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Seit 18:40 Uhr Hintergrund
StartseiteKultur heuteMo Yan "pflegt einen literarischen Stil, der durchaus diskutabel ist"11.10.2012

Mo Yan "pflegt einen literarischen Stil, der durchaus diskutabel ist"

Publizist über Literaturnobelpreisträger Mo Yan

Mo Yan habe eine Vielzahl von Anpassungstechniken gegenüber dem chinesischen Staat entwickelt, sagt der Publizist Shi Ming. Durch seine Technik der Verfremdung kritisiere der frisch gekürte Literaturnobelpreisträger selten unverblümt eine Politik, sondern eher gesellschaftliche Traditionen.

Shi Ming im Gespräch mit Beatrix Novy

Shi Ming, freier Journalist und Publizist, wurde in China geboren und lebt inzwischen in Deutschland.  (Ming Shi)
Shi Ming, freier Journalist und Publizist, wurde in China geboren und lebt inzwischen in Deutschland. (Ming Shi)

Beatrix Novy: Der Literaturnobelpreis: Jedes Jahr ein beliebtes Ratespiel, wer kriegt ihn und wer kriegt ihn nicht. Unter den gestern befragten professionellen Mutmaßern lag Elke Heidenreich dem Ergebnis am nächsten. Sie sagte, Vielleicht wird’s ein wichtiger politischer Chinese. Ein Chinese ist es geworden, ein wichtiger auch. Und wie politisch ist er?

Mo Yan: "Ich denke, die Wahrheit zu sagen, das ist ein kostbares Gut. Ein Schriftsteller, der lügt, produziert keine gute Literatur. Die Werke sollten das Leben der Menschen am unteren Rande der Gesellschaft widerspiegeln. Wer Literatur benutzt, um das Leben schön zu reden, oder ein Loblied auf eine Gesellschaft zu singen, dessen schriftstellerische Qualität ist höchst zweifelhaft."

Novy: Der Schriftsteller als wahrhaftiger Chronist seiner Gesellschaft – das könnte als Kritik gelesen werden an den weniger Wahrhaftigen, die sich lieber mit der Macht arrangieren. Vielleicht ist es das, was Mo Yan meint, dessen Name übrigens bedeutet "Sprich nicht". Das hatte seine Mutter ihm während der Kulturrevolution beigebracht und das wurde sein Pseudonym. - Der Publizist Shi Ming kennt sich besser aus mit chinesischen Schriftstellern und der Kunst der indirekten Rede. Ihn habe ich zunächst gefragt, was Mo Yan mit seinen Worten wohl gemeint hat.

Shi Ming: Mo Yan meinte mit höchster Wahrscheinlichkeit eine Gesellschaftskritik, die quasi auf eine sehr verschlüsselte Art und Weise auch eine Politik-Kritik mit beinhaltet. Wenn man die Werke von Mo Yan studiert, so kritisiert sein Roman äußerst selten unverblümt eine Politik, sondern wenn, dann eine Gesellschaft oder eine gesellschaftliche Tradition. Das macht ihn anders als andere Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die etwas direkter eine Politik-Kritik mit in die Literatur einbeziehen.

Novy: 1986 hat er das rote Kornfeld geschrieben, das von Zhang Yimou verfilmt wurde, ein Welterfolg, also damit ist er berühmt geworden. Das war ja gerade die Zeit, in der auch andere chinesische Autoren, gar nicht unbedingt nur Schriftsteller, sich mit der unmittelbaren Vergangenheit ihres Landes, mit den letzten Jahrzehnten beschäftigt haben, also auch mit der Kulturrevolution, in der er aufgewachsen ist, Mo Yan selber.

Ming: Ja. Bei Mo Yan aber war etwas besonderes noch dabei, dass er nach der Kulturrevolution in den Dienst der Volksbefreiungsarmee eingetreten ist, also in einen Teil eines Apparates, wo die schreiberische Freiheit noch einmal mehr auch in der Thematik, in der Themenauswahl beschränkt war. Und Mo Yan greift mit "Rotes Kornfeld" auch eine Technik auf vielmehr, die in der chinesischen Literaturtradition oft anzutreffen ist, nämlich eine Technik, eine aufzuarbeitende jüngste Vergangenheit weit zurück in die Geschichte zu verlegen. Er verlegte zum Beispiel die Geschichte in die Zeit des antijapanischen Krieges, wo die Feinde nicht in China zu treffen sind, sondern die Feinde kommen von außen. Er verlegte einen Konflikt zwischen Männerwelt und Frauenwelt in eben einen archaischen, "Rotes Kornfeld", und dort aber geht er voll auch auf das Ganze. Dort geht er ins Detail, um zu betrachten, wie das Leben in jedem Augenblick des Leidens sich anfühlt, wie kurz vor dem Tod eine zu zelebrierende Freude wieder aufkommt. Wir erinnern uns ja, dass seine Heldin in "Hagelkugel" niedergeschossen wurde, und sofort kam auch eine Begleitmusik auf, die eigentlich nur noch eine Todesfeier mit höchstem Freudentaumel heruntergespielt wurde. Das ist so diese, ja will ich sagen, auch etwas tradierte Technik der Literatur, die Mo Yan später noch weiter gepflegt hat.

Novy: ... und die ihn schwer angreifbar macht. Er hat ja sehr viel Kritik erfahren, gerade für das rote Kornfeld, weil man gesagt hat, er zeigt ein dörfliches Leben voller Rückständigkeit, so ist China ja nicht nur und auch nicht gewesen in der Zeit. Er ist umstritten, sowohl wegen seiner Haltung zu den Dissidenten, die er 2009, als China Gastland der Buchmesse war, gezeigt hat, als auch wegen seiner Art, China zu beschreiben.

Ming: Ja. Beispielsweise diese ewig verfremdende Wirkung, China immer in einer halluzinatorischen, angeblich auch realistischen Stimmung zu beschreiben, das macht ihn angreifbar, denn für viele anderen Schreibkolleginnen und Kollegen ist China eben nicht eine Realität, die nur halluzinatorische, ästhetische Gefühle hochruft, sondern dass ein gewisser Grundrealismus nicht mehr zu verfremden gilt. Das macht er aber nicht.

Novy: Aber er hat doch jetzt in einem seiner jüngsten Bücher sich ganz konkret mit der Ein-Kind-Politik auseinandergesetzt, die in China ja noch gilt.

Ming: In der Tat. Es ist schon in der Themenwahl eine Veränderung anzumerken, nicht aber in seiner Schreibtechnik. Er verfremdet auch diese Geschichte in dieser umfassenden Absicherung, damit die Gegenwart nicht voll als Gegenwart zu begreifen ist. Da pflegt Mo Yan einen literarischen Stil, der durchaus diskutabel ist.

Novy: Was wollte dann das Nobelpreiskomitee wohl damit sagen, als es ihn jetzt zum Nobelpreisträger machte?

Ming: Für meine Augen, für meine Ohren hat diese Entscheidung eine gewisse Ambivalenz, einerseits natürlich auch Gesellschaftspolitik, eine Menschlichkeitsmetapher auszuzeichnen, die ja noch in Mo Yans Werken ohne Zweifel vorhanden ist. Auf der anderen Seite ist auch der Zweifel sehr schwer zu zerstreuen, dass Mo Yan als ein Schriftsteller mit so vielen Anpassungstechniken gegenüber einem Staat, einem Staatsapparat quasi ausgezeichnet wird, um vielleicht auch ein Signal zu senden, wir haben eigentlich gegen die Politik nicht sehr viel anzumerken, wir wollen auch nur die Literatur auszeichnen. So könnte man das auch deuten. Aber ich denke, konzentrieren wir uns auf die Literatur als ein Genre, so würde ich sagen, es gibt gute Gründe, ihn auszuzeichnen.

Novy: Shi Ming war das über Mo Yan, seit heute Literaturnobelpreisträger - ein Schriftsteller, der das Leben in seiner Fülle inklusive seiner Schrecklichkeit beschreiben will.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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