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StartseiteThemen der WocheMit Diplomatie und Gewalt31.10.2009

Mit Diplomatie und Gewalt

Die Lage in Afghanistan und Pakistan

Die Lage am Hindukusch wird immer prekärer. Gleichzeitig tun sich die Politiker im Westen schwer mit einer klaren Entscheidung: mehr Truppen oder baldiger Rückzug? Oder beides?

Von Ulrich Ladurner, Die Zeit

ISAF-Soldaten der Bundeswehr patrouillieren in Nordafghanistan. (AP)
ISAF-Soldaten der Bundeswehr patrouillieren in Nordafghanistan. (AP)

Kabul ist eine Stadt am Rande des Krieges. Wer das nicht glaubt, muss sich nur vergegenwärtigen, was diese Woche geschah. Drei Extremisten stürmten ein vor allem von UN-Mitarbeitern bewohntes Gästehaus. Sie töteten neun Menschen. Eine Rauchsäule stieg über dem Zentrum der Stadt auf. Flammen schlugen aus dem Gebäude.

Die Sicherheitskräfte bekamen die Lage zwar nach ein paar Stunden wieder unter Kontrolle. Doch Kabul wird nicht mehr so sein wie vorher – denn die afghanische Hauptstadt hat sich in all ihre Verletzlichkeit gezeigt. Ein gezieltes Attentat im richtigen Augenblick, und lähmender Schrecken macht sich breit – diese Lähmung reicht bis in das Weiße Haus.

Dort kann sich Präsident Barack Obama seit mehreren Wochen nicht entscheiden, ob er noch mehr Soldaten nach Afghanistan schicken soll, so wie es sein Kommandeur, General Stanley McChrystal fordert. Der General will 40.000 Mann mehr.

Gibt Obama dieser Forderung nach, hätten allein die USA mehr als 100.000 Soldaten am Hindukusch stehen, die Truppenstärke der Nato insgesamt beliefe sich auf gute 130.000 Mann. Ungefähr so viele Soldaten hatte die Sowjetunion während ihrer neun Jahren dauernden Besatzung auf dem Höhepunkt der Kämpfe in Afghanistan stationiert. Und die Rote Armee ist kläglich gescheitert.

Der Vergleich mit dem Scheitern der Sowjetunion ist durchaus angebracht, denn auch die Nato steht vor einer Niederlage. Doch gibt es einen großen, einen dramatischen Unterschied zur sowjetischen Besatzung: Der Krieg, den die Nato heute in Afghanistan führt, ist viel umfassender als der, den die Sowjetunion dort je geführt hat.

Pakistan ist längst Teil der Kriegszone. Die Pakistaner zahlen einen hohen Blutzoll für den Kampf gegen den Terror, den der Westen dort glaubt führen zu müssen. Die Kriegszone hat sich ausgeweitet, sie hat sich vertieft, sie ist tödlicher geworden – und das schlimmste ist: Keiner weiß wie dieser Krieg zu beenden ist, und ob das überhaupt noch möglich ist.

Obama zögert seine Entscheidung hinaus, weil er die afghanischen Stichwahlen vom 7. November abwarten will. Verlaufen diese Wahlen halbwegs vertretbar, und bringen sie ein klares Ergebnis, könnte Obama leichter weitere Soldaten schicken. Dies ist die Überlegung - und dies ist eine Illusion. Denn die Demokratie in Afghanistan hat – sofern sie sie je hatte – ihre Unschuld beim ersten Wahlgang zu den Präsidentenwahlen am 20. August verloren.

Damals wurden die Wahlen massiv gefälscht. Das ist nicht wiedergutzumachen, auch nicht durch eine Stichwahl. Seit dem 20. August nämlich müssen die Nato-Staaten ihren eigenen Bürgern erklären, warum Soldaten ihre Leben riskieren sollen für eine afghanische Regierung, die Wahlen fälscht. Das ist politisch nicht vermittelbar. Nicht einmal Obama kann das, der Meister der Rhetorik.

Obamas Zögern hinsichtlich der Truppenerverstärkung ist Ausdruck großer Ratlosigkeit. Die Stichwahlen wirken wie der letzte Strohhalm an dem sich die Nato festhält. Doch wird das nichts helfen. Selbst wenn Obama mehr Soldaten schickt, Afghanistan ist militärisch nicht zu gewinnen, und politisch geht es gerade verloren. Es ist Zeit einzusehen, dass der Einsatz in Afghanistan beendet werden muss. Nicht über Nacht, sondern über einen längeren Zeitraum. Doch die Entscheidung muss jetzt gefällt werden, denn noch gibt es einen gewissen Spielraum.

Sehr schnell könnte es geschehen, dass die Nato zu dieser Entscheidung von anderen gezwungen wird. Ein paar Attentate mehr in Kabul, noch eine Wahlfälschung – und die Risse, die sich jetzt zeigen, würden zum Abgrund. Der neue deutsche Verteidigungsminister kann sich schon mal vorbereiten: Er wird sich Strategien überlegen müssen, wie er die Bundeswehrsoldaten heil nach Hause bringt.

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