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Mit Riesentabletten gegen Methan

Experten wollen das Klimagas aus Rinderproduktion chemisch verhindern

Von Marieke Degen

Methan bildenden Bakterien soll es bald an den Kragen gehen - der Umwelt zuliebe.
Methan bildenden Bakterien soll es bald an den Kragen gehen - der Umwelt zuliebe. (Stock.XCHNG / Brendan Gogarty)

<strong>Umwelt. - Inzwischen sind auch schlichte Rinder zu Klimakillern aufgestiegen, denn sie produzieren beträchtliche Mengen an besonders klimaschädlichem Methan. Jetzt wollen Wissenschaftler den Methanausstoß der weltweiten Rinderherden bremsen - und zwar auf chemischem Weg.</strong>

Die Lage des Versuchsstalls von der Universität Hohenheim ist erstklassig. 65 Kühe leben hier mit Blick auf das Hohenheimer Schloss. Die Sonne scheint durch das breite Scheunentor. Enge Boxen gibt es nicht, keine Kuh ist hier angebunden. Sie trotten durch den Stall oder liegen im Stroh. Die meisten haben ihre Köpfe tief im Futtertrog vergraben. Den Futterruf der Tiere, ein lautes Muhen, wird man hier nicht hören. Die Kühe können sich mit Heu und Hafer bedienen, wann immer sie Lust dazu haben. Fressen ist ihr Job. Die Hohenheimer Experten für Tierernährung interessieren sich nämlich vor allem für ihre Verdauung. Denn die ist alles andere als klimafreundlich: Wenn Rinder Gras zu sich nehmen, entsteht in ihrem Vormagen eine Blase aus Methan.

"Diese Gasblase wird regelmäßig entleert über die Speiseröhre, was populär eben häufig als Rülpsen bezeichnet wird, und diese Methanmengen werden dann eben über die Maulhöhle in die Atmosphäre entlassen,"

sagt Winfried Drochner, Professor für Tierernährung. Die Rinderherden dieser Welt sind zu etwa vier Prozent mit für den Klimawandel verantwortlich. Und das will Drochner ändern. Seit Jahren erforschen er und seine Kollegen, welche Futterpflanzen den Methanausstoß reduzieren. Nun wollen sie eine Riesentablette für Kuhmägen entwickeln.

"Ich beschreib es mal so als ein schmales Seifenstück, das langgezogen eben gut abschluckbar in der Form eines Rechtecks oder Quaders etwa zehn bis zwölf Zentimeter Länge hat."

Bei der Verdauung von Gras helfen verschiedene Bakterien im Kuhmagen, darunter auch solche, die Methan produzieren. Die will Drochner mit der seifenstückgroßen Tablette bekämpfen. Der so genannte Bolus besteht aus pflanzlichen Stoffen, die nur die Methanbildner angreifen und die anderen Bakterien verschonen.

"Und das funktioniert auch. Wir wissen aus früheren Erfahrungen beispielsweise aus Zeiten, als wir antibiotische Stoffe noch einsetzen konnten, dass das funktioniert und dass diese Methanbildung auch effektiv reduziert werden kann."

Das Methan der Wiederkäuer beschäftigt die Landwirtschaft schon lange. Nicht allein wegen des Klimawandels. Rinder verlieren eine Menge Futterenergie, wenn sie Methan bilden. Und die könnte besser in Muskelfleisch umgesetzt werden. Jahrelang haben Landwirte die Methan-Bakterien deshalb mit Antibiotika bekämpft. Doch die sind in der Europäischen Union inzwischen verboten. Auch ausgewogene Speisepläne würden den Methan-Ausstoß verringern, sagt Drochner. Aber die ließen sich global kaum durchsetzen.

"Das kann nur bei intensiver Tierhaltung und bei einer entsprechend definierten Fütterung geschehen, wenn wir weltweit beispielsweise an die großen Herden in Argentinien oder Südbrasilien denken, da wird so ein System kaum funktionieren."

Genau da könnte die Riesenpille helfen. Mit einer Sonde soll sie im Vormagen der Kuh platziert werden. Weil sie so groß und schwer ist, wird sie nicht weitertransportiert. Im Vormagen löst sie sich langsam auf und hält die Methan-Bildner in Schach – monatelang. Das Prinzip ist nicht neu. In den Vormägen der meisten Kühe liegt nämlich schon ein faustgroßer Käfigmagnet. Er bindet zum Beispiel Nägel, die das Tier verschluckt hat.

"Und das tut der Kuh nicht weh, also die Grundidee für diese Anwendung wird schon seit Jahren erfolgreich genutzt."

Zurzeit existiert die Riesenpille nur auf dem Reißbrett. In drei bis vier Jahren jedoch könnte sie auf dem Markt sein. Zusammen mit einer ausgewogenen Ernährung könnte sie den Anteil der Kühe am Klimawandel um ein Prozent drosseln. Das zumindest hat Drochner berechnet. Das Umweltprogramm der europäischen Union hat bereits Interesse bekundet, genauso Wissenschaftler aus Neuseeland.

"Dass wir mit unserem Produkt nicht das Hauptproblem lösen können, das der großen Mengen an Steinkohle und Braunkohle und fossile Energieträger, die der Verbrennung zugeführt werden, dass wir das mit so einer Aktion nicht konterkarieren können, das ist mir völlig klar. Ich bin aber der Überzeugung, dass wir alle etwas tun müssen auf dem Sektor, auf dem wir Einfluss haben und auf dem wir etwas machen können."

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