• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
StartseiteBüchermarktMit Liebe die Wahrnehmung anspitzen29.12.2004

Mit Liebe die Wahrnehmung anspitzen

Brigitte Kronauer: "Verlangen nach Musik und Gebirge"

In "Teufelsbrück", dem vor vier Jahren erschienenen großen Roman von Brigitte Kronauer, schlug der Liebesblitz auf der ersten Seite ein, als die Heldin Maria Fraulob im Hamburger Elbe-Einkaufszentrum ausrutschte und in den Armen eines Mannes landete, der ihr im selben Moment zur Obsession wurde. In ihrem neuen Roman lässt uns Brigitte Kronauer ans Meer reisen, und dennoch ist die Kulisse nicht minder trivial. Das kleine Seebad Oostende, nicht gerade der schönsten eins, ist Schauplatz von Anziehung und Abstoßung, Idolatrie und Intrige, Eroberung und Eifersucht: eine Kabale und Kabbelei zwischen sieben Menschen, darunter ein schwuler belgischer Parfümhändler, ein italienisches Pärchen, in dessen weiblichen Teil sich ein gehbehinderter deutscher Junge namens Roy verliebt, und die Erzählerin Frau Fesch, die die Ankunft eines Angebeteten erwartet – eine, wie es heißt, irrwitzige Gesellschaft, in der einer dem andern etwas, und zwar viel vormacht. Wiederum erscheint im Licht des Verlangens, von dem der Titel spricht, die gesamte Wirklichkeit des Romans.

Von Dorothea Dieckmann

Brigitte Kronauer: "Verlangen nach Musik und Gebirge" (Klett-Cotta)
Brigitte Kronauer: "Verlangen nach Musik und Gebirge" (Klett-Cotta)

"Was kann Frau Fesch dafür, dass die Welt nur zu ertragen ist als Begleitumstand einer Liebe?"

lautet die rhetorische Frage über die Mittlerfigur, und durch sie erfahren wir auch, welch existentieller Absturz der unglückliche Roy durch die Abweisung der schönen Italienerin erleidet:

"Haben wir schon darüber gesprochen, Roy, dass dir die Stunden ohne die Impala schon deshalb unerträglich sind, weil sie bodenlos fade schmecken, es fehlt ein bestimmtes Gewürz, nichts weiter. Man will im Grunde nur dieses Aroma und du bekommst es nicht ohne sie, auf sie selbst könntest du im Grunde verzichten, aber wie sollst du die Welt aushalten ohne diesen Geschmacksverstärker, den du nun mal kennen gelernt hast!

Es ist die vorher noch nie betretene Landschaft, geordnet nach dem Reim, den sich der andere auf die Dinge macht, das fremdartig keimende oder, bitte sehr, konstruierte Universum, das plötzlich, unrettbar ungültig geworden, zusammenstürzt."


Brigitte Kronauer:Ich glaube, dass die Liebe der populärste Weg ist, zu einer Anspitzung der Wahrnehmung zu kommen. Damit meine ich, dass man im Zustand einer Leidenschaft einen ganz bestimmten Kanal hat – einen, wie man heute sagt, Tunnel die Welt wahrzunehmen. Man reimt sich die Welt zu einer bestimmten Schlüssigkeit zusammen. Das vereinfacht die Welt. Es dramatisiert sie, aber es simplifiziert sie auch. Das geht im Prinzip mit jedem seelischen Zustand, erst recht mit jeder Leidenschaft, die man hat, und diese Perspektivierung ist es, die mich interessiert. Die Liebe ist nur ein Beispiel und ein besonders bekanntes Beispiel. Und das macht auch im Grunde genommen so etwas für die Literatur so interessant, weil sich im Grunde genommen in unserm Kopf, in unserer Wahrnehmung, in unserem Gemüt, um das alte Wort zu benutzen, die Welt zu einem Roman, könnte man sagen, zusammenreimt, in dem alles von alleine zusammenpasst.

Der Reim, von dem die Autorin hier spricht, dies Zusammenstimmen ist die eigentliche Leistung der Literatur. Empfindungen und Gefühle, hat Brigitte Kronauer einmal formuliert, sind als literarisches Material brauchbar nur dann, wenn sie unter einer Zentralidee erscheinen, so, wie wir uns eigentlich die Struktur der Wirklichkeit wünschen. Denn eine Realität ohne Gestalt, ohne subjektive Ansichten ist bedrohlich, und nichts zeigt diese ambivalente Freiheit deutlicher als die offene Weite des Meeres:

Unmöglich, während man das Meer ansieht, lange das Meer anzusehen! Was man wahrnimmt, ist entweder der Spülsaum oder der Horizont, die eigentliche Wasserbreite und Wellenmasse dazwischen wird jedes Mal schnell abstrakt ... Bewahre uns Gott vor der schrottfarbenen Gottlosigkeit dazwischen. Wenn man sich ihm ohne Kompromisse zuwenden würde, was für eine Freude an der Auslöschung, nichts Menschliches mehr, nur Meer, wie ein Gebirge in funkelnder Menschenfeindlichkeit aufragt.

Kronauers Bücher handeln immer auch von den Kompromissen, die wir machen, um dieser ozeanischen Formlosigkeit zu entgehen, und den Projektionen, die wir, ähnlich den Appartmentmauern am Oostender Küstenstreifen, aufbauen, um den grenzenlosen Horizont möglicher Sichtweisen zu verstellen.

Brigitte Kronauer:Wir versuchen, Dinge entweder zu idolisieren, sie also anzubeten, wie in meinem vorletzten Roman die Maria Fraulob, also jetzt im Grunde genommen fast wie einen Fetisch ihren Leo hat, und wir suchen uns Sündenböcke. Das ist zum Beispiel in meinem letzten Roman solche Figuren wie etwa dieses Leopold-Standbild, dem alles Schlechte angehängt wird, oder der Präsident Fesch, der also der Präsident Bush in gewisser Weise ist, sogar ziemlich genau ist ... Auch das sind Dinge, die in dem Roman nur zu einem gewissen Extrem, zu einer Verdeutlichung getrieben werden. Letzten Endes bin ich nicht am Spezialfall interessiert, sondern an dem, was alle Leute betrifft. Ich versuche es nur durch gewisse Übertreibungen etwas deutlicher zu machen.

Minutiös entfaltet der Roman ein Beziehungsgespinst, in dessen perspektivischen Verzerrungen die Oberfläche der sinnlichen Welt in tausend Facetten wiedererscheint, altbekannt und fremd zugleich. Am letzten Tag, als die Liebeshändel einen unerwarteten Ausgang genommen haben und Frau Fesch der Ankunft des sehnlich erwarteten Schiffes entgegensieht, wird ein Libretto verlesen, verfasst in Anlehnung an eine Erzählung von Joseph Conrad – neben Herman Melville einer von Kronauers literarischen Gewährsleuten. Auch bei ihnen erscheint das Meer als Chiffre des modernen Weltbildes, in dem die Wahrnehmung unentrinnbar in Fluss geraten ist.

Brigitte Kronauer:Was mich an den beiden interessiert, ist was anderes. Es ist die Ambivalenz, die sich durch deren ganzes Werk zieht und die sich auch durch mein ganzes Werk zieht, also die Überzeugung von der Wichtigkeit der Ambivalenz, einmal weil sie ein Tatbestand ist, diese Unbeständigkeit, diese Doppelwertigkeit fast aller Dinge, und gleichzeitig aber auch das Beharren auf Ambivalenz, weil es Freiheit erzeugt, Freiheit sich und den andern gegenüber, wenn man die Doppelwertigkeit und die Zwiegesichtigkeit der Welt bedenkt.

Auch in dem kleinen Bändchen "Die Tricks der Diva", das nur kurz nach ihrem neuen Roman herauskam, hat Brigitte Kronauer das Zwielicht eingefangen, in das die Welt getaucht ist – diesmal aber im Brennglas kurzer und kürzester Erzählungen, die alle mehr oder weniger explizit der Natur gewidmet sind, ihren Tricks und Launen, mit denen sie uns an der Nase herumführt, unsere Sinne und Gefühle verwirrt.

Ein kleiner Holzsteg führte ins Wasser, in dem überall in Rudeln die Seerosen scharf blinkend ihre Blätter in den umlaufenden Brisen metallschuppig zu einem dauernden tückischen Winken und Signalisieren hochstellten, sie dann wieder flachlegten und nach kurzem Besinnen ein Stück weiter ihr glänzendes Fächeln fortsetzten. Es hatte aber nichts zu bedeuten, das war ja klar.

Die Vieldeutigkeit, die wir der gleichgültigen Natur zueignen, spiegelt sich in der atemberaubenden Vielfalt von Kronauers Sprache. Eine Wanderung im Gebirge, ein Lied der Anemonen, der Chor einer Kindergartengruppe, die auf dem Friedhof herumgeistert, ein Gang mit Jean Paul durch Hagenbecks Tierpark oder der hinreißend anrührende Monolog einer fettsüchtigen Frau über ihren Traum, in einer Wiese zu vergehen und mit den Gräsern und Halmen zu flüstern – alles klingt in den höchsten und niedersten Tönen, legato und stakkato, wispernd und laut, spöttisch und elegisch, gelehrt und salopp, eine Musik, die immer wieder in den Lauten schwelgt, wie schon die fünfzehn Titel im Vokal "i" – von "Die Tricks der Diva" bis zu "Die Wiese", von "Wirre Witwen, wissende Witwer" bis zu "Stille mit finsterer Figur." Poetische Spielerei?

Brigitte Kronauer:Mich interessiert Poesie in dem ehrwürdigen, alten und für mich verbindlichen Sinne, dass sie versucht, die verschwiemelnden und verschimmelten Klischees, die sich immer sehr schnell über die Welt und ihre Gegenstände legen, zu beseitigen, und dafür benutze ich die Sprache, indem ich – ich habe ja kein anderes Mittel als die Sprache – sie in ein bestimmtes Extrem bringe: durch Übertreibungen, durch Übersteigerungen, auch durch Spielerei und Nonsens, und dann wieder durch Abstürze, also in eine gewisse Schnodderigkeit, in einen O-Ton, in eine Flapsigkeit. Sprache ist für mich nie und zu keinem Zeitpunkt Selbstzweck gewesen.

Eine Steigerung unserer Aufmerksamkeit bewirken diese Sprachkunstwerke, eine Erhellung der abgedunkelten Gefühlsregionen, eine Verstörung unserer trägen Seh- und Denkweisen, Säure gegen den philiströsen Mehltau von Phrasen und Ideologien. Insofern ist Brigitte Kronauer eine Erbin der literarischen Romantik ebenso wie der Moderne.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk