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StartseiteWissenschaft im BrennpunktMit heißem Fett und schwarzen Zwergen10.06.2007

Mit heißem Fett und schwarzen Zwergen

Wie sich die deutsche Industrie gegen Produktpiraten wehrt

Ganze tausend mal hat der deutsche Zoll in den sechs Jahren von 1988 bis 1994 illegal kopierte Waren beschlagnahmen müssen. Im Jahr 2006 allein war es fast das Zehnfache: Produktpiraterie ist für die deutsche Wirtschaft ein ernst zu nehmender Verlustfaktor geworden.

Von Mathias Schulenburg

Vom Original kaum zu unterschieden: gefälschte iPods im chinesischen Shenzhen (dpa / picture alliance / Chinafotopress)
Vom Original kaum zu unterschieden: gefälschte iPods im chinesischen Shenzhen (dpa / picture alliance / Chinafotopress)

Soweit das möglich ist, bemühen die Geschädigten die Justiz, deren Arm aber nicht immer weit genug reicht. Maschinenbauer setzen deshalb vermehrt auf schwer zu kopierende Extras, und Tricks wie Abweichungen von der Industrienorm, die schwer zu erkennen, aber für das Funktionieren der Maschine wichtig sind. So wollen sie den Kopierern die Arbeit so schwer wie möglich machen.

Der "Plagiarius-Preis" schließlich - die Trophäe ist ein Zwerg mit goldener Nase - soll die Täter öffentlich beschämen, mit Erfolg.

Was genau am 8. September 1989 beim Charterflug Nr. 394 der Luftfahrtgesellschaft Partnair von Oslo nach Hamburg passierte, ließ sich hinterher nicht mit völliger Sicherheit aufklären. Die Betreiber der Luftfahrtgesellschaft behaupteten, ein F-16 Kampfjet sei zu dicht an der mit 50 Passagieren besetzten Maschine vorbei geflogen. Der offizielle Abschlussbericht sprach dagegen von schlampiger Wartung und - vor allem - falschen Ersatzteilen, von billigen Bolzen, mit denen die so genannte Auxiliary Power Unit, APU, ein vom Fahrtwind angetriebener Generator, aufgehängt worden war. Die APU war so heftig ins Schwingen geraten, dass die Bolzen der Belastung nicht mehr standhalten konnten - das Heckteil des Flugzeugs brach ab und die Maschine stürzte vor der dänischen Küste ins Meer. Alle Insassen starben.

Der Zwischenfall gilt heute als Musterbeispiel für den Schaden, der durch gefälschte Ersatzteile - ein offenbar blühendes Geschäft - entstehen kann. Und falsche Teile finden sich keineswegs nur in Charter- oder Billigfliegern, sagt Christoph Neemann, in der Abteilung Technologiemanagement am Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik, IPT, in Aachen, verantwortlich für Technologie-Know-how-Schutz. Nicht-Originalteile, die etwa laxerer Kontrollen wegen billiger sind, halten selbst höchste Politiker in der Luft. Tatsache sei,

" ... dass z.B. in der Air Force One vom amerikanischen Präsidenten gefälschte Ersatzteile identifiziert wurden. In der Hälfte der amerikanischen Kernkraftwerke wurden gefälschte Teile gefunden, in zehn Prozent sogar in sicherheitskritischen Bestandteilen. Und in diesem Fall ist es natürlich wichtig, den Kunden davon zu überzeugen, dass es ihm einen Nachteil bringt, mit den Fälschungen zu agieren, A weil er dort nicht die gleiche Leistung bekommt, weil er vor Produkthaftungsansprüchen, weil er diese nicht durchsetzen kann, und in dem Fall sagen wir natürlich, wir müssen dort Maßnahmen integrieren, die sicherstellen, dass die Fälschung gar nicht erst auftritt, d.h., wir gestalten unsere Produkte technisch so, dass sie nicht nachahmbar sind oder dass dem Nachahmer die Know-how-Acquise einfach schwer fällt. "

Ein Beispiel: Die Oberflächen von Produkten werden in einer Weise aufgehübscht, die so schnell nicht nachahmbar ist:

" Da nehmen wir mal einen Kugelschreiber, an dem ein Clip dran ist aus einem bestimmten Metall, der gesintert ist, dass eine bestimmte Optik erzeugt, der sich nicht mit anderen Verfahren reproduzieren lässt, ohne direkt offensichtlich werden zu lassen, dass es eine Fälschung ist. Da muss er in das Verfahren investieren, er muss sich die Anlagen dazu kaufen, das Know-how aufbauen ... d.h., ich schicke ihn absichtlich in einen verknappten Markt. Dieses Verfahren ist nicht weltgängig, das können nur wenige Hersteller, und er muss sich entweder an diese Hersteller richten, d.h. er fällt einmal auf weil dieser Hersteller ja auch den Anderen beliefert, und er muss eben dieses Geld in die Hand nehmen. "

Gegenmaßnahmen wie diese werden am Fraunhoferinstitut für Produktionstechnik, IPT, in Aachen angedacht. Angesichts der unzureichenden rechtlichen Möglichkeiten, Produktpiraten im fernen Ausland in die Schranken zu weisen, sollen im Projekt "Techno-Pro" zusammen mit Industrieunternehmen technische Sicherungen erdacht und entwickelt werden. Die Zeit dafür, sagt Günther Schuh, Leiter des IPT, sei mehr als reif,

" Innovation lebt davon, dass der Erfinder sozusagen einen Erfinderlohn bekommt. Und Piraterie ist nichts anderes als Diebstahl dieser Erfindung und damit das Verweigern des Erfinderlohns. Damit würde man Innovation bremsen, deshalb wollen wir uns hier am Fraunhofer IPT auch so intensiv damit beschäftigen, tun das schon, werden jetzt dieses Großprojekt aufsetzen - weil wir müssen jetzt dass, was die globale Rechtssicherheit noch nicht liefert, leider wir Ingenieure auf der technischen Seite doch unterstützend einbauen. "

Zu den geplanten Gegenmaßnahmen zählen auch regelrechte Tabu-Brüche wie Abweichungen von der Deutschen Industrienorm, DIN. So könnten künftig zumindest die Herzstücke von Maschinen hintersinnig hier und da mit Teilen bestückt werden, die kaum merkbar - aber wirkungsvoll - von der Norm abweichen. Der Prozess wird "De-Standardisierung" genannt. Günther Schuh nennt ein Beispiel:

" Um sich das vorstellen zu können, wenn ich ein Normlager nehme und das dann genau nicht mit den Normabmaßen sondern im Hundertstel-Millimeter-Bereich variiere, so dass dann z.B. der Fälscher nicht erkennen kann, wenn er dieses Lager vorfindet, dass das kein Normlager ist. Wenn er dann
stattdessen, das sozusagen nächst liegende Normlager nimmt, dann stimmt die Passung nicht, dann bekommt er eine andere Funktionalität, die Funktionalität ist nicht gesichert, die Maschine funktioniert nicht. "

Die Aufweichung der Deutschen Industrienorm dürfte einen Preis haben, denn von der Wirtschaft einvernehmlich verabredete Standards oder staatlich gesetzte Normen haben auch geholfen, Märkte zu entwickeln und den Wettbewerb zu stärken. In Deutschland besorgt das Deutsche Institut für Normung, DIN, das Vereinheitlichungsgeschäft; nach Rechnungen des Fraunhofer-Instituts für Systemtechnik und Innovationsforschung und der Technischen Universität Dresden hilft das DIN so der Wirtschaft jährlich 16 Milliarden Euro einzusparen, einfach dadurch, dass Schrauben und Muttern zueinander passen, Schnittstellen an Computern korrekt Daten austauschen oder Handys verschiedener Hersteller einander verstehen.

Den Produktpiraten kommt auch die gegenwärtige Demoralisierung weiter Teile des Managements entgegen, das mehr und mehr dazu neigt, Profit um jeden Preis zu machen. Konnte etwa früher ein Zulieferer der Automobilindustrie damit rechnen, für gute Ideen in seinem Angebot einen Auftrag zu bekommen, wandern die guten Idee heute nicht selten zum billigsten Bieter, was auch Günther Schuh beklagt:

" Aber was es dann zumindest gab, dass man den so genannten "last bid" hatte. Der Erfinder kriegte dann noch mal die Chance, wenn der Ausschreibende, z.B. der Autohersteller, wenn der jetzt alternative Angebote gefunden hatte, die viel günstiger waren, dann hat er dem Erfinder noch einmal die Möglichkeit gegeben, ob er in diesen Preis einsteigt. Diese Regeln fallen jetzt gerade, und damit züchtet man absichtlich, man lädt regelrecht diejenigen ein, die keine Entwicklungskosten amortisieren Der Hauptvorteil liegt dann darin, dass man keine Entwicklungskosten in die Stückkosten hinein rechnen muss. "

Die Automobilindustrie ist offenbar besonders anfällig für billige Plagiate und Produktfälschungen. Claus Grobe, als Marketing Manager bei TESA für das Fälschungssicherungssystem Scribos verantwortlich, nennt einen besonders dreisten Fall:

" Beim Thema Automobilersatzteile ist z.B. ein Fall aufgetreten, wo die Bremsscheiben aus gepressten Sägespänen hergestellt wurden. Dann verchromt oder zumindest so beschichtet, dass sie optisch gut aussehen und das hat in Saudi-Arabien zu einem Todesfall, zu einem nachgewiesen Todesfall geführt, wo die Bremsen dann beim ersten Versuch versagt haben, und genau so spielt sich das im Gesamtfahrzeugbau ab, wo ganze Fahrzeugkonzepte kopiert werden, aber die technischen Details in der Funktionalität nicht vollständig nachgeahmt werden können. D.h., das Fahrzeug würde den Crash-Test nicht bestehen, dann gibt es die eine Variante, da macht man das Fahrzeug einfach ein bisschen schwerer, ist im Fall eines Geländewagens passiert, den konnte man später als Lastwagen zulassen und er musste die Crash-Anforderung nicht mehr erfüllen. Und im anderen Fall crashed man einfach das Originalfahrzeug. Man macht nur seine Typenplakette drauf und crashed das Originalfahrzeug. Und produziert dann weiterhin das sicherheitsgefährdende eigene Auto. "

Die Originalhersteller versuchen, der Entwicklung unter anderem mit fälschungssicheren Markierungen Herr zu werden. Die Tesa scribos GmbH etwa hat das so genannte holospot-System entwickelt, bei dem sehr fest haftende Plastiketiketten Informationen tragen, die teils mit bloßem Auge, teils nur mit speziellen Lesegeräten entziffert werden können. Versuche, das Etikett abzulösen oder zu verändern, werden deutlich angezeigt. Das System erlaubt die Markierung auch geringwertiger Güter wie Shampooflaschen. Der Hersteller Beiersdorf hat damit Fälschungen seiner Haarpflegeserie Nivea Hair Care vom russischen Markt drängen können.

Die Fälschung von Ersatzteilen ist für die Industrie besonders misslich. Fehlerhafte Ersatzteile können nicht nur - wie geschildert - schwere Schäden zur Folge haben, gut gemachte schädigen den ursprünglichen Hersteller. Heiner Kudrus, Leiter der Maschinenfabrik Schumag AG in Aachen, nennt ein Beispiel, wie in der Textilindustrie Fälscher und Plagiatoren ausgetrickst werden können:

" Also zur Herstellung von Chemiefasern müssen diese Chemiefasern angetrieben werden, abgezogen werden, verstreckt werden, dafür werden schnell drehende beheizte Walzen eingesetzt, und in solchen Walzen sind beispielsweise Lagerpatronen enthalten, die in einem Intervall von mehreren Jahren ausfallen und dann über Jahrzehnte auch ein sehr, sehr gutes prosperierendes Geschäft mit sich bringen. Man muss dazu sagen, nicht wenige Maschinenbauunternehmen leben nicht vom Neumaschinengeschäft sondern von den Ersatzteilen, die dann über zehn, zwanzig, dreißig und vierzig Jahre geordert werden. Also insofern ist gerade dieser Kopieraspekt von Ersatzteilen häufig schmerzlicher als das Kopieren von einzelnen Neuprodukten. "

Mögliche Abhilfe: Der Lagerhersteller legt sein Produkt so aus, dass es nur noch mit einem sehr speziellen Zusatz funktioniert, etwa einem ganz besonderen Fett:

" Die Lager, die mit diesem Fett ausgestattet sind, laufen, sie laufen nur mit diesem Fett, und die Kopierer schaffen es nicht, dieses Fett zu beschaffen. Sie verstehen auch gar nicht den Zusammenhang, dieses Fett sieht aus wie ein anderes Fett, es kann nur viel mehr. "

Wer nicht Einzelteile, sondern ganze, mitunter hochkomplexe Maschinenanlagen kopieren will, wird in der Regel nicht das Rad neu erfinden sondern die Hilfe von anderen Firmen, von Zulieferern, in Anspruch nehmen. Die könnten sich gegebenenfalls in den Dienst der guten Sache stellen und erkennbaren Produktpiraten die Zuarbeit verweigern; die Triebkräfte des Marktes indessen schwächen die Moral:

" Viele der Zulieferer könnten, wenn sie denn wollten, auch identifizieren, dass sie da offensichtlich einen Piraten beliefern. Sie merken das direkt und wenn man sagt, man bemerkt es nicht, dann ist das überwiegend weil man es nicht bemerken will. Und in dieser Kategorie wird das als Kavaliersdelikt behandelt, und es ist kein Kavaliersdelikt. Es ist ein gigantischer volkswirtschaftlicher Schaden, der deshalb so gravierend ist, weil die Innovationskraft der Weltwirtschaft und vor allem der klassischen Industrieländer extrem geschwächt wird. "

Die Entwicklung, sagt Heiner Kudrus, Leiter der Maschinenfabrik Schumag AG in Aachen, ist im Grunde nicht neu:

" Also dieses technische Hochrüsten als Trend, den kann man über viele Jahrzehnte schon klar verfolgen. Historisch gesehen sind eben diese ganzen Kennzeichnungswege, aber auch technologische Barrieren überwunden worden. Die Frage ist nur, ist man schneller. Also man kann jetzt nicht sagen, wir können uns zur Ruhe setzen, wir haben e einmal geschafft, das wird nie jemand knacken - ich glaube, das ist nicht realistisch. Aber einen hinreichenden Vorsprung zu haben, der über eins, zwei drei Jahre, je nach Branche, je nach Technologie, wirklich Piraten abhält, das halte ich für machbar, und denke ich kennzeichnet auch diesen ständigen Wettlauf, auch in der Zukunft. "

Natürlich - das räumen alle Beteiligten ein - wird keine Lösung von ewiger Dauer sein, irgendwann ist auch das speziellste Fett verstanden und kopiert. Bis dahin muss den Ingenieuren etwas Neues eingefallen sein. Das wird auf dem Maschinenbausektor nicht einfach sein, denn die Plagiatoren sind z.T. Bestens gerüstet:

" Ich konnte in China Firmen besuchen, die
komplette Maschinen, komplexe Maschinen kopiert haben und das Beeindruckende war, dass dort ein gut ausgebildeter Stamm von Ingenieuren tätig war, teilweise auch in Deutschland ausgebildet worden sind, also sehr gute Ingenieure, die größtenteils mit westlichen Werkzeugmaschinen die Produkte produzieren. In modernen Fabriken. D.h. also, wenn man nicht wüsste, dass man dort bei einem Kopierer ist, würde man sagen: Eine tolle Firma. "

Der Maschinenbau ist natürlich nur ein Teil des Produktpiraterieproblems, viel augenfälliger sind Markenfälschungen oder allzu genau kopierte Produktideen bei Konsumgütern. Hier tritt die kriminelle Facette des Problems mitunter offen zu Tage, wie Günther Schuh weiß, Leiter des Fraunhoferinstituts für Produktionstechnik, IPT, in Aachen:

" z.B. in der Modeindustrie ist der Hauptbetreiber die italienische Mafia. D.h., die Vertriebswege für die Markenartikel in der Modeindustrie, die in China produziert werden, sind überwiegend in der italienischen Mafia verankert, im großen Stil generalstabsmäßig organisiert, lohnt sich das noch viel mehr als Rauschgift. "

Manchmal, sagt Claus Grobe, Marketing Manager bei TESA, gelingt es, die Piraten mit Bauernschläue anzuschmieren:

" Es hat mal die Situation gegeben, dass die Glasgow-Rangers, die sehr wohl wussten, dass ihre Shirts, ihre Trikots gefälscht werden, ganz bewusst den Weg gegangen sind, vor der auslaufenden Saison, nach China zu fahren, die machen ihre Promotion-Tours, so wie es Manchester United oder Bayer München auch macht, zeigen ihre neuen Trikots, Merchandising soll angeregt werden, und die sind dann nach Asien gefahren und haben ganz bewusst ein falsches Trikot gezeigt. Die sind dann also dahin gefahren, haben ihre Trikots vorgestellt. Sie wussten, dass die Fälscher da sind, die haben dann auch Fotos gemacht, haben versucht, noch ein bisschen daran rumzufühlen um den Stoff rauszubekommen, und die sind dann aufgelaufen, später, die Glasgow Rangers, mit einem ganz anderen Trikot und es sind dann auch, zumindest nach unserem Kenntnisstand, 300.000 Trikots dieser falschen unverkäuflichen Ware einmal angetroffen worden. Das ist eine schöne Geschichte, das macht man aber nur einmal. "

Eine für Produktpiraten geradezu magische Plattform sind Messen wie die Frankfurter [franz. ausgesprochen] TENDENCE, zu deutsch Tendenz, eine Messe für Lifestyle und schönen Schnickschnack. Auf der TENDENCE sind Dinge zu sehen wie eine massive Glaskugel, die der Schwerkraft trotz, oder doch zu trotzen scheint.

Das Ding - wenig mehr als eine edel ausgeführte Idee - macht wirklich schwer was her: Die Glaskugel, groß wie eine Pampelmuse, scheint in einer sich drehenden, an einem Faden aufgehängten Edelstahlspirale frei zu schweben, sich sogar zu heben. Die Illusion ist so schwer durchschaubar, dass sie auch ganz aus der Nähe Bestand hat. Armin Hartz von der Herstellerfirma "Die Kugelspirale", weiß, wieso:

" Eine Metallspirale und eine Kristallglaskugel, die Kugel ist in die Spirale eingesetzt und dreht sich mit der Spirale, und durch die Drehbewegung der Spirale entsteht eine optische Täuschung, die Kugel scheint zu schweben oder sich in der Spirale auf und ab zu bewegen. "

Das Wichtigste bei diesem schönen Schein ist die Qualität der Glaskugel. Die Kugel muss perfekt sein, frei von Schlieren, Einschlüssen und Abweichungen von der Kugelform, so dass sich nicht ohne weiteres erkennen lässt, dass die Kugel sich überhaupt dreht. Zusammen mit der sich drehenden Spirale machen die leichtgläubigen Augen dann ein Schweben daraus.

Die schöne Idee hat bereits Nachahmer gefunden, vermerkt Armin Hartz. Noch ohne Groll, vielleicht, weil die Nachahmungen so schlecht sind:

" Wenn man ein gutes Produkt präsentiert, werden häufig Muster mitgenommen oder gekauft und in relativ kurzer Zeit findet man die dann in sehr einfacher Machart auf dem deutschen Markt wieder. "

In Grenzen ist das auch erlaubt, sagt Edith Forster, Rechtsanwältin und spezialisiert auf gewerblichen Rechtsschutz:

" Natürlich, das ist ja auch das, was den Wettbewerb insgesamt anspornt, eine Nachahmung in der Form ist natürlich erlaubt, aber Nachahmung nur insofern, als sie nicht verwechslungsfähig ähnlich ist mit dem ursprünglichen Produkt [ist], also man kann sich anlehnen an Produkte, an Ideen, die andere hatten, aber muss es natürlich fortentwickeln. Das ist erlaubt. Aber keine Kopie und erst recht keine Fälschung. "

Kopien und Fälschungen auf Messen wie der TENDENCE dingfest zu machen gehört zu den Aufgaben von Edith Forster. Die Arbeit erfordert Nervenstärke und Courage, denn die Ertappten sind schon mal arg verstimmt:

" Zum Teil sind sie sehr sauer, gestern auf dem Stand hat uns der Zoll extra vorgewarnt, wir sollten nicht eigenmächtig auf die Stände gehen sondern immer den Zoll vorgehen lassen weil die unter Umständen auch handgreiflich werden können, also man muss da ein bisschen aufpassen, z.T. Sind sie auch sehr entgegen kommend und lassen einen alles anschauen, also es ist sehr unterschiedlich, wobei der Großteil der Standbesitzer skeptisch ist und es auch nicht versteht. Man muss dazu sagen, dass gerade die asiatischen Aussteller Probleme haben das zu verstehen, weil das eine ganz andere Kultur ist, die verstehen nicht genau, was jetzt daran so schlimm ist, wenn man nachmacht. "

Sagt doch die Lehre des Konfuzius, dass die höchste Verehrung, die man einem Meister entgegen bringen könne, darin bestehe, ihn nachzuahmen. Andere freilich haben die kapitalistischen Prinzipien durchaus verstanden und versuchen, die Kontrolleure bewusst zu überlisten.

" Dann räumen die die Sachen, wo sie genau wissen, dass sie Schutzrechte verletzen, weg, und zwei Minuten nachdem der Zoll weg ist stellen sie sie wieder hin, also das ist auch schon passiert. "

Manchmal sind die Plagiatoren auch richtig dreist:

" Wir haben gestern den Fall gehabt, dass drei der Aussteller dieses Jahr schon auf der Ambiente eine Unterlassungserklärung unterschrieben haben, die mit einer Vertragsstrafe belegt war, und die auch ziemlich hoch ist, und die haben jetzt schon wieder ausgestellt, und da werden wir jetzt hingehen und diese Vertragsstrafe geltend machen. "

Was in den Heimatländern schwierig ist, weshalb verstärkt deutsche Gerichte bemüht werden sollen. Mit deren Hilfe können die Schutzrecht-Schützer dann bei der nächsten Messe rabiat werden:

" Dann kommt der Gerichtsvollzieher, wenn wir einen Titel in der Hand haben, und der Gerichtsvollzieher vollstreckt das dann, d.h., sie müssen in bar das Geld geben. "

Es muss nicht immer und allein die Strenge des Gesetzes sein, die den Originalherstellern zu ihrem Recht verhilft. Christiane Lacroix bemüht sich für die Initiative Plagiarius, das Bewusstsein von Öffentlichkeit und Gesetzgeber für das Problem zu schärfen. Das ist offenbar nötig:

" Die Europäische Kommission schätzt, dass ca. 7 bis 10 Prozent des Welthandels mittlerweile Kopien und Fälschungen sind, und dass ca. 200.000 Arbeitsplätze weltweit vernichtet werden und ein volkswirtschaftlicher Schaden in Höhe von bis zu 200 oder 300 Milliarden Euro jährlich entsteht, und da, denke ich, kann man nicht mehr von einem Kavaliersdelikt sprechen sondern wirklich von ernst zu nehmender Wirtschaftskriminalität. "

Die Initiative Plagiarius vergibt für dreiste Produktpiraterien einen Preis, mit möglichst viel Tam-Tam, dessen Empfang eher schmerzlich ist:

" Das ist ein schwarzer Zwerg mit goldener Nase, die goldene Nase, die man sich verdient auf Kosten anderer. "

Wer den Preis in den Händen hält, hat fortan ein Negativ-Image an sich kleben, und es sind keineswegs nur mehr Firmen von weit her, die in den Genuss eines Plagiarius' kommen; es gibt einen Trend,

" Wir haben einen Wandel festgestellt, es ist nach wie vor so, dass sehr viele Plagiate und Fälschungen in Südostasien, speziell in China, und Thailand hergestellt werden, es ist aber auch ein Trend zu verzeichnen, dass immer mehr deutsche und europäische Unternehmen selber auch abkupfern oder zumindest - teils auch sehr bewusst - Plagiate und Fälschungen einkaufen und diese dann immer mehr in den europäischen Markt gelangen. "

Die vielen Gegenstände, die bisher einen Plagiarius-Preis kassiert haben, sind seit April dieses Jahres in einem Museum der Stadt Solingen zu bewundern.

" Gezeigt wird die Sammlung aus den letzten dreißig Jahren, angefangen von Kinderspielzeug über Haushaltswaren über technische Produkte bis hin zu Wohnaccessoires, Leuchten - wir haben also von einem kleinen Stift bis hin zu einem Mokick-Bike, also einer Art Motorrad, haben wir alles in jeder Größe und in jeder Branche vertreten. "

Der Plagiarius-Preis scheint zu wirken, vielleicht sollte die Zwergenfigur neben der goldenen Nase noch rote Ohren bekommen.

Aber sind Plagiate immer schrecklich? Wenn etwa ein Sportschuhhersteller aus seinen Markenlatschen mit riesigem Werbeaufwand Kultgegenstände macht, deretwegen sich die Kids auf dem Schulhof regelrecht anfeinden, und dann macht einer eine Billigkopie, die die Armen glücklich macht? Christine Lacroix bleibt streng:

" Der Hersteller, der investiert sowohl in Forschung und Entwicklung als auch ins Marketing, ganz klar, und er hat auch das Know-how und der Plagiator spart alle diese Kosten, und wenn Sie sagen "Gegen den Markenkoller" - wenn Sie diese Marke aber dann doch kaufen unterstützen Sie's ja auch. D.h., Sie können auch andere Marken kaufen, No-Name-Marken kaufen, die vielleicht eine ähnliche Qualität bieten oder vielleicht auch ein ähnliches Aussehen, d.h., die globalisierten Märkte bieten ja für jeden Geldbeutel und für jeden Geschmack etwas an, man muss es ja nicht unterstützen. "

Gleichwohl: Plagiate sind so alt wie die Menschheit. Und es gab eine Zeit, da waren es die Chinesen, von denen abgekupfert wurde, bei der Kunst des Porzellanmachens etwa. Es gab im 16. Jahrhundert regelrechte Keramikkriege, bei denen japanische Heerführer koreanische Töpfermeister als Beute nach Hause brachten, die ihrerseits ihre Kunst von den Chinesen abgeguckt hatten. Die japanische Porzellankunst entwickelte eigene Qualitäten, die dann wieder von China kopiert wurde, und so fort.

Im Jahre 555 vollzogen die Langnasen - wie die Chinesen Europäer nennen - einen dreisten Akt von Produktpiraterie: Byzantinische Mönche schmuggelten Seidenraupeneier aus dem Reich der Mitte, mitsamt dem dazu gehörenden Know-how. Das war die Grundlage der europäischen Seidenindustrie

Und als 1708 Johann Friedrich Böttger das Porzellan nacherfunden hatte, versuchte dessen Förderer, August der Starke, den Deckel drauf zu halten - letztlich vergebens. Aber den Versuch war es wert.



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