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StartseiteEine WeltMit dem Schweigen brechen14.05.2011

Mit dem Schweigen brechen

Eine NGO will den Israelis ihre eigene Besatzungspolitik vor Augen führen

Immer mehr junge israelische Soldaten vertrauen der Menschenrechtsorganisation "Breaking the Silence" an, was sie während ihrer Militärzeit in den besetzten Gebieten erlebt haben. Einer von ihnen ist Avner Gevaryahu.

Von Anne Demmer

Israelische Soldaten patrouillieren durch Hebron. (AP Archiv)
Israelische Soldaten patrouillieren durch Hebron. (AP Archiv)

In der Altstadt von Hebron im Westjordanland. Avner Gevaryahu läuft an einem israelischen Checkpoint vorbei. Er grüßt zwei israelische Soldaten, die mit Maschinengewehren bewaffnet vor dem Container des Kontrollpunktes stehen und ins Leere starren. Musik dröhnt aus einem vorbeifahrenden Auto.

Der Israeli Avner trägt ein kariertes Hemd, Jeans und Turnschuhe. Vor ein paar Jahren war er selbst noch Soldat im Westjordanland gewesen – der offizielle Auftrag: der Schutz der jüdischen Siedler. Er gehörte zwischen 2004 und 2007 einer Eliteeinheit an.

Jetzt hat der junge Mann aus Tel Aviv - mit den kurzen Haaren und dem schmalen sonnengebräunten Gesicht mit Sommersprossen - eine andere Mission: Der 25jährige macht regelmäßig Führungen durch Hebron, um der israelischen Gesellschaft und Touristen aus aller Welt zu zeigen, wie sich die Besatzung auf die Palästinenser auswirkt und welche Spuren sie auch bei den Soldaten hinterlässt. Avner arbeitet für die Nichtregierungsorganisation "Breaking the Silence".

Avner: "Wir haben uns zum Ziel gesetzt, das Schweigen zu brechen. Wir wollen darüber aufklären, was sich hier seit der zweiten Intifada im Westjordanland und im Gazastreifen zwischen Palästinensern und Siedlern abspielt. Die Leute wissen doch gar nicht, was die Soldaten in den besetzen Gebieten überhaupt machen."

In Hebron leben rund 180.000 Palästinenser. Und – mitten im Zentrum der Stadt - 800 streng gläubige jüdische Siedler. Die Anwesenheit der Siedler zieht die Anwesenheit Hunderterer israelischer Soldaten nach sich. Sie sollen die Siedler schützen, die sich umgeben von Feinden und überwacht fühlen. Aus diesem Grund sind auch weite Teile der Altstadt für Palästinenser gesperrt.

Avner weiß auch um die andere Lebenswirklichkeit. Viele palästinensische Familien seien mittlerweile weggezogen, sagt er, wegen der täglichen Schikanen oder weil das israelische Militär sie vertrieben habe. Und er verweist dabei auf die Angaben der israelischen Menschenrechtsorganisation "Btselem". Demnach sollen bereits rund 1800 Palästinenser ihre Lebensgrundlage verloren haben.

Viele lebten in der "Shuhada Street". Die Straße war einst lebendige Markt- und Einkaufszone, bis zu dem Zeitpunkt, als sie für Palästinenser gesperrt wurde. Heute reiht sich eine verschlossene Ladentür an die andere. Israelische Soldaten kamen und schweißten sie zu. Die Straße sei heute "steril," sagt Avner. Als ehemaliger Soldat kennt er den militärischen Fachjargon.

Avner: "Hier sieht man niemanden mehr außer Soldaten und Siedler. Und das ist das Ergebnis der Trennung. Wenn wir mit israelischen Gruppen hierher kommen, wollen wir von ihnen wissen: Ist es das, was ihr wollt? Wollt ihr eine solche Trennung? Und: Könnt ihr moralisch vertreten, was hier geschieht? Dass jedes Mittel recht ist, nur um die Sicherheit der Juden, der Siedler zu gewährleisten?!"

Avner stellt Fragen, einzig gültige Antworten will er nicht geben. Seit 2004 hat "Breaking the Silence" Zeugenaussagen von mehr als 700 Soldatinnen und Soldaten gesammelt. Die Aussagen veröffentlicht die Menschenrechtsorganisation in Büchern, Filmen und im Internet. So auch die knapp 350 Seiten umfassende jüngste Publikation, die Anfang 2011 auf Hebräisch erschien. Auch Avner hat eine Aussage gemacht. Er war mit seiner Scharfschützeneinheit unter anderem in Hebron, Jenin und Nablus.

Avner: "Meine Scharfschützeneinheit ist in Häuser eingedrungen und hat Menschen getötet. Die Gruppe, für die ich verantwortlich war - also wir hatten schon einige Zeit eine bestimmte Person verfolgt, es wurde auf ihn geschossen und schließlich war er tot. Ich habe die Befehle gegeben und dafür gesorgt, dass wir zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort waren. Das ist schrecklich, aber ich habe mir immer eingeredet: Das war wirklich ein schlimmer Typ, und wir sind doch die Guten."

Avner hat lange gebraucht, um darüber sprechen zu können. Der Druck in der israelischen Gesellschaft, meint er, sei immens groß.

Aver: "Wenn man in so einer Gesellschaft aufwächst, wo alle zur Armee gehen, da muss man wirklich schon extrem anders sein - und eine sehr starke Persönlichkeit, um sagen zu können: Da mache ich nicht mit! Und vielleicht ist das ja nicht einmal richtig. Das ist die Frage. Und ich habe nicht die beste Antwort darauf. Was wir wollen, ist, dass sich die Leute Gedanken machen. Die israelische Gesellschaft stellt sich zu wenig Fragen. Und die Leute akzeptieren die Situation zu sehr, wie sie ist."

"Breaking the Silence" wurde einst von ehemaligen israelischen Soldaten gegründet. Leute wie Avner sammeln seitdem Zeugenaussagen über das, was die Besatzungspolitik ganz konkret für die Besetzten nach sich zieht. Er spricht von der Drangsalierung durch Soldaten, von willkürlichen Hausdurchsuchungen, von Menschenrechtsverletzungen und er spricht über die Rolle der israelischen Armee im Siedlungsbau. Den jüdischen Siedlern seien die Mitglieder von "Breaking the Sielence" deswegen ein Dorn im Auge, sagt Avner.

Avner: "Dass uns die Siedler nicht mögen, ist noch untertrieben. Vor ein paar Jahren haben sie Leute von uns während einer Tour einfach angegriffen. Sie finden schrecklich, was wir machen. Letzens waren wir mit einer Gruppe israelischer Parlamentarier von der arabisch-jüdischen Partei hier. Da haben uns die Siedler beschimpft und angeschrien."

In der Vergangenheit bekam die Organisation immer wieder Schwierigkeiten. Einzelne Mitglieder wurden von der israelischen Polizei verhaftet, israelische Soldaten verhinderten die Stadtführungen. Der Vorwurf: Öffentliche Ruhestörung. Doch Avner sieht auch die Früchte seiner Arbeit.

Avner: "Gerade haben wir sogar einen Soldaten, der noch nicht einmal aus der Armee raus ist, für unsere Arbeit gewinnen können. Die Leute, die zu uns kommen, werden immer jünger."

Avner bleibt vor dem Haus einer palästinensischen Familie stehen. Kinder hocken auf dem Balkon wie in einem Käfig. Sie schauen durch die Gitterstäbe, die sie umgeben, die sie schützen sollen. Immer wieder, so berichtet die Menschenrechtsorganisation "Btselem", gebe es gewaltsame Übergriffe. Siedler würden mit Steinen und Müll nach Palästinensern werfen.

Der Israeli Avner will sich nicht entmutigen lassen.

Avner: "Es ist ein Prozess, den man durchmacht. Und ich denke, wir müssen anfangen, über unsere Erfahrungen zu sprechen. Es geht darum, das Schweigen zu brechen."

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