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Seit 02:07 Uhr Kulturfragen
StartseiteEuropa heuteMit Kopftuch ins Parlament19.04.2011

Mit Kopftuch ins Parlament

Türkei debattiert über die letzte laizistische Bastion

Wenn in der Türkei Männer gegen weibliche Abgeordnete mit Kopftuch sind, muss das nicht unbedingt ein Zeichen für religiöse Distanz sein. Manchmal geht es auch einfach nur um die Angst vor Machtverlust.

Von Gunnar Köhne

In den Reihen der regierenden AK-Partei finden sich zahlreiche Kopftuchträgerinnen. (picture alliance / dpa)
In den Reihen der regierenden AK-Partei finden sich zahlreiche Kopftuchträgerinnen. (picture alliance / dpa)

"Ohne Kopftuch, keine Stimme" lautet das Motto der parteiübergreifenden Fraueninitiative, an der sich auch viele liberale, westlich eingestellte Frauen beteiligen. Das herrschende Kopftuchverbot an den Universitäten hat die Regierung gelockert, indem sie es den Hochschulen überlassen hat, religiöse Studentinnen zuzulassen oder nicht. Nun müssten auch die letzten Zugangsbeschränkungen für religiöse Frauen beseitigt werden – etwa das Berufsverbot im öffentlichen Dienst oder in der Politik.

Die Fraueninitiative will kopftuchtragenden Abgeordneten Zutritt zum Parlament verschaffen. Schließlich trügen rund zwei Drittel aller Türkinnen eine Kopfbedeckung – so wie Ayse Böhürtlen, Gründungsmitglied der regierenden AK-Partei:

"Als wollten wir die Scharia einführen! Die hätten unsere Ehemänner ja schon längst einführen können – die Ehefrauen des Staatspräsidenten und des Ministerpräsidenten tragen doch Kopftücher. Es ist absurd, dass im britischen Parlament Musliminnen mit Kopfbedeckung sitzen dürfen, bei uns in der Türkei aber nicht."

Für die bekannte türkische Feministin Zeynep Tanbay handelt es sich bei diesen Vorschriften um eine Diskriminierung von Frauen – bärtige Männer dagegen dürften in der Türkei ungestört Karriere machen:

"Frauen auszugrenzen, nur weil – meistens Männern - deren Kleidung nicht gefällt – das ist ein Übel. Frauen wird ja nicht nur die Kopfbedeckung vorgeschrieben. Die Kleiderordnung im Parlament schreibt auch vor, dass Frauen keine Hosen tragen dürfen. Solche Bevormundungen gehören abgeschafft. Wir haben wahrlich andere Probleme."

Noch 1999 wurde die für die religiöse Refah-Partei gewählte Abgeordnete Merve Kavakci von der Mehrheit der versammelten Abgeordneten lautstark daran gehindert, ihren Eid zu sprechen. Da sie sich weigerte, ihr Kopftuch abzulegen, musste sie ihr Mandat niederlegen – Kavakci lebt heute in den USA. Immerhin: Unter den 78 Parlamentsbewerberinnen der AK-Partei befindet sich erstmals auch eine Kopftuchträgerin. Ob sie im Falle ihrer Wahl ihr Haar offen tragen werde, dazu wollte Gülderen Gültekin sich nicht äußern:

"Wir setzen uns für die Freiheit ein. Darum bin ich hier. Und so Gott will, wird sich in naher Zukunft manches zum Besseren wenden."

Gegenwind bekam die Fraueninitiative ausgerechnet von religiös-konservativer Seite. Die regierungsnahe Tageszeitung Zaman, die jahrelang gegen das Kopftuchverbot an Schulen geschrieben hatte, nannte die Kampagne "nutzlos". Die Frauen sollten ihre Kräfte lieber für eine allgemeine Demokratisierung des Landes einsetzen. Und der bekannte Kolumnist Ali Bulac setzte noch einen drauf: Er unterstellte den Frauen, sie beraubten das Kopftuch seiner religiösen Bedeutung und reduzierten es zu einem bloßen Frauenrechtsthema.

Ist den gläubigen Männern die Ausgrenzung ihrer Frauen und Töchter von den Schalthebeln der Macht also eigentlich ganz recht? Ayse Bohürtlen will das ihren Parteifreunden in der AK-Partei nicht offen unterstellen. Aber sie macht klar:

"Dass von 800 Bewerberinnen um eine Parteikandidatur 30 Kopftuch tragen, ist ein deutliches Zeichen. Dieses große Interesse der Frauen zeigt ihren Willen, etwas verändern zu wollen. Die Männer täuschen sich, wenn sie meinen, sie könnten uns mit politischen Nebenschauplätzen abspeisen. Wir Frauen haben uns ein klares Ziel gesetzt: Wir wollen mindestens 81 Sitze im nächsten Parlament – und ein paar von ihnen sollten auch ein Kopftuch tragen."

Die links-kemalistische republikanische Volkspartei CHP, die noch vor drei Jahren den Verbotsantrag gegen die AK-Partei wegen der Aufweichung des Kopftuchverbotes an Hochschulen unterstützt hatte, signalisiert nun, dass sie es hinnehmen würde, wenn eine kopftuchtragende Kollegin neben ihnen Platz nähme. Ob es dazu am 12. Juni auch kommen wird, ist derzeit eine spannendsten politischen Fragen am Bosporus. Ohne die Frauen verspricht die Wahl wenig Überraschungen: die AK-Partei wird wieder gewinnen wird, das steht den Umfragen zufolge so gut wie fest.

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