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StartseiteKultur heuteMit Gott gegen das Kapital27.07.2012

Mit Gott gegen das Kapital

Warum sich Jürgen Habermas nicht erst seit kurzem für Religion interessiert

Ob Diskussionen über politischen Islamismus, Karikaturenstreit, Blasphemie oder Beschneidung: Die entseelte westliche Welt diskutiert Fragen des Glaubens und seiner politischen Folgen. Der Sozialphilosoph Jürgen Habermas interessiert sich seit einigen Jahren intensiv dafür. Und geht auf Distanz zu einem allzu forschen Säkularismus.

Von Kersten Knipp

Der Philosoph und Sozialwissenschaftler Jürgen Habermas (AP)
Der Philosoph und Sozialwissenschaftler Jürgen Habermas (AP)

Die himmlischen Dinge mögen ihre Bedeutung haben, aber mindestens ebenso wichtig sind die irdischen Angelegenheiten. Denn zweifelsfrei lebt der Mensch allein auf Erden. Dass es nach dem Ableben für ihn irgendwo anders weitergeht, mag man hoffen, aber zweifelsfrei sicher ist es nicht. Insofern kommt es darauf an, sich zunächst auf das Naheliegende, also das Hier und Jetzt zu konzentrieren. Und den Rest, die transzendenten Dinge, kann man getrost über Bord werfen.

Kann man es wirklich? In seiner Dankesrede zum Friedenspreis der Deutschen Buchhandels im Herbst 2001, kurz nach den Anschlägen des 11. Septembers, ging Jürgen Habermas zu einem allzu forschen Säkularismus auf Distanz. Natürlich, der Säkularismus war und ist eine Erfolgsgeschichte: Er half die Religionen zähmen und stutzte ihre Ansprüche. Man nannte dieses Projekt Aufklärung, Moderne, Fortschritt. Doch dann merkte man, dass die "nachmetaphysisch abgerüstete Welt", wie Habermas sie nannte, auf ihre Art auch wieder aufrüstete. Heilslehren, nahm man zur Kenntnis, verwandelten sich in totalitäre Systeme. Auf dieser Erfahrung gründete Habermas sein kommunikatives Gesellschaftsmodell. "Konsensual" heißt es, und traf und trifft wie kein anderes das Selbstverständnis der Bundesrepublik. Fast könnte man meinen, der Konsensualismus sei zur neuen Religion der Bundesrepublik geworden.

Doch in diesem kommunikativen Raum fehlten immer mehr die religiösen Stimmen. Darauf wies Habermas, der sich selbst mit einem Wort Max Webers als "religiös unmusikalisch" bezeichnend, im Herbst 2001 anlässlich der Dankesrede zur Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels, hin.

Habermas verband in seiner Dankesrede zwei Motive: den Schrecken über die Anschläge in den USA einerseits – und das Unbehagen über die Folgen des verflachenden kulturellen Niveaus in Zeiten medialer Verdichtung andererseits. Die Streitkultur früherer Jahre war zu nicht endendem Gefühlsgeplapper und enthemmter Befindlichkeitsduselei verkommen. In einer solchen Situation, befand Habermas, ist es an der Zeit, sich daran zu erinnern, dass es auch Themen von anderer Gewichtsklasse gibt. Und diese lassen sich Habermas zufolge am besten mit Hilfe der Restbestände religiöser Sprache artikulieren. Darum sei eben auch eine überwiegend weltlich ausgerichtete Gesellschaft auf das religiöse Erbe angewiesen. Zitat: "Eine Säkularisierung, die nicht vernichtet, vollzieht sich im Modus der Übersetzung."

Fragt sich nur: Sind denn Religionen Garanten der Aufrichtigkeit? Leicht treten sie indoktrinierend und absolutistisch auf. Eben damit haben moderne Gesellschaften, hat auch die moderne Weltgesellschaft, ein Problem. Ihre Aufgabe ist es, konkurrierende Ideologien und Glaubensrichtungen miteinander in Einklang zu bringen – in dem Sinn, dass sie zwar religiös, aber nicht politisch miteinander konkurrieren.

Undenkbar ist das nicht, denn, Zitat: "Verschiedene Werte schließen sich nicht wie verschiedene Wahrheiten gegenseitig aus." Toleranz kommt darum auch den Religionen selbst zugute. Denn Impulse zur neuen Lesart alter Texte, zur kritischen Durchsicht bisheriger Überzeugungen, erklärte Habermas, entstünden erst dann, wenn Religionen sich gegen äußeren Druck nicht mehr verteidigen, um ihre Existenz nicht fürchten müssten – und sich darum weder nach innen noch außen verhärteten.

Die Durchsicht oder Revision der Tradition heißt allerdings nicht, sie über Bord zu werfen. Das will auch der säkulare Rechtstaat nicht, denn darüber würde er seinerseits leicht doktrinär. Zitat: "Die Gewährung gleicher ethischer Freiheiten erfordert die Säkularisierung der Staatsgewalt, aber sie verbietet die politische Überverallgemeinerung der säkularisierten Weltsicht."

Die Dialektik der Aufklärung schlägt bis heute ihre Volten. Sie wird sie wohl für alle Zeiten schlagen. Wie ließe sich ihr zumindest ansatzweise beikommen? Wohl nur durch eine Debatte auf globalem Niveau, eine Debatte, deren Teilnehmer das gleiche Stimmrecht haben. Dem fügt sich die Religion auch in der Habermas´schen Lehre. Letztlich handelt der Philosoph von einem konsensualen Gott.

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