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StartseiteEuropa heuteMit Kernkraft zum Klimaschutz29.06.2011

Mit Kernkraft zum Klimaschutz

Atomkraft in Großbritannien

Klimaschutz ohne Atomkraft ist wie ein Fass ohne Boden - sagen die Briten. Und so hat die britische Regierung die weltweit verbindlichsten Klimaziele beschlossen, parallel zum Ausbau der Atomkraft. Bis 2025 wollen die Briten nur noch halb so viel CO2 emittieren wie 1990.

Von Jochen Spengler

Für die Briten ist klar: Ohne Kernkraft können die Klimaziele nicht erreicht werden.  (AP)
Für die Briten ist klar: Ohne Kernkraft können die Klimaziele nicht erreicht werden. (AP)

"Als Folge des Desasters von Fukushima bin ich nicht mehr neutral gegenüber der Atomkraft. Jetzt unterstütze ich diese Technologie, "

schreibt der Umweltaktivist und Kolumnist George Monbiot am 22. März in einem Leitartikel des links-liberalen "Guardian". In deutschen Ohren mag dies absurd klingen, doch in Großbritannien steht der Kommentator nicht allein mit folgender Logik:

Eine beschissene alte Anlage mit unzureichenden Sicherheitsvorkehrungen wurde von einem Monster-Erdbeben und einem gewaltigen Tsunami getroffen. Die Elektrizitätsversorgung versagte und legte das Kühlsystem lahm. Die Reaktoren begannen zu explodieren und zu schmelzen. - Atomenergie hat gerade einen der härtesten möglicher Tests durchlaufen und die Folgen für die Menschen und den Planeten waren gering.

Auf dem Höhepunkt des japanischen Desasters zeigen sich laut einer Repräsentativbefragung zwar 44 Prozent der Briten besorgt, 56 Prozent aber nicht beunruhigt oder meinungslos. Im Parlament bekennt der Premierminister David Cameron:

"Ja, ich glaube Atomkraft sollte auch künftig zum Energie-Mix gehören. Natürlich gibt es große Unterschiede. Wir haben nicht diese Reaktormodelle im Vereinigten Königreich und planen sie auch nicht; außerdem befinden wir uns nicht in ähnlichen erdbebengefährdetem Gebiet."

Diese Haltung ist verbreitet in Britannien, weswegen der deutsche Ausstieg aus der Atomenergie auch überwiegend auf Unverständnis trifft, nach dem Motto: "Die spinnen, die Deutschen". Die "Times" etwa schreibt.

Fakt ist, dass nicht ein einziger Deutscher jemals an den Folgen eines Atomunfalls gestorben ist. Die deutsche Nuklear-Reaktion hat sehr wenig mit realen Risiken zu tun. Sondern mit Angst und Vorurteilen.

In Großbritannien sind derzeit 19 Atommeiler auf neun Standorten am Netz. Der Anteil des Atomstroms beträgt 20 Prozent. Dabei soll es auch bleiben - um alte Meiler zu erneuern will die Regierung 50 Milliarden Pfund investieren.

Die regierenden Konservativen setzen ohne Bedenken auf Atomkraft, die sozialdemokratische Labour-Opposition hält sie ebenfalls für eine "saubere Energie". Die mitregierenden Liberaldemokraten, dritte politische Kraft auf der Insel, waren vor der Wahl noch gegen Atomkraft.

"Nuklearenergie ist eine erprobte, getestete und gescheiterte Technologie,"

verkündet der Liberaldemokrat Chris Huhne in einem Wahlwerbespot noch im Mai 2010. Nach der Wahl wird Huhne Energieminister. Und im Januar wirbt er am Standort Hinkley Point für die neue Generation von Atomkraftwerken:

"Das bringt den Ortsansässigen hier im Westen, enorme Möglichkeiten, Jobs in der Bauphase und langfristig und es gibt dem Land Energiesicherheit, bezahlbaren Strom und CO-2-arme Energie, womit wir auch unseren Beitrag zum Klimawandel leisten."

Die Regierung hat sich ein ehrgeiziges Ziel gesteckt. Bis 2025 will sie die CO-2-Emissionen im Vergleich zu 1990 zu halbieren. Doch die Nutzung erneuerbarer Energien steckt noch in den Kinderschuhen. Auch Energiesparen ist für viele Briten ein Fremdwort. Hier will die einzige grüne Parlamentsabgeordnete Caroline Lucas ansetzen:

"Wir brauchen keine Atomkraft, um unsere CO2-Emissionen zu senken, ohne dass die Lichter ausgehen. Ein 'Haus für Haus-, Straße für Straße-Wärme-Isolierungs-Programm'. Das klingt nicht so aufregend wie eine liebliche neue Reihe von Atomanlagen, aber die Frage muss doch sein, warum sollen wir um Himmels willen das Risiko eingehen."

Eine Minderheitsmeinung im Königreich. Atomkraft, ja bitte, heißt es hier. Zehn neue Meiler an acht Standorten, meist in der Nähe bestehender Anlagen - das waren die Labour-Pläne, die von der neuen Regierung erst letzte Woche bestätigt wurden. Das erste der zehn Neu-Akws soll 2018 ans Netz gehen.

Und doch ist zweifelhaft, ob es am Ende wirklich dazu kommt. Die Zeit bis 2018 ist knapp und möglicherweise verlangt die Atomaufsichtsbehörde nach Fukushima neue, kostspielige Sicherheitsvorkehrungen. Vor allem aber hat sich die konservativ-liberale Koalition darauf festgelegt, dass es keinerlei staatliche Subventionen für die Atomneubauten geben soll.
Das wäre weltweit ein Novum und es muss sich erst noch herausstellen, ob sich unter diesen Bedingungen wirklich ein Investor findet.

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