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StartseiteCampus & KarriereMit Gruppendruck zum Studienerfolg30.08.2004

Mit Gruppendruck zum Studienerfolg

Bremer Universität bietet Hilfe für Langzeitstudenten

<strong>Langzeitstudenten haben es schwer: Nicht nur, dass sie in einigen Bundesländern mit Studiengebühren geplagt werden, von Professoren und Kommilitonen werden sie zuweilen ziemlich schief beäugt: Bummelstudenten sollen sie sein, zu faul, um ihr Studium in der Regelstudienzeit abzuschließen. Dass das so nicht immer zutrifft, zeigt die Uni Bremen. Hier werden Langzeitstudenten in einem speziell für sie ausgerichteten Kolloquium ans Ziel Examen herangeführt.</strong>

Von Britta Mersch

Studieren kostet Zeit (AP)
Studieren kostet Zeit (AP)

Das reicht nicht, dass die einmal beim Professor sind und ihr Thema anmelden und dann in drei Monaten oder sechs Monaten oder einem Jahr die fertige Arbeit abgeben. Sie brauchen dieses Kollektiv, wo sie sich über die einzelnen Arbeitsschritte auch immer wieder selbst austauschen können.

Eva Schöck-Quinteros ist Initiatorin des Kolloquiums an der Uni Bremen, das Langzeitstudenten auf die Sprünge hilft. Denn Studenten mit hohen Semesterzahlen sind nicht automatisch Faulenzer, da ist sich die Historikerin sicher. Erfahren hat sie das, als sie vor zwei Jahren die Leitung des Instituts für Regional- und Sozialgeschichte übernommen hat. In der Bibliothek wurde sie von einer kleinen Gruppe studentischer Hilfskräfte in Empfang genommen, und alle hatten die Regelstudienzeit um Längen überschritten.

Und mit denen kam ich ins Gespräch und habe gesagt, also ihr dürft sozusagen nur in der Bibliothek weiterarbeiten, wenn ich euch auch gleichzeitig zum Examen bringe, das kann nicht sein, dass ihr über Jahre sinnvolle Arbeit macht, aber euch nicht selber weiterqualifiziert und daraus entstand dann eigentlich über Mundpropaganda ein Kreis von 7, 8 Leuten.

Und tatsächlich: Das Kolloquium hat Erfolg. Mittlerweile haben alle Studenten der ersten Runde das Examen in der Tasche. Marcus Meyer ist Doktorand bei den Historikern und er unterstützt Eva Schöck-Quinteros bei der Betreuung der Studierenden. Wie wichtig die Beratung durch Kommilitonen ist, hat er selbst erlebt. In Eigeninitiative hat er während seiner Magisterarbeit einen Ideenaustausch organisiert - und diese Arbeitsweise trainiert er heute im Kolloquium mit Langzeitstudierenden.

Die typische Sitzung sieht so aus, dass jemand was vorbereitet hat, also beginnend mit einer Idee, worüber man eine Arbeit schreiben könnte und im besten Fall dazu schon eine Art Gliederung hat, also was will ich sagen, was sind meine Thesen, wie stellt man sich was vor, was ist mögliche Literatur, was sind mögliche Quellen, und was sind sozusagen die ersten Schritte, die man machen muss, um anzufangen, um das leere Papier mal zumindest mit einer groben Struktur zu füttern.

Dazu Schöck-Quinteros:

Man möchte eine Biographie über eine Bremer Frau schreiben und daraus wird dann, weil das relativ schwierig ist für eine Magisterarbeit und die Biographie vielleicht auch in großen Zügen schon bekannt ist, und daraus wird dann eben im Diskussionsprozess eine Arbeit über diese Frau als weibliche Abgeordnete in der Bremer Bürgerschaft in der Weimarer Republik.

So ergangen ist das Heike Hey. Die 49jährige studiert Erziehungswissenschaften auf dem 2. Bildungsweg und hat mit 40 noch einmal den Schritt an die Uni gewagt. In den ersten Jahren hat sie zügig studiert, Krankheit und Job zogen sie dann aber für zwei Jahre aus dem Verkehr. Als sie eigentlich schon sicher war, den Anschluss an die Uni verpasst zu haben, ist sie auf das Kolloquium aufmerksam geworden. Durch die regelmäßigen Treffen und den dadurch entstehenden Gruppendruck hat sie ihre Magisterarbeit schließlich in Angriff genommen.

Für mich sind zwei Sachen ganz wichtig. Zum einen ist wichtig, dass wir uns regelmäßig treffen und damit eine Kontinuität da ist, die eine Verbindlichkeit schafft, und das andere ist, dadurch, dass wir uns untereinander kennen lernen, unsere Themen gut kennen lernen, dadurch dass wir sie ausführlich besprechen können, eben auch ein Anruf kommt, Heike, ich hab gelesen, weißt du das auch schon, guck doch mal da nach.

Dass sich Studierende in hohen Semesterzahlen bewegen, kann ganz unterschiedliche Gründe haben. Die einen arbeiten zu viel nebenbei und verlieren dabei die Uni aus dem Blick. Andere können ihren Alltag nicht strukturieren – und verweigern jede Hilfe von außen. Oder sie sind frustriert, dass vonseiten der Unis keine Hilfestellung kommt. Der Bremer Geographiestudent Dirk Hahn zumindest hat sein Studium deswegen hingeschmissen.

Am schlimmsten war einfach, dass es null Beratung in irgend einer Weise gegeben hat, weder vonseiten der Professoren noch vonseiten der Lehrbeauftragten noch vonseiten der Verwaltung. Da haben sich dann andere Alternativen irgendwann aufgetan, dadurch dass ich dann immer nebenbei gearbeitet habe, um meinen Lebensunterhalt zu finanzieren. Da hat sich dann irgendwann die Gelegenheit aufgetan, dass ich mich umorientiere und das Studium Studium sein lasse - in einem sehr fortgeschrittenen Stadium des Studiums natürlich. Damals war ich im 16. Semester und eigentlich kurz davor, meine Diplomarbeit schreiben zu können.


Mehr als jeder vierte deutsche Student bricht nach Angaben des Hochschul-Informationssystems in Hannover sein Studium ab und das erst nach 12, 15 oder mehr Semestern. Langzeitstudiengebühren, wie sie schon in einigen Bundesländern erhoben werden, verschärfen das Problem. Derzeit wird auch in Bremen über die Einführung von Langzeitgebühren oder Studienkonten diskutiert. Eine Maßnahme, die bei den Bremer Mitarbeitern auf Unverständnis stößt. Marcus Meyer:

Das Wort Strafmaßnahme finde ich gar nicht verkehrt in dem Zusammenhang, weil die ganze öffentliche Debatte, den Langzeitstudierenden als Bummelanten quasi, wenn man das böse Wort benutzen will, darstellt, der einfach seinen Arsch nicht hochkriegt und Kapazitäten der Uni belegt und dabei wird tatsächlich übersehen, dass dahinter ja auch Gründe stecken, genau eben das, dass da Leute sind, die eine Familie gegründet haben oder dass da Leute sind, die einfach arbeiten müssen und dass sich der Arbeitsmarkt selten nach Studienzeiten richtet oder dass Leute einfach mal krank werden zwischendurch und das ist das Gros der Leute.

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