in dem Geld die tragende Säule ist, liebend gern renovieren, und zwar grundlegend. Geld allein macht ihn offenbar nicht glücklich, deshalb möchte Schacker ein zweites Zahlungsmittel einführen – das Antigeld. Und so soll's funktionieren:

"Wenn Sie in einen Supermarkt gehen und dort einen Apfel kaufen, tauschen Sie eine bestimmte Menge Geld gegen den Apfel. Mit Antigeld bestünde die Möglichkeit, dass der Verkäufer des Apfels Ihnen eine bestimmte Menge Antigeld gibt. Mit dem Apfel würden sie das Antigeld bekommen."

Eine Art Schuldschein also, den ich beim Einkauf mit dem Apfel bekomme, statt den Apfel wie gewohnt mit Geld zu bezahlen. Dieses Antigeld muss ich dann irgendwann wieder loswerden: Statt Geld für meine Arbeit zu bekommen, könnte ich als Lohn mein Antigeld an meinen Arbeitgeben loswerden. Das Entscheidende dabei ist: Ein- und dieselbe Sache kann in Geld einen anderen Preis haben als in Antigeld.

"Der Preis, den sie in Geld für den Apfel bezahlen, könnte ein anderer sein als der Preis in Antigeld. Ein Apfel kostet vielleicht 60 Cent. In Antigeld könnte er zum Beispiel 70 Anti-Cent betragen."

In dem neuen System würde man keinen Kredit mehr aufnehmen müssen. Stattdessen würde man von der Bank mit dem Geld gleichzeitig auch eine Stange Antigeld bekommen. Die Differenz zwischen Geld- und Antigeldsumme wäre für die Bank dann der Gewinn. Und ich hätte den Vorteil, dass ich im Gegensatz zu heute kein Zinsrisiko tragen würde. Und das wäre für Andreas Schacker nicht das einzige Plus:

"Ein Vorteil ist an diesem System, das man im Prinzip die Geldmenge konstant halten könnte."

Es würde also eine Art Gelderhaltungssatz gelten, ein Pendant zum Energieerhaltungssatz – was dem Physiker natürlich höchst sympathisch ist. Theoretisch würde damit das Risiko einer Inflation sinken, ebenso die Gefahr einer Kreditverknappung. Unser Wirtschafts- und Finanzsystem würde stabiler werden und krisensicherer – das jedenfalls legen erste Computersimulationen nahe. Nur: Was würde einen daran hindern, sich einen Ferrari zu leisten, indem man, statt mit Knete zu blechen, einfach einen Haufen Antiknete akzeptiert? Das, gibt Schacker zu, ist tatsächlich ein Problem.

"Sie brauchen natürlich einen Mechanismus um sicherzustellen, dass die Leute nicht unbegrenzt mit Antigeld einkaufen und überhaupt nicht zur Gesellschaft beitragen. Aber letzten Endes gibt es mehrere Möglichkeiten, das sicherzustellen."

Auf jeden Fall müsste das Antigeld elektronisch sein – Antischeine könnte man ja einfach wegschmeißen. Außerdem müsste man strikt überwachen, wie viel Antigeld jeder besitzt. Ist es zu viel, könnte man das mit dem Ferrari abhaken. Nachteile, die eine baldige Einführung des Antigeldes wohl verhindern dürften. Das weiß auch Andreas Schacker.

"Es ist so, dass die Geschichte bisher noch kein System hervorgebracht hat, was wirklich gut und auf längere Dauer stabil funktioniert hat. Von daher sind solche Ansätze sicherlich interessant, sie auch weiterhin zu untersuchen. Eine konkrete Umsetzung will ich jetzt allerdings in den nächsten Jahren nicht erwarten."

Denn der dickste Nachteil ist noch gar nicht genannt: Für jede Ware müssten künftig zwei Preise gelten – der eine in Geld, der andere in Antigeld. Für den Alltag dürfte das reichlich gewöhnungsbedürftig werden – auch und vor allem für das Personal im Supermarkt.


"Liebe Kunden. Für heute geben wir kein Antigeld mehr aus. Bitte zahlen Sie für den Rest des Tages mit Geld!"

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