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StartseiteBüchermarktMitten in Amerika25.05.2003

Mitten in Amerika

Aus dem Amerikanischen von Melanie Walz

Klickt man im Internet auf Annie Proulx' Homepage, so baut sich zunächst eine majestätische Landschaft auf: unter einem strahlend blauen Himmel erstreckt sich eine zerklüftete Bergkette, mit Schnee auf den Gipfeln, karg bewachsenen Hängen, die auf eine endlos scheinende, prärieartige Ebene auslaufen. Im Vordergrund ruht eine Waldschonung, kein Mensch ist zu sehen. Die prachtvolle Natur gehört zur Medicine Bow Range, einem im Bundesstaat Wyoming gelegenen Massiv der südlichen Rocky Mountains. Dort, auf knapp 3000 Metern Höhe, in einer kleinen Ortschaft, lebt die Schriftstellerin Annie Proulx, und diese von allem Trubel weit entfernte Gegend deutet nicht nur bereits die literarischen Stoffe und Themen der Schriftstellerin an, sondern auch auf eine lässige Distanz zu Großstadt, urbaner Zivilisation und modern-metropolitaner Problembeladenheit. Es gebe nur drei große, grundsätzliche Triebkräfte in ihrem Leben, so bekannte Annie Proulx in einem der seltenen Interviews, und das seien "place, weather and work". Wobei "place" ein vieldeutiges Wort ist, wenn man das Werk der Autorin kennt: der Begriff kann das Haus, das Zimmer, den Ort bezeichnen, wo man lebt. Aber auch Region, Land, Staat und sogar Kontinent. Mit Wetter und Arbeit verbindet sich die Topographie zu einem literarischen System, in dem alle drei Kategorien untrennbar miteinander verbunden sind. Jeder Roman, jede Erzählung, fast jeder Essay von Annie Proulx spricht vornehmlich vom äußerlichen Raum, vom Klima der Schauplätze, an denen die Handlung spielt, und oft ist "place" der eigentliche Held.

Joachim Scholl

Im späten März fuhr Bob Dollar, ein fünfundzwanzigjähriger Lockenkopf mit breitem Katzengesicht und hellen unschuldigen Augen, gesäumt von rußigen Wimpern, den Texas State Highway 15 ostwärts durch das Panhandle-Gebiet, von Denver, das er am Vortag verlassen hatte, über den Raton-Pass und durch die Gegend der erloschenen Vulkane im Nordosten New Mexicos bis zum Pistolenlauf von Oklahoma, bevor er eine falsche Abzweigung nach Norden nahm und stundenlang herumirrte, bis er den richtigen Weg wiederfand. Es war ein brausender Frühlings- morgen mit grünen Schlieren am Himmel, die Luft von wildem Beifuß und aromati- schem Sumach gewürzt. Im Radio entschwand der Sender NPR und wurde durch eine religiöse Station abgelöst, die abwechselnd spirituelle Nahrung und kraftvolle Rhythmen bot. Er schaltete auf eine andere Frequenz um und hörte Lieder über die Heimat, in der man blieb, in die man zurückkehrte, in der man verweilte und die man immer wieder sträflicherweise verließ.

Der Oklahoma-Panhandle liegt zwischen mehreren amerikanischen Bundesstaaten, Texas im Süden, Kansas und Colorado im Norden, und grenzt westlich an New Mexiko. Einem exakten Pfannenstiel oder eben Pistolenlauf gleich erstreckt sich das Gebiet über knapp 200 Meilen, größere Städte gibt es dort nicht, nicht mal eine Bundesautobahn durchquert den Streifen: es ist absolutes "In the middle of nowhere"-Land, wo sich die sprichwörtlichen Füchse und Hasen Gute Nacht sagen. Wenn sie sich überhaupt aus ihrem Bau raustrauen, denn das Wetter ist häufig mehr als nur ungemütlich.

Wie ein einsamer Baum den Blitz anzieht, zogen die Panhandle-Gebiete Weltunter- gangsgewitter, Steppenbrände, höllische Nordwinde, gelbbraune Staubstürme und jedes Jahr eine Abfolge ekelhafter Tornados auf sich. Wenn nachts das Licht gelöscht war und man die Glieder zum Schlafen ausgestreckt hatte, konnte niemand mit Sicherheit wissen, ob er oder sie am nächsten Morgen aufwachen oder inmitten eines Wirbels von Metallteilen und zersplittertem Holz in den Himmel fortgetragen würde. Das Leben im Panhandle war von einem unterschwelligen Gefühl der Ungewissheit geprägt. Waren LaVons Geschichten wahr, dachte Bob, dann hatten die Leute hier kontrapunktischen Humor und Erzählgabe entwickelt und katapultierten mit ihren zugespitzten Beschreibungen Alltagsereignisse in die mythischen Wolken der Übertreibung.

Von "LaVons Geschichten" wird Bob Dollar noch viel zu hören bekommen, denn der Panhandle strotzt nur so vor Erzählungen, Sagen und Legenden. Bei der resoluten Witwe LaVon kommt der Held zunächst unter, auf ihrer Busted Star Ranch, in einer kleinen Hütte ohne Wasser und Strom; im fiktiven Örtchen Cowboy Rose war ansonsten kein Zimmer frei gewesen, zumindest nicht für einen zugereisten Fremden. Aber Bob gefällt es augenblicklich in seiner neuen Behausung, auch weil die Wirtin ein außerordentliches Erzähltalent ist und nebenbei an einer Geschichte ihrer Heimat schreibt. Dafür sammelt sie Briefe, Aufzeichnungen, Tagebücher, alte Landkarten, plündert die Dachböden und Truhen von Nachbarn, kauft Nachlässe und jederlei antiquarischen Krimskrams. Diese Leidenschaft erinnert Bob behaglich an seine eigene Herkunft. Er kommt aus Denver, wo er mit acht Jahren von seinen Eltern auf ihrem Weg nach Alaska bei einem Verwandten, Onkel Tammy, abgesetzt und anscheinend vergessen worden war. Der herzensgute Onkel betrieb einen Trödelladen, und zusammen mit seinem schrulligen Partner und Freund Bromo zog er den Jungen auf. Es waren ärmliche, aber liebevolle Verhältnisse, die Bob über den Verlust der Eltern hinweghalfen. Jetzt, nach Schule, College und mehreren Verlegenheits-Jobs, hat er bei der Firma Global Pork Rind angeheuert, eine internationale Firma für Schweinemastbetriebe. In Texas und Oklahoma soll er Land für neue Standorte akquirieren, auf diskrete Weise, wie ihm sein vierschrötiger Chef "Ribeye" Cluke einschärft. Schon bei der Fahrt Richtung Süden wird Bob klar, was Ribeye damit meint. Auf vorbeifahrenden Autos sieht er die Aufkleber "Jesus ist unser bester Freund" und: "Wort für Gestank mit zwölf Buchstaben - Schweinefarm". Zur Tarnung gibt sich Bob als Immobilien-Scout für luxuriöse Altenheime aus, eine Lüge, die absolut notwendig ist, ihn aber im Verlauf der Geschichte zunehmend belastet. Von Schweinen weiß er bis zum Beginn seiner Reise nur soviel, "dass sie auf geheimnisvolle Weise den Frühstücksspeck lieferten". Doch die Autoaufkleber und schon das erste Gespräch mit LaVon, als er sich naiv nach dem eintönig scheinenden Radio-Musik-Programm erkundigt, lassen ihn aufhorchen:

Ich erkläre Ihnen jetzt, was Sie wissen müssen, wenn Sie den Panhandle verstehen wollen - die Leute arbeiten schwer, sie sind ehrlich, sie legen Wert auf Anstand, und die meisten von ihnen sind gläubige Christen. Und gleichzeitig können die Männer bösartige Wüteriche sein, die jeden, der ihnen nicht paßt, grün und blau schlagen. Und die Frauen sind Dreckschleudern und Giftspritzen. Was die Leute heutzutage noch zusammenbringt, das sind lediglich Beerdigungen und Wirbelstürme. Das Leben hier ist kein Zuckerschlecken, erst recht seit die Schweinemäster sich einnisten. Ich weiß nicht, ob Ihnen das schon aufgefallen ist, Mr. Dollar, aber die Umstände hier könnten Luxusalterssitzen nicht ganz zuträglich sein. Auf jeden Fall, unsere Volksmusik können Sie bei den Tanzabenden und in Clubs hören. Auf jeder Veranda und in jedem Wohnzimmer. Sie können die Panhandle Syrup Boys hören. Sie können die Old Mobeetie Bone Pickers hören. Die alten Fiedeln, die wie die Kater quieken. Sie können das alles live hören, weil es hier nie aufgehört hat. Gehen Sie mal an einem Samstagabend nach Lipscomb. Da gibt es eine Tanzfläche, und Frank McWhorter spielt mit seinen Leuten. Er war mit Bob Wills zusammen. Die sind gut. Musik gibt es in Texas genug. Nach wie vor. Dafür brauchen Sie kein Radio.

Die Witwe LaVon entwickelt sich zur mütterlichen Freundin von Bob Dollar. Sie gibt ihm wertvolle Ratschläge, instruiert ihn, wen er aufsuchen soll, erzählt von den Schrullen und Absonderlichkeiten der Panhandle-Bewohner, sie kennt alle Geschichten, ob wahr oder erfunden. Mit ihrer Bodenständigkeit, dem lokalhistorischen Interesse und staubtrockenen Humor kann man sie durchaus als alter ego der Autorin Annie Proulx auffassen: Denn diese ist ebenfalls eine hartgesottene Lady vom Land, mit drei gescheiterten Ehen im Nacken und einer Horde, die sie schließlich alleine aufgezogen und durchgebracht hat. Das Schreiben lag ihr seit dem Studium im Blut, aber sie sah sich lange nicht als Schriftstellerin. Es war ein Brotberuf, der, so sagte sie einmal, "was zu Essen auf den Tisch brachte". Sie schrieb Reportagen, Essays und Betrachtungen über die Provinz, das Essen, die Natur und ihren Einfluss auf die Menschen. Vor allem die Landesgeschichte hatte es ihr dabei angetan, nicht die große nationale Historie, sondern jene der amerikanischen Regionen, und wie die Romanfigur LaVon forschte sie in der Vergangenheit, mit allerdings ungleich größerem Aufwand und wissenschaftlicher Exaktheit. Alle Romane von Annie Proulx leben von akribischer Recherche und vernetzen dabei Fakten und Fiktion auf so geschickte und überzeugende Weise, dass für den Leser, für den ausländischen zumal, Wahrheit und Erfindung häufig nicht mehr voneinander zu unterscheiden sind. Zur Literatur kam Annie Proulx spät: Sie war bereits 53 Jahre alt, als ein Band mit Erzählungen erschien, der ihr gleich mehrere Stipendien eintrug und Mut zu einer literarischen Fortsetzung machte. Mit dem ersten, vier Jahre später veröffentlichten Roman "Postkarten" - die Geschichte einer Farmerfamilie aus Vermont - setzte prompt der Ruhm ein, man verglich die Autorin mit Theodore Dreiser, John Steinbeck und William Faulkner, das nächste Buch "Schiffsmeldungen" verkaufte sich allein in Amerika über 700.000 Mal, gewann den Pulitzer-Preis und den National Book Award. Die weitgespannte Einwanderer-Saga "Das grüne Akkordeon" brachte wenig später den endgültigen internationalen Durchbruch und festigte Annie Proulx' Ruf als machtvolle Mythologin amerikanischer Geschichte, die feinste psychologische Porträts entwarf, herrlichste epische Bilderprachten malte - und dabei so rüde und rücksichtslos erzählen konnte, wie man es bis dahin in Amerika nicht gekannt hatte. Besonders der völlig unsentimentale, ruppige Umgang mit ihrem Romanpersonal wurde zum Markenzeichen, so heißt es etwa im "Grünen Akkordeon":

Er hatte keine Geduld. Es war leichter, ihr eine zu kleben, halt die Schnauze zu sagen und von außen die Tür zuzuschlagen, wenn sie heulend am Tisch saß...

Diese Tonlage entspricht dem ebenfalls extrem brüsken Stil, sich von Protagonisten zu verabschieden:

Er kam bis San Francisco, wo er von einem Cadillac mit elektrischem Anlasser überfahren wurde.

In einem Annie Proulx-Roman ist stets mit solcher Drastik zu rechnen, auch "Mitten in Amerika" macht da keine Ausnahme. So schaukelt die Handlung um Bob Dollar über längere Strecken gemütlich dahin, bis eine eifersüchtige Ranchersgattin kurzerhand die Pumpgun entsichert und das Magazin durch ein Motelfenster entlädt, hinter dem sie zu Recht ihren treulosen Mann beim Ehebruch vermutet. Und der herbeigeeilte Sheriff muss feststellen, dass mit der Täterin Thomasina Keister, genannt Tazzy, nicht gut Kirschen essen ist, wie der fassungslose Bob später von einem Bekannten erfährt:

Hast du gehört, was mit Hugh Dough passiert ist?" - "Das mit dem Sheriff ist mir neu." "Tazzy Keister hat ihm beide Arme gebrochen, als sie sich der Festnahme widersetzt hat. Er wollte sie in seinen Wagen setzen, hatte ihr keine Handschellen angelegt, weil sie eine Frau ist, und sie hat seinen linken Arm gepackt und ihn hinter den Rücken gedreht. Offenbar konnte man die Knochen bis auf die andere Straßenseite knacken hören. Dann hat sie nach ihm getreten, mit ihren Arbeits- schuhen mit Stahlkappen - und hat sich seinen anderen Arm vorgenommen. Der Sheriff muss jetzt chauffiert werden, von einer dieser Meldetanten, und die muss ihm wahrscheinlich auch bei den privatesten Vorrichtungen wie Pissen und so weiter helfen. Tazzy hat ihn ganz schön fertig gemacht. Sie ist stark wie ein Pferd, hat ihr Leben lang auf der Ranch gearbeitet. Viele Frauen im Panhandle sind so stark wie die Männer.

Das erzählt Cowboy Cy, der im Nebenberuf den Diner "Old Dog" betreibt und die Farmer mit deftiger amerikanischer Kost verwöhnt. Was anderes essen sie eh nicht. Besondere kulinarische Raffinessen hat sich Cy schnell abgeschminkt, sein Zwiebelkuchen wurde erst zum Hit, als er ihn auch so nannte, und das schicke Schild "Quiche" vom Tresen nahm. Zugleich ist das Restaurant aber auch lokaler Treffpunkt und Nachrichtenbörse. Annie Proulx weiß viel von der Magie der "oral history", von Geschichten, die, irgendwann aufgeschnappt, von Mund zu Mund eilen, bis ihre Wahrheit mehr von der Folklore und dem Klang der Worte getragen wird als vom tatsächlichen Gehalt der Ereignisse. Unablässig wird denn auch in diesem Roman geratscht, getratscht und geraunt; ständig hocken Leute beieinander, in der Kneipe, draußen auf der Prärie, hoch oben auf den Plattformen der Windräder, erzählen von ihren und fremden Schicksalen, auf eine Weise, als glaubten sie selbst nicht wirklich daran, stricken ihre privaten Mythen zu der einen großen Geschichte zusammen, die am Ende Amerika heißt. Es ist keine Frage, wem im speziellen Fall von Tazzy Keisters Amoklauf die Sympathien gehören, nur der Leser ist schockiert und empfindet Mitleid mit dem armen Sheriff, den die Autorin zuvor in einem extra Kapitel auf vergleichsweise wohlwollende Art porträtiert hat. Überhaupt führt Annie Proulx bei der Zeichnung der Figuren zwischendurch einen überraschend zarten Strich; die meisten der skurrilen Typen, denen wir mit dem Helden Bob auf seiner Reise durch den Panhandle begegnen, haben einen veritablen Sockenschuss, doch anders als in den bisherigen Büchern treffen sie auf die ungewohnt warme Solidarität ihrer Erzählerin. Es sind aber auch gar zu prachtvolle Sonderlinge, wie z.B. dieser bejahrte Fahrensmann:

Ein alter übel zugerichteter Pickup mit Viehanhänger fuhr direkt auf der Mittellinie dahin. Der Fahrer, Rope Butt, spuckte aus dem Fenster, sprach laut die große und poetische Zeile, die ihm bei Sonnenaufgang eingefallen war: "Ein alter Cowboy hat es nicht leicht." Es eilte ihm nicht mit der Suche nach der nächsten Zeile, sie würde sich von allein einstellen. Rope Butt hielt sich für den einzigen tüchtigen, noch lebenden Cowboy im ganzen Panhandle, unabhängig davon, dass er weit über neunzig war. Er war jähzornig und schnell eingeschnappt, vertrug weder Kritik noch Widerspruch. Als er jünger war, kündigte er wegen jeder Lappalie und zog zur nächsten Ranch weiter. Er kündigte so häufig, dass der Anblick seines Wagens mit dem Viehanhänger Witzbolde zu der Bemerkung inspirierte, sie hätten den Eindruck, Rope Butt sei "mal wieder auf Achse." Doch es war zwanzig Jahre her, dass er zum letzten Mal eine feste Arbeitsstelle gehabt hatte; in den Zeiten von Arbeitsschutz und Rechtshändeln war kaum ein Rancher dafür zu haben, einen uralten Cowboy zu beschäftigen. Dass Rope gebraucht wurde, wenn ein Rancharbeiter erkrankte oder vor Gericht erscheinen mußte, kam nur alle Jubeljahre einmal vor, und seine melancholischen Gedanken beschäftigten sich mit Cowboy-Dichtung. Als sein Wagen den Highway entlangschlingerte, stellten sich zwei weitere Zeilen ein. Zuerst wiederholte er die erste, gelungene Zeile: "Ein alter Cowboy hat es nicht leicht". Dann "Sein Kumpel ist lange schon abgehaut/ Und sein Feuer hat sich zum Ende geneicht." Aber der einzige Reim auf "abgehaut", der ihm einfiel, war "Sauerkraut", ein Wort, dem es an poetischem Glanz mangelte. Er blieb gelassen. Die richtige Zeile würde schon noch kommen. So war das mit der Poesie.

It ain't easy for an old cowboy" - es ist diese wenngleich auch drollige Melancholie, die den gesamten Roman grundiert und auch die sonst so wenig gefühlige Autorin ergreift. Annie Proulx hat lange für ihr Buch recherchiert, monatelang Texas und Oklahoma bereist, und die lange Liste der Danksagungen zeigt, wieviele prächtige "Panhandlers" sie traf. Sie war bei Hahnenkämpfen, Rodeos und Viehauktionen dabei, ließ sich die Bewässerungsmethoden der Rancher zeigen, die Vor- und Nachteile von Stacheldrahteinzäunungen - übrigens ein zivilisatorischer Segen, wie man lernt - ; sie ging mit auf Präriehundpirsch, half beim Anbringen von Brandzeichen, hörte Musikus Frankie McWhorter, den es wirklich gibt, beim Geigenspielen zu. Und den einschneidenden ökonomischen Konflikt, der die Großartigkeit der Natur und das soziale Gefüge der Gegend bedroht, hat sie zum Leitmotiv ihres Romans gemacht: es ist jenes Wort für Gestank mit zwölf Buchstaben - Schweinefarm.

Diese industrielle Form der Nahrungsmittelerzeugung zerstört die natürlichen Lebensgrundlagen der Region. Die Abfälle der Mastbetriebe vergiften das Wasser, die Böden werden chemisch verseucht, im Umkreis einer Fabrik ist meilenweit keine Rinderzucht mehr möglich, da die Tiere den penetranten Geruch nicht vertragen. Doch das Geld der Konzerne bedeutet für viele Farmbesitzer, vornehmlich die jungen, eine Verlockung. Warum nicht eine Million einstreichen, den Laden dicht machen, nach Dallas ziehen und ein flottes Leben führen? Nur die Alteingesessenen kämpfen hartnäckig gegen die modernen Entwicklungen und um ihre alte Heimat. Dies alles bekommt der Schweine-Scout Bob Dollar allmählich mit, und immer mehr entfremdet er sich seiner ursprünglichen Aufgabe. Er schließt Freundschaften, die rauen Schalen der Landeier fallen ab und zeigen weiche, verwundbare Seelen und innere Herzensgüte.

Zum Glück hat der naive Bob eine Autorin auf seiner Seite, die weiß, wie man Probleme ohne viel Federlesens löst. Tazzy Keister darf aus dem Gefängnis ausbüchsen und ihre Wut zielgenau auf die eigentlichen Verursacher der Katastrophe richten. Die Geliebte ihres Gatten war nämlich zufällig auch für Global Pork Rind tätig und wollte sich die Keister-Ranch unter den Nagel reißen. Tazzy fährt nach Denver. Schweine-Chef Ribeye Cluke und drei weitere Topmananger werden einen bleihaltigen Tag erleben, und Bob braucht einen neuen Job. So schließt Annie Proulx ihre sanfte ökologische Parabel dann doch wieder mit einem satten Kugelhagel ab, zuvor zieht sie allerdings noch ein weiteres As aus dem Ärmel.

"Ace in the hole" heißt der Roman im Original, und Ace Crouch heißt ein Landbesitzer, der heimlich fast den gesamten Panhandle aufgekauft hat, um seine Utopie eines Naturschutzgebiets zu verwirklichen, mit richtigen Bisons und so. Dort wird Bob eine neue Zukunft finden. Unvermutet baden wir also in einem zärtlichen Happy End, das die wuchtige erzählerische Energie dieses mit so viel Herzblut geschriebenen Romans in Heiterkeit verwandelt. Nicht nur dem Panhandle, sondern auch der knorrigen Liebe zu Heimat, Land und Leuten setzt "Mitten in Amerika" ein wundervolles literarisches Denkmal. Annie Proulx hat ihren eigenen Wohnort einmal so beschrieben: "Er ist perfekt - 30 Meilen von der nächsten Bibliothek entfernt, zweieinhalb Stunden vom Denver International Airport, zehn Minuten von einem super Ski- und Wandergebiet". Und wenn sie die Schönheit der Schöpfung bewundern wolle, müsse sie nur einen Schritt auf ihre Veranda tun. "Mist, schon wieder unterwegs" - heißt ein Romankapitel. Man hofft, dass Annie Proulx bald wieder auf Achse ist.

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