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StartseiteBüchermarktModern im Grab17.05.2004

Modern im Grab

Bernd Kortländer: "Heinrich Heine"

"Unsere Besten” sucht das ZDF, gewissermaßen den deutschen Superstar aller Zeiten, aller Sparten! Die Wahl ist noch nicht entschieden, aber immerhin: der Kanzler hat sich bereits festgelegt. Für ihn ist der größte Deutsche Heinrich Heine, nimmermüder Satiriker und Liederdichter, der einst prophezeite: "Wenn ich sterbe, wird die Zunge ausgeschnitten meiner Leiche; denn sie fürchten, redend käm‘ ich wieder aus dem Schattenreiche”. Nun, inzwischen ist seine Lästerzunge längst unter der Erde, wäre sie’s nicht, bliebe dem Kanzler so manche Spitze und Sottise kaum erspart.

Von Enno Stahl

Bernd Kortländer, "Heinrich Heine", Coverausschnitt (Reclam Universalbibliothek)
Bernd Kortländer, "Heinrich Heine", Coverausschnitt (Reclam Universalbibliothek)

Dass Heine zwar Klassiker und begraben, dennoch unverändert modern, ja aktuell ist, das versucht Bernd Kortländer mit einer einführenden Monografie über Leben und Werk jenes deutschen Dichters zu erweisen, der, von den preußischen Behörden verfemt und zensiert, im Pariser Exil verstarb und der, wenn es solchen Rankings denn bedarf, sich mit Goethe um den ersten Platz der ewigen deutschen Dichter-Rangliste balgen mag, je nach politischer Couleur der Jury. Während sich die Bundesrepublik mit Heine lange schwer tat, gehörte er in der DDR zum kulturellen Kanon, galt als künstlerischer Mitstreiter der Herren Marx und Engels.

Dabei war sein politisches Renomée zu Lebzeiten mehr als umstritten, er lieferte sich eine heftige Auseinandersetzung mit Ludwig Börne, schmähte den Widersacher bis ins Grab hinein. Kortländers Verdienst ist, dass er gerade die Zwiespältigkeiten von Heines Charakter offen legt. Gerade in der Ambivalenz, dem Oszillieren zwischen Politik und Poesie, betont Kortländer, lag Heines charakteristische Position. Bei aller Begeisterung für die Ideen der Französischen Revolution machte er sich nie gemein mit dem sich bildenden Proletariat. Seine Freiheitssehnsucht galt weniger einer realen Einlösung der Menschenrechte hier und jetzt, wie Börne und seine Anhänger es erstrebten. Sondern Heine zielte auf eine höhere Gleichheit aller Menschen, eine "Demokrazie gleichherrlicher, gleichheiliger, gleichbeseeligter Götter”, einen utopischen, ja, poetischen Sozialismus, der allein im objektiven Ideal der Dichtung seinen zeitgenössischen Ausdruck finden konnte.

Dieser Widerspruch aus direkter, politischer Attacke und höchstem Kunstanspruch durchzieht das gesamte Heine’sche Werk, Kortländer skizziert das sehr anschaulich und feinfühlig. Vor dem Hintergrund dieser zugrunde liegenden Schaffensmaxime zeigt er Heines Dichtung in ihrer historisch-zeitlichen Einbettung.

Als stellvertretender Leiter des Heine-Instituts und Mitarbeiter der großen Düsseldorfer Werkausgabe ist Kortländer mit dem Nachlass wohlvertraut. Er vermag so eine Vielzahl von Detailinformationen etwa über die ökonomischen Rahmenbedingungen zu liefern, Heines Verhandlungen mit seinen Verlegern, oder über die erbitterten publizistischen Auseinandersetzungen mit damaligen Kritikern. Die verschiedenen Versionen und Bearbeitungsschritte der Manuskripte werden ebenso schlüssig eingebracht, wie Heines Kommentare und Selbsteinschätzungen. Alles in allem eine grundsolide Übersichtsdarstellung zu Heines Gesamtwerk, Biografie und historischem Umfeld. Obwohl Kortländers Arbeit durch ihren ansprechenden Stil sehr geeignet erscheint, auch Laien und Studierenden einen Zugang zu Heines Weltsicht zu ermöglichen, gibt sie gleichermaßen den momentanen Stand der Heine-Forschung wieder.

Wie lange es bei diesem deutschen Dichter gedauert hat, bis er "angekommen” war, musealisisiert wurde, zeichnet Kortländer in einem nahezu anekdotischen Epilog nach. So brauchte es auch in unseren Tagen ganze drei Anläufe, bis die Düsseldorfer Uni nach dem größten Sohn der Stadt benannt werden konnte: 1972 und 1982 scheiterte dieses Ansinnen am Widerstand der Professorenschaft. Noch abstruser die Irrfahrten verschiedener Heine-Denkmäler, die je nach politischer Lage, je nach Besitzer, über Jahrzehnte weltweit hin und her geschoben oder gleich ganz eingeschmolzen wurden, Schicksal eines deutschen Dichters. Nicht umsonst spottete Kurt Tucholsky: "Die Zahl der Deutschen Kriegerdenkmäler zur Zahl der Deutschen Heine-Denkmäler verhält sich hierzulande wie die Macht zum Geist.”

Bernd Kortländer
Heinrich Heine
Reclam Universalbibliothek, 366 S. , EUR 8.80

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