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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenMobile Kommunikation - Bremse oder Katalysator?12.09.2013

Mobile Kommunikation - Bremse oder Katalysator?

Einfluss sozialer Medien und Smartphones auf Alltagsgespräche

Die kleinen Gespräche in der Kantine, an der Bushaltestelle oder beim Kaffeeklatsch - sie alle verändern sich durch die schnelle Kommunikation mit dem Smartphone. Mannheimer Kommunikations- und Medienwissenschaftler haben diesen Wechsel unter die Lupe genommen.

Von Bettina Köster

Ändern sich unsere Unterhaltungen durch Smartphones? (picture alliance / dpa Foto: Oliver Berg)
Ändern sich unsere Unterhaltungen durch Smartphones? (picture alliance / dpa Foto: Oliver Berg)

"Oh Schade, das wäre die richtige Antwort auf die rote Karte gewesen. Liveticker: Ganz bitter für Herta ... im Strafraum und zieht dafür die rote Karte. Ich weiß nicht, wie viel steht es da? 2:1 für? Für Leverkusen noch. Is halt wahrscheinlich noch ein Elfmeter, wenn rote Karte noch."

Freunde sitzen zusammen, schauen Fußball und rufen parallel auf dem Smartphone die Ergebnisse anderer Mannschaften ab. Rund 100 Stunden Gespräche aus Freizeitsituationen hat das Forscherteam um Professorin Angela Keppler aufgezeichnet und analysiert. Dabei fanden die Wissenschaftler heraus, dass Alltagsgespräche immer mehr durch Zusatzinformationen via Smartphone angereichert werden.

"Also die einfachste Variante ist, dass über die mobile Kommunikation bestimmte zusätzliche Informationen in Gespräche eingespeist werden können, die dann das Gespräch befördern, wenn sie kommentiert werden."

Das gemeinsam angeschaute Fußballspiel ist da nur ein Beispiel, bei dem ganz selbstverständlich andere oder zusätzliche Informationen aus dem Internet abgerufen werden. Viele junge Leute integrieren die Informationen, die sie im Smartphone finden ganz automatisch in die Gespräche mit ihren Freunden.

"Was wir aber als interessantes neues Phänomen festgestellt haben, dass die iPads oder auch die Handys, die Smartphones dazu genutzt werden, dass so etwas wie gemeinsame Suchprozesse stattfinden. Also, dass gemeinsam nach einem Musikvideo gesucht wird und hier haben wir Beispiele, die zeigen, dass häufig der Suchprozess selbst, dass für die Beteiligten häufig das Interessantere ist, als das gemeinsame Schauen des Videos."

Dass man in Alltagsgesprächen von Hölzchen auf Stöckchen kommt, und sich die Unterhaltung in ganz verschiedene Richtungen verästelt ist normal. Schaut man dabei noch gemeinsam ins Internet, potenzieren sich diese Wege noch einmal, beobachteten die Forscher bei den aufgenommenen Gesprächssequenzen.

"Und diese gemeinsamen Suchprozesse sind ja, und das ist das Spannende, ich habe Gesprächsaufzeichnungen, da geht so was über 10, 15 Minuten und es geht nicht nur um die technischen Wege, also wie komme ich jetzt da dran, sondern dabei finden vielfache Kommentierungen statt. Beispiel: Ein bestimmtes Musikvideo wird von einer Gruppe Jugendlichen gemeinsam gesucht, das ist nicht so leicht zu finden in dem Fall, dass nicht etwas, was man mit einem Klick auf YouTube findet. Dann auf dem Weg dorthin passiert ganz viel, was einem begegnet. Und dass, was dort aufgefunden wird, das wird kommentiert. Dann sieht man zufällig irgendeinen anderen Musikschnipsel, dann wird darüber gesprochen. Und das sind gemeinschaftsbildende Effekte, denn genau hier passiert das, was wir auch in den klassischen Gesprächen haben, es wird kommentiert."

Für das Wissenschaftlerteam um Professorin Keppler ist schon im ersten Teil des Forschungsprojekts auf jeden Fall diese Tendenz auszumachen: Jugendliche reden nicht weniger, sondern anders miteinander. Das gilt auch für die kleinen Begegnungen im Park, auf der Straße oder im Café, die von ihnen systematisch beobachtet und mit ethnographischen Methoden dokumentiert wurden. Dabei zeigte sich beispielsweise, dass weniger erzählt, als gezeigt wird.

"Zwei junge Frauen stehen vor einem Café und unterhalten sich, angeregt, intensiv, dabei zückt die eine immer wieder ihr Handy, das wird integriert in den Gesprächsablauf. Dann sehen wir, dass die eine der anderen ihr Smartphone vor die Nase hält. Und sie die andere dann schweigt und da drauf guckt für eine längere Zeit. An diesem Beispiel konnten wir feststellen, und das trifft in vielen Fällen zu, dass dieses Zeigen, in dem Fall war es zum Beispiel, dass die eine der anderen eine in WhatsApp abgelaufene Kommunikation mit ihrem Freund quasi zum Nachlesen gezeigt hat. Und dieses Nachlesen ersetzt in dem Fall die verbale Rekonstruktion der Geschichte dessen, was am Abend vorher mit dem Freund Blödes passiert ist. Durch dieses Zeigen passiert noch etwas Zweites: Die Info wird mit einer unheimlich hohen Glaubwürdigkeit versehen."

Bei ganz zufälligen Begegnungen im Zug oder an der Bushaltestelle konnten die Forscher beobachten, dass sich zwar viele an ihrem Smartphone in gewisser Weise festhalten und nicht mehr so offen für ihre Umwelt sind. Andererseits kamen über das Smartphone oder den Tabletcomputer auch wieder Gespräche zustande, wenn man im Zug nebeneinandersaß und gemeinsame Interessen entdeckte. In den Alltagsgesprächen unter Freunden haben sich inzwischen sogar neue Höflichkeitsformen eingebürgert, wenn Smartphones mit in die Unterhaltung aufgenommen werden.

"Ja, wir haben erstaunlicherweise feststellen können, dass es so etwas wie ein sozial geteiltes Routinewissen darüber gibt, wie Medienhardware oder auch Medienthemen in den Alltagsgesprächen so integriert werden können, dass deren Integration nicht zu kommunikativen Problemen führt. Wenn mehrere Personen beieinanderstehen, sich über ein bestimmtes Thema unterhalten, wenn dann der eine oder die andere ihr Smartphone in die Hand nimmt und da drauf guckt, dann gibt es da so etwas wie eine Schmerzgrenze. Entweder zeigt die sich, in dem der, der lange drauf geschaut hat, sagt: Entschuldige ich hör dir zu oder wenn das nicht passiert, dass dann durchaus die Gesprächspartner sagen, hörst Du mir überhaupt zu?"

In den kommenden zwei Jahren wollen die Soziologen noch weiter danach schauen, inwiefern sich Alltagsgespräche durch Tabletcomputer und Smartphones tatsächlich systematisch ändern. Wird beispielsweise in heutigen Gesprächen wirklich mehr gezeigt als erzählt? Solche strukturellen Änderungen der Alltagsunterhaltungen müssen jetzt an dem ganzen Datenmaterial belegt werden. Erst dann können die Forscher abschätzen, welche Konsequenzen das für unseren sozialen Wandel haben könnte.

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