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Seit 18:00 Uhr Nachrichten
StartseiteDLF-MagazinKnebelverträge für ausländische Pflegekräfte05.06.2014

Moderne SchuldknechtschaftKnebelverträge für ausländische Pflegekräfte

Sie arbeiten sieben Tage die Woche, oft mehr als zwölf Stunden und erfahren erst kurz vorher, wohin es geht. Ausländische Pflegekräfte sind meist bei großen Firmen für Intensivpflege angestellt - zu extrem schlechten Konditionen. Doch wer seinen Vertrag vorzeitig kündigen will, zahlt drauf, so wie Nerea Gonzalez.

Von Peter Kreysler

Ein Pflegebett in einem Seniorenheim. (picture alliance / dpa - Tobias Kleinschmidt)
Pflegekräfte aus Süd- und Osteuropa werden oft schlecht bezahlt. (picture alliance / dpa - Tobias Kleinschmidt)
Weiterführende Information

"Krankenpfleger sind in Deutschland Hilfskräfte" (Deutschlandfunk, Europa heute, 07.10.2013)

Sechs Uhr morgens in der Nähe des Berliner Ostbahnhofs. Eine junge Spanierin verlässt mit eiligen Schritten ihre kleine Wohnung:

"Mein Name ist Nerea Gonzalez. Ich habe einen Universitätsabschluss und könnte in der Intensivmedizin als Krankenschwester arbeiten, aber das regionale Krankenhaus wurde gerade wegen der Krise geschlossen."

Nerea Gonzalez ist auf dem Weg zu ihrem neuen Einsatzort bei Köln. Sie ist eine Art Pendelpflegerin. Immer sieben Tage am Stück pflegt sie schwer kranke Menschen in ihren Wohnungen irgendwo in Deutschland:

"Ich verbringe zwölf Stunden ohne Pause mit den Patienten. Dann werde ich für zwölf Stunden von einem Kollegen abgelöst. Sieben Tage lang wechseln wir uns ab. Manche Patienten liegen im Koma, andere sind an Atmungsgeräte angeschlossen. Es ist oft so stressig, dass ich in meiner zwölf Stundenschicht nicht einmal zum Essen komme."
Seit acht Monaten ist Nerea Gonzalez in Deutschland. Sie ist eine von rund 300.000 Pflegekräften aus Süd- und Osteuropa, die hier schwer kranke und alte Menschen pflegen. Das deutsche Unternehmen GIP, Gesellschaft für medizinische Intensivpflege, hat sie angeworben und vermittelt sie wie Leiharbeiter an pflegebedürftige Menschen:

"Zu Beginn der Arbeitswoche packe ich morgens früh meinen Koffer und reise irgendwohin – dorthin, wo ich gerade gebraucht werde. Ich weiß nicht, was mich erwartet. Ich muss alles selber organisieren. Wo ist das Hotel? Wie weit ist die Wohnung der Patienten entfernt? Gibt es medizinische Informationen vom behandelnden Arzt? Wenn man kaum Deutsch spricht, können sich diese simplen Fragen schnell zu unüberwindbaren Hürden auswachsen. Oft haben die Familien auch eine Liste von Dingen, die ich machen muss."

Manchmal muss Nerea auch die Wohnung putzen, auf Kinder aufpassen, einkaufen oder den Hund ausführen. Ohne staatliche Kontrolle ist der Weg von der Pflegekraft zur Putzfrau ein kurzer.

Am Bahnhof kauft sie noch etwas Obst für den 16-Stunden-Tag, der vor ihr liegt. Dann steigt sie in den IC.

Nur wenige Schritte vom Ostbahnhof entfernt - direkt am Spreeufer - liegt die Bundeszentrale der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi. Auf der Glasfassade das Verdi-Motto in großen weißen Lettern: "Würde hat ihren Wert, Arbeit ihren Preis". Dass das vor allem bei Fachkräften aus dem Ausland nicht immer der Fall ist, weiß der junge Gewerkschaftssekretär Kalle Kunkel nur zu gut:

"Also es fängt mit der Bezahlung an. Die bekommen 9,50 Euro. Das ist, wenn man das mit dem Lohn einer Krankenschwester im Öffentlichen Dienst vergleicht, 20 bis 40 Prozent weniger. Dann sparen die Unternehmen sieben- bis 8.000 Euro an so einer Kollegin. Das sind 500 bis 600 Euro im Monat."

Wie viele Firmen nach diesem Muster arbeiten, ist noch nicht bekannt. Kalle Kunkel vermutet aber, dass es nicht wenige sind, gerade weil immer wieder Pflege-Leiharbeiter bei der Gewerkschaft Rat suchen. Der Profit, den Unternehmen wie GIP mit diesen Methoden machen, ist enorm. Kunkel rechnet vor:

"Die Monatssätze für einen Patienten in der Beatmungs- und Intensivpflege liegen zwischen 18 und 45 Tausend Euro, also da ist schon ordentlich Geld zu machen und das zahlt die Krankenkasse."

Die Pflegekräfte wie Nerea erhalten davon nur einen Bruchteil, sie arbeiten unter schweren Bedingungen zu geringem Lohn. Warum? Weil die Firma, wenn die Mitarbeiter die Firma vorzeitig verlassen wollen, von ihnen eine Art Strafgebühr für die Firmenausgaben verlangt. Um in Deutschland als Krankenpfleger arbeiten zu können, müssen die ausländischen Fachkräfte vorher einen sechsmonatigen Deutschkurs machen – den stellt ihnen die GIP im Falle einer vorzeitigen Kündigung in Rechnung.

"Wenn sie das Unternehmen früher verlassen, müssen sie bis zu 6.600 Euro zurückzahlen Man kann das - in der historischen Analogie - als eine Schuldknechtschaft bezeichnen. // Das ist in bestimmten Grenzen tatsächlich auch legal,, und das ist ein Skandal."

Ein Skandal, von dem offenbar die Politik überrascht worden ist. Karl-Josef Laumann, der neue Patientenbeauftragte der Bundesregierung, sonst eher der besonnene Typ, wirkt ungewöhnlich empört, als er von der Situation ausländischer Pendelpfleger erfährt.

"So etwas ist unterirdisch, und wer so handelt, sorgt dafür, dass wir keine Fachkräfte mehr finden werden. Im Übrigen auch nicht mehr aus dem Ausland, sondern es ist schlicht und ergreifend ein asoziales Verhalten, gut ausgebildete Pflegekräfte mit solch einem Stundenlohn abzuspeisen."

Unklar ist jedoch, wie die Politik auf diesen Skandal reagieren wird. Laumann zögert, den Pflegebereich noch mehr zu reglementieren. Er ist sich sicher: Es handelt sich um Einzelfälle:

"Also: Es gibt ja keinen Bereich, den wir so stark kontrollieren und dokumentieren wie die Pflege. Sie können ganz sicher sein, dass wir bei der ambulanten Intensivpflege sehr stark hingucken."

Das Unternehmen GIP, bei dem Nerea Gonzalez beschäftigt ist, streitet die Vorwürfe der spanischen Mitarbeiter ab. In einer schriftlichen Stellungnahme heißt es:

"Die Mehrzahl der europäischen Mitarbeiter bei der GIP, Gesellschaft für medizinische Intensivpflege mbH, schätzen ihre Arbeit in Deutschland, und im Gegenzug wissen wir ihren Einsatz und ihr Know-how zu schätzen."

Nach einer Woche kommt Nerea Gonzalez übernächtigt und erschöpft aus Köln zurück. Ihre Arbeitswoche und die Betreuung eines kleinen Jungen haben sie sehr belastet.

"Der Junge hatte 40 Grad Fieber, die Mutter schrieb mir vor, was ich zu machen hatte, welche Medizin ich ihm in welcher Dosis geben sollte. Das widersprach aber komplett meiner medizinischen Erfahrung. Und auch der Arzt hatte es anders verschrieben. Ich konnte das nicht akzeptieren, ich habe ja auch die Verantwortung für meinen Patienten! Die Mutter war sehr aufgebracht und hat angefangen mich zu beschimpfen."

Nerea Gonzalez hat in dieser Woche einen Entschluss gefasst: Sie will unter diesen Bedingungen nicht weiter arbeiten. Auch wenn ein Ausstieg aus dem Unternehmen für sie teuer wird.

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