• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
StartseiteBüchermarktMitgift03.04.2002

Mitgift

Luchterhand, 378 S., EUR 22,50

<em>glaskammern sind/ wir. stehen im/ bad. funkeln/ und sind. licht/ bricht, die tür/ schwingt. splittert/ und steht. glas tut,/ was es kann. im/ screen schwimmt/ eine erinnerung. nur/ blind. ein rauher sack,/ die luft. lagen von haut/ auf dem gesicht. etwas/ zittert und fragt.</em>

Joachim Scholl

"Ultraschallkontrolle" heißt dieses Gedicht von Ulrike Draesner. Es entstammt einem achtteiligen Zyklus von Gedichten, die Schritt für Schritt, Tag für Tag, die Stadien und das Trauma einer Fehlgeburt nachzeichnen. Seinen Widerhall findet diese Lyrik nun im Roman. Auch in "Mitgift" muss die weibliche Heldin diesen Tod im eigenen Leib durchleiden: Aloe, Ende zwanzig, war schwanger, von Lukas, ihrem ehrgeizigen, karrierebewussten Freund, der ihr zu entgleiten droht. Nach ihrem Studium in Oxford - dort hat sie Lukas kennen gelernt - weiß die Kunsthistorikerin Aloe nicht so richtig wohin mit sich. Ein Kind könnte Richtung bedeuten, die Perspektive vom natürlichen Verschwinden in der Mutterrolle. Es ist eine Flucht, und wie Aloe fliehen die meisten Protagonisten in diesem Buch in die Vorstellung einer Biographie, die schließlich als Traum zerplatzt. Da sind etwa Aloes Eltern, die sich in einem behaglich-bürgerlichen Ruhestand einzementieren, um jenen besonderen Schatten der Vergangenheit zu vertreiben, der die Familiengeschichte belastet. Mit Aloes Schwester hat das zu tun, Anita, einer beunruhigend perfekten Schönheit, die jedoch ein ganz besonderes Geheimnis enthält. Der Titel "Mitgift" bekommt so im Roman seinen doppelten Klang:

Das Thema des Buches ist ja gewissermaßen Lieben und Erben. Die Mitgift ist eben das, was man von den Vorfahren mitbekommt, und das kann auch nichtmateriell in den Genen sein. Das ist der eine Teil. Und der andere ist die Doppelbedeutung von ‚Gift', also das alte Wort Gift, wie im Englischen, da kann man das noch sehen, als ‚Geschenk', und zugleich heißt es Gift. Das spielt an auf die Doppelseitigkeit von Geschenken. Es ist etwas Schönes, man bekommt etwas geschenkt, man bekommt ja auch das Leben geschenkt, und trotzdem bekommt man alte Lasten mit. Und die werden einem nicht immer offen gesagt.

Was in Aloes Leben lange Zeit nicht ungesagt blieb, war ein veritables Familien-Trauma. Denn die Schwester Anita wurde als Hermaphrodit geboren, als Doppel-wesen von Mann und Frau. Mit schmerzhaften, sich jahrelang hinziehenden Operationen modelte man das Kleinkind zum Mädchen, schnitt ihm buchstäblich die sich immer wieder regenerierende Männlichkeit aus dem Leib. Wie wächst ein solcher Mensch heran? Wie verläuft ein Geschlechterleben, das von Beginn an ‚zweideutig' war und gewaltsam, entgegen dem genetischen Code und Bewusstsein, getrennt wurde? Allein dieses zentrale Thema sorgt schon für thematische Spannung, doch Ulrike Draesner erweitert es um ein faszinierendes Geflecht sexueller Bezüge und Motive, die alle um die Frage kreisen: Was ist das eigentlich, Geschlechtlichkeit? In welcher Beziehung stehen wir zu unseren Körpern? Was macht er mit uns, dieser Body, wie es im modernen Fitness-Jargon heißt, und was machen wir mit ihm? Aloe etwa fühlt sich zu dick, und, im Kopf die strahlenden Model-Bilder ihrer Schwester, trainiert sich in eine Magersucht hinein, die sie fast umbringt, aber trotzdem als erregendes Körpergefühl empfindet. Überhaupt: die Lust! Den Fetisch der durchsexualisierten Gesellschaft zerlegt Ulrike Draesner in verblüffende Einzelteile und Komponenten. Man ertappt sich beim Lesen ständig bei der spontanen Überprüfung der eigenen Verhältnisse. Vor allem betrifft das...

...auch die Frage natürlich, und die betrifft alle Figuren, ich habe ja eigentlich drei Hauptfiguren, 1 Mann und 2 Frauen: wie geht man mit der eigenen Lust um, der eigenen Nicht-Lust, wo entzündet die sich überhaupt? Was möchte man ausleben, wovor hat man Angst, und warum sieht das so und so aus, was kann man tun, was sagt die Gesellschaft dazu? Und es ist erstaunliche ist, was die Gesellschaft zu Hermaphroditen sagt. Auf der einen Seite: toll, androgyn, cross-dressing, die Diskurse der 90er, es war hip, ist das nicht klasse? Dann sagt sie lange Zeit gar nichts. Und auf der anderen Seite steht die soziale Realität dieser Menschen, die so in unsere Gesellschaft geboren werden. Und da herrscht ein riesengroßes Tabu und eine irrsinnige Panik.

Diesen Komplex hat Ulrike Draesner ausführlich recherchiert und dennoch elegant unaufdringlich in Literatur verwandelt. Alle Analyse wird zur Erzählung, zum geschilderten Schicksal und bleibt doch genau auf jenes eine große Thema gerichtet, das auch Ulrike Draesners Lyrik hauptsächlich prägt: "Darüber, daß es immer der Körper ist, der einen verrät" - heißt es an einer fast sentenziösen Stelle im Roman. Körperlichkeit, Physis in all ihren Facetten und Abstufungen bildet das Leitmotiv dieses literarischen Programms, das nun im Roman seine Apotheose erfährt. Es ist nun erstaunlich, wie leichthändig Ulrike Draesner die hohe Intellektualität des Stoffes, die sich in ihren Gedichten auch in stärksten avantgardistischen Form-Experimenten ausdrückt, in einen sanften, erzählerischen Realismus überführt. Diese "Mitgift" ist ein glänzender moderner Gesellschaftsroman, der Sujet und Figuren mit dem Zeitgeist der 90er Jahre aktuell vernetzt. Viele Passagen lesen sich richtiggehend ‚weg', und eine clevere, fast krimihafte Konstruktion sorgt dafür, dass man unbedingt wissen will, wie's ausgeht - um dieses ehrwürdige Leserinteresse schert sich kaum noch ein zeitgenössischer deutscher Romane. "Ich wollte ein Buch mit Handlung", sagt Ulrike Draesner, "und das eine schließt das andere ja nicht aus."

Mein alter Traum ist, zwei Dinge zusammenzubringen, die in der deutschen Literatur auf merkwürdige Weise geschieden sind. Nämlich dieses sogenannte Experimentelle auf der einen Seite, und auf der anderen Seite das, was wir so das traditionelle realistische Erzählen nennen. Ich will das nicht deshalb zusammenbringen, weil ich die Welt missionieren möchte, sondern einfach weil ich beides mit großem Spaß und Eifer lese und gelesen habe, und eigentlich nicht verstehe, warum man sich für den linken oder rechten Ast entscheiden muss. Genauso wenig wie ich verstehe, warum man nicht Hermaphrodit sein kann, wenn man nun mal so auf die Welt gekommen ist. Und mein alter Traum ist, daran zu arbeiten, diese beiden Sachen wieder zusammenzubringen.

Mit einer dramatischen Pointe schließt der Roman, und nur soviel sei verraten: Aloe wird ihr Kind bekommen. Nur ganz anders. Aber doch in der Ordnung dieses Buches, das höchste Aufmerksamkeit verdient und hoffentlich bekommt. Nach der Lektüre mag man sich im Spiegel anschauen und die eigene Hülle wieder mal bedenken. Man sieht sie auf jeden Fall mit neuen Augen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk