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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturMit einem Mythos aufgeräumt17.06.2013

Mit einem Mythos aufgeräumt

Frank Lorenz Müller: Der 99-Tage-Kaiser, Siedler Verlag

Um Friedrich III. von Preußen ranken sich Legenden. Nur 99 Tage war er als Kaiser im Amt, dann starb er schwer erkrankt. Sowohl die liberalen als auch die konservativen Kräfte Preußens mythologisierten ihn für ihre Zwecke. Die neue Biografie von Frank Lorenz Müller rückt das verzerrte Bild zurecht.

Von Volker Ullrich

Kaiser Friedrich III. (1831-1888) -  vom 12. März 1888 bis zum 15. Juni 1888 Kaiser des Deutschen Reichs
Kaiser Friedrich III. (1831-1888) - vom 12. März 1888 bis zum 15. Juni 1888 Kaiser des Deutschen Reichs

Am 9. März 1888 starb Kaiser Wilhelm I.. Kronprinz Friedrich Wilhelm, der als Kaiser Friedrich III. die Nachfolge antrat, notierte noch am selben Tage:

"So habe ich denn den Thron meiner Väter und den der deutschen Kaiser bestiegen! Gott wolle mir beistehen meine Pflichten gewissenhaft u(nd) zum Wohle meines engeren wie des weiteren Vaterlandes zu erfüllen."

Doch der neue Kaiser war bereits ein todkranker, vom Krebs gezeichneter Mann. Er regierte nur 99 Tage. Mit ihm, so glaubten viele Zeitgenossen, sei die große Hoffnung auf eine freiheitliche Entwicklung in Preußen-Deutschland zu Grabe getragen worden. Denn Friedrich III. galt als Gesinnungsfreund der Liberalen, ja ihm wurden Sympathien für ein parlamentarisches System nach englischem Muster nachgesagt. Vor allem seine Ehe mit der resoluten Prinzessin Viktoria, der ältesten Tochter von Queen Victoria, hatte derlei Spekulationen beflügelt. Und nachdem sein Sohn Wilhelm II. das Kaiserreich in die Katastrophe des Ersten Weltkriegs und den Untergang der Hohenzollernmonarchie geführt hatte, schien bewiesen, was eine Zeitung 1931 auf die Kurzformel brachte:

"Vieles wäre anders geworden, wenn Kaiser Friedrich am Leben geblieben wäre."

Aber war Friedrich III. überhaupt ein Liberaler? Und wollte er tatsächlich an den bestehenden Machtstrukturen etwas ändern? Über diese Fragen ist unter Historikern viel gestritten worden. Sie stehen auch im Mittelpunkt der ersten wissenschaftlichen Biografie des 99-Tage-Kaisers. Ihr Autor, der an der Universität St. Andrews in Schottland lehrende Historiker Frank Lorenz Müller, konnte nicht nur auf die im vergangenen Jahr publizierten Tagebücher des Kronprinzen von 1866 bis 1888 zurückgreifen; er hat darüber hinaus in zahlreichen Archiven geforscht und neues Material zutage gefördert. Nach diesem Buch kann es keinen Zweifel mehr geben: Die Annahme, dass Friedrich III., wäre ihm eine längere Regierungszeit beschieden gewesen, der deutschen Geschichte eine andere Richtung gegeben hätte, gehört ins Reich der Legenden. Müller hat die politischen Ansichten des Kronprinzen sorgfältig untersucht und ist dabei auf bemerkenswerte Widersprüche gestoßen. Einerseits bekannte sich Friedrich Wilhelm entschieden zur konstitutionellen Regierung. Die Rechte der Volksvertretung sollten geachtet, die Grundsätze der Verfassung nicht angetastet werden. Andererseits blieb er den militärischen Traditionen der preußischen Dynastie stärker verhaftet, als das gemeinhin angenommen wurde. So stand eine Kontrolle der Armee durch das Parlament für ihn außerhalb jeder Diskussion.

Er war hin- und hergerissen zwischen seiner grundsätzlichen liberalen Einstellung und seiner Überzeugung, dass eine starke monarchische Führung auf alle Fälle bewahrt werden müsste,

fasst der Autor zusammen. Eindrucksvoll wird geschildert, wie außerordentlich populär der liebevoll "Unser Fritz" genannte Kronprinz zu seiner Zeit war. Er galt allgemein als ein Ausbund aller nur denkbaren bürgerlichen und dynastischen Tugenden. In zahllosen Anekdoten wurden seine Volkstümlichkeit, sein Familiensinn, die Schlichtheit seiner Lebensführung, aber auch seine Tapferkeit als Armeeführer in den Kriegen von 1866 und 1870/71 gepriesen. Interessant ist der Nachweis, wie geschickt Friedrich Wilhelm agierte, um Journalisten für sich einzunehmen und die veröffentlichte Meinung in seinem Sinne zu beeinflussen. In dieser Hinsicht ähnelte er bereits Wilhelm II., der sich als "Medienmonarch" die modernen Kommunikationsmittel noch souveräner zunutze zu machen wusste. Freilich: Das öffentliche Image des Kronprinzen war das eine; seine Stellung am Hofe das andere. Neues Licht wirft die Biografie auf die schwierige Beziehung zwischen dem Kronprinzen und seinem Vater. Wilhelm I. hielt nicht viel von der politischen Begabung seines Sohnes und suchte ihn auch noch im hohen Alter von allen Regierungsgeschäften fernzuhalten. Die unerwartet lange Wartezeit auf die Thronnachfolge zermürbte Friedrich Wilhelm. Am 18. Oktober 1881, seinem 50. Geburtstag, vertraute er seinem Tagebuch an:

"Fünfzig Jahre, also das Leben hinter mir, müßiger Zuschauer in täglicher Entsagung, Selbstüberwindung über ein Menschenalter gewöhnt, verurteilt die letzten Jahre untätig zuzubringen."

Frank Lorenz Müller hat herausgefunden, dass der Kronprinz bereits Mitte der Achtzigerjahre mit Bismarck eine heimliche Absprache traf: Er sicherte dem Reichskanzler zu, ihn nach dem Tode Wilhelms I. im Amt halten zu wollen. Von einer Kurskorrektur im Innern, gar von der Einführung einer parlamentarischen Regierung nach englischem Vorbild war keine Rede mehr. Deutlicher konnte die Resignation des einstigen Hoffnungsträgers der Liberalen nicht zum Ausdruck kommen. Nüchtern kommentiert der Autor den Pakt mit Bismarck:

Eine Liebesheirat war es nicht, sondern eine politische Zweckehe auf der Grundlage dynastischer Notwendigkeit.

Bald nachdem Friedrich III. am 15. Juni 1888 gestorben war, setzte auch schon der Kampf um sein Andenken ein. Ihm hat der Autor das letzte Kapitel gewidmet. Während die Liberalen den Mythos vom freisinnigen "Volkskaiser" kultivierten, dessen Erbe sie für sich beanspruchten, suchten ihre Gegner mit Wilhelm II. an der Spitze einen Gegenmythos zu kreieren, indem sie Friedrich III. auf die Rolle des "edlen Dulders" und siegreichen Schlachtenlenkers reduzierten. Beide Mythen haben den Blick auf den vorletzten Herrscher lange Zeit verstellt. Frank Lorenz Müllers streng sachliche und doch flüssig geschriebene Biografie rückt das verzerrte Bild zurecht. Jenseits aller kontrafaktischen Wunschfantasien - was wäre gewesen wenn? - macht sie die Persönlichkeit Friedrichs III. mit ihren widersprüchlichen Seiten sichtbar. Dadurch wird es möglich, dem 99-Tage-Kaiser endlich den Platz in der preußisch-deutschen Geschichte zuzuweisen, der ihm zukommt.

Frank Lorenz Müller: Der 99-Tage-Kaiser. Friedrich III. von Preußen. Prinz, Monarch, Mythos
Siedler Verlag, 464 Seiten
24,99 Euro

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