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StartseiteBüchermarktMit Rilke in Indien17.02.2005

Mit Rilke in Indien

Amitav Ghosh: "Hunger der Gezeiten"

Im Zentrum des Buches steht eine poetische Liebe. Es ist eine Passion über Generationen und Zivilisationen hinweg und sie verbindet den Autor und polyglotten Weltbürger Amitav Ghosh, geboren in Kalkutta mit Wohnsitz in New York, mit dem deutschen Dichter Rainer Maria Rilke und dessen Gedichtzyklus "Duineser Elegien".

Von Elke Biesel

Der Ganges (AP)
Der Ganges (AP)

Manchmal liest man einen Schriftsteller oder Dichter und über die Kluft der Jahrhunderte und der Kulturen hinweg spricht er einem direkt ins Herz hinein. So ging es mir mit Rilke.

Und das, obwohl Ghosh seinen Rilke nur in englischer und bengalischer Übersetzung kennt. Doch der deutsche Dichter war schon immer in Ghoshs literarischem Bewusstsein, denn kein anderer europäischer Poet, so erzählt der Autor, habe einen größeren Einfluss auf die bengalische Dichtung gehabt als Rilke.

In seinem neuen Roman "Hunger der Gezeiten", der fernab von Rilkes Heimat im westlichen Bengalen spielt, zitiert Ghosh immer wieder Verse aus den Duineser Elegien. Besonders ein Vers aus der neunten Elegie hat für seinen Roman zentrale Bedeutung:

Preise dem Engel die Welt, nicht die unsägliche, ihm
kannst du nicht grosstun mit herrlich Erfühltem; im Weltall,
wo er fühlender fühlt, bist Du ein Neuling. Drum zeig
ihm das Einfache, das, von Geschlecht zu Geschlechtern gestaltet, als ein Unsriges lebt, neben der Hand und im Blick.
Sag ihm die Dinge. Er wird staunender stehn; wie du standest
Bei dem Seiler in Rom, oder beim Töpfer am Nil.


Rilke sagt: Sprich von den kleinen Dingen. Sprich vom Seiler in Rom und dem Töpfer am Nil und das wurde für mich beim Schreiben dieses Buches zu einer Leitschnur. Ich wollte von den kleinen Dingen sprechen. Ich wollte die Freude und Faszination der Details und der Alltäglichkeiten entdecken.

Der Alltag, mit dem Ghosh seine Leser bekannt macht, ist der einer Insellandschaft im Delta des Ganges nahe der Grenze zu Bangladesch. Die "Sundarbans", das sind 54 indische Inseln, die das Meer sich mit Ebbe und Flut täglich zurück erobert. Nicht weit von Kalkutta entfernt und doch fernab, weil die Reise beschwerlich ist. Ghosh kennt sie seit seiner Kindheit, als er dort einen Onkel besuchte.

Die Menschen in den Sundarbans leben von und mit dem Wasser und der ständigen Bedrohung durch wilde Tiere und die Naturmächte, die sie regelmäßig mit Wirbelstürmen und Überschwemmungen heimsuchen.

Es ist eine machtvolle, elementare Erfahrung, denn diese Landschaft ist nicht wie irgendeine andere, die man sich vorstellen könnte. Das Erstaunlichste ist ihre unglaubliche Wandlungsfähigkeit. Jede Landschaft verändert sich mit den Jahreszeiten, die Sunderbans aber wechseln zwei Mal am Tag ihr Gesicht, wenn das Wasser kommt oder fällt. ... Das ist sehr schön, kann aber auch sehr beängstigend sein.

In seinem Roman konfrontiert Ghosh diesen Mikrokosmos mit dem Blick einer jungen, enthusiastischen Wissenschaftlerin, die in den zahllosen Wasserstraßen der Sundarbans den Flussdelfin erforschen will. Ghosh selbst haben die Tiere so fasziniert, dass er an einer Forschungsreise auf dem Mekong teilnahm, um mehr über sie zu erfahren.

An der Gefährdung ihres Lebensraumes zeigt er exemplarisch die Bedrohung des einmaligen Ökosystems der Sundarbans. Allerdings, so betont Ghosh, habe er kein umweltaktivistisches Pamphlet schreiben wollen. Wichtiger ist ihm – wie auch schon in vorherigen Romanen – das Zusammentreffen unterschiedlicher Denk- und Lebensweisen zu beobachten.

Der Rationalismus des Westens, repräsentiert durch die Forscherin Piya und den indischen Intellektuellen Kanai, trifft auf die Naturverbundenheit und die mythische Tradition des Fischers Fokir. Ghosh schildert die Gegensätze durch die Begegnungen der einzelnen Personen, er schöpft aber zugleich auch aus Überlieferungen. Die Legende von Bon Bibi, der Hüterin des Waldes, die für die Menschen im Stromland weit mehr ist als nur eine Geschichte, zieht sich wie ein roter Faden durch den Roman und verknüpft unterschiedliche Handlungsstränge. In den Riten, mit denen Bon Bibi verehrt wird, vermengen sich alte arabische und hinduistische Einflüsse – für Ghosh ein Symbol für die ineinander laufenden Zivilisationen und Lebenswege in diesem Teil der Welt.

Als ich darüber schrieb, hat mich die Legende von Bon Bibi wirklich gefangen genommen. Denn irgendwann habe ich erkannt, dass die Kultur der Sundarbans eine Art Metapher ist für ihre geographischen Bedingungen. Auf der einen Seite das Zusammentreffen von Fluss und Meer, auf der anderen die Begegnung von Bengalen, Arabern und Engländern. Diese einmalige Mischung schafft ihre eigene Realität, ein Zusammenfluss verschiedener Meere des Seins, könnte man sagen.

Die Forscherin Piya und der Fischer Fokir haben keine gemeinsame Sprache, die Kluft, die verschiedene Kulturen und Sozialisationen zwischen ihnen errichtet haben, könnte kaum größer sein. Trotzdem entwickelt sich tiefes Verständnis und Vertrauen zwischen den beiden, das Ghosh in einem dramatischen Finale auf eine letzte Probe stellt.

Der Autor ist in diesem Roman vielleicht mehr noch als in seinen anderen Büchern ein Übersetzer der Kulturen. Und schlägt damit den Bogen zu Rilkes "Duineser Elegien." Aus der Vielfalt der Themen, die Rilke in seinem Gedichtzyklus anschneidet, greift Ghosh diesen Gedanken heraus:

Rilke kommt immer wieder zurück auf die Idee der übersetzten Welt. Was bedeutet es für einen Menschen in der Welt zu leben? Eine Welt, die Erfahrung durch Sprache ist und die eine doppeltes Gesicht trägt.

Das Tier schaut nach außen, aus sich heraus, sagt Rilke, der Mensch nach innen, weil er das Instrument der Sprache besitzt. Den Spracharbeiter, der sich in der Sprache seiner selbst bewusst wird, schildert Ghosh in zwei Figuren seines Romans. Da ist einmal Kanai, der erfolgreiche Übersetzer aus der Großstadt, ein Dandy und Frauenheld, dem Worte nurmehr Mittel zum Zweck geworden sind. Ganz anders Kanais Onkel Nirmal, ein gescheiterter Schriftsteller und Träumer, der sein Leben als Lehrer verdient hat und kurz vor seinem Tod noch einmal seine politischen Ideale zu verwirklichen sucht. Mit der Person Nirmals bringt Ghosh eine politisch-historische Ebene in den Roman ein.

In einem Tagebuch an seinen Neffen Kanai schildert Nirmal seine Beteiligung an einer illegalen Landnahme auf der Insel Morichjhapi. Landlose hatten dort im Jahr 1979 versucht, sich niederzulassen und eine eigene Verwaltung aufzubauen. Doch die indische Regierung vertrieb die Menschen, es kam zu einem Kampf, bei dem viele getötet wurden. Eine Begründung für die Vertreibung lautete, dass die Siedler das Ökosystem Sundarbans zerstören würden.

Was mich daran wirklich interessiert, ist die Frage, wer bezahlt für die Erhaltung eines Ökosystems? – Das ist eine Frage, der wir uns alle stellen müssen. Bengalen ist ein unglaublicher armer Teil dieser Welt, es ist überbevölkert und die Menschen brauchen dringend Land. Oft sind es deshalb die Ärmsten der Armen, die den Preis für die Erhaltung der Natur und des Waldes zu zahlen haben. ... Die Menschen dort erinnern sich noch gut an das, was 1979 in Morichjhahpi geschehen ist und auch mich verfolgen diese Ereignisse.

Nirmal kostet sein Traum von einer utopischen Gesellschaft, in der sich alle Land und Verantwortung teilen, das Leben. In diesem Tod erfüllt sich das Schicksal eines von seiner Zeit eingeholten Idealisten. Eine Figur, die den Skeptiker Ghosh literarisch interessiert.

Die Figur des gescheiterten Romantikers, des gescheiterten Idealisten finde ich spannend, denn ich habe viele gekannt. Dieser schrittweise Prozess der Desillusionierung, darin liegt etwas komisches, aber auch etwas wirklich tragisches. Und gerade diese Mischung aus Tragik und Komik steht doch im Zentrum der Romantradition. Denken Sie nur an Don Quichote.

Das Faszinierende an dem neuen Roman von Amitav Ghosh ist zweifellos die Begegnung mit einer anderen Kultur, die er dem Leser ermöglicht. Der Autor wird gleich in mehrfacher Hinsicht zum Übersetzer und die Brücken, die er literarisch schlägt, sind erstaunlich. Es gibt aber auch Wermutstropfen in der Leserfreude. Die Figuren, die Ghosh entwirft, wirken bisweilen zu eindimensional und die Fäden des Romangewebes sind an manchen Stellen zu durchscheinend. Trotzdem kann man das Buch empfehlen und sich als Leser im Verbund wissen mit Menschen auf dem gesamten Globus. Die treueste Anhängerschaft, so Ghosh, habe er in Indien.

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