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Moderne Sklaverei

Benjamin Skinner: Menschenhandel. Sklaverei im 21. Jahrhundert. Lübbe und Corinna Milborn, Mary Kreuzer: Ware Frau: Auf den Spuren moderner Sklaverei von Afrika nach Europa. Ecowin Verlag

Gegenwärtig werden Jahr für Jahr mehr Sklaven nach Nordamerika verschleppt als im 17. Jahrhundert. So der amerikanische Publizist E. Benjamin Skinner. Für sein Buch "Menschenhandel - Sklaverei im 21. Jahrhundert" hat sich Skinner auf die Spuren der Menschenhändler und ihrer Opfer auf allen Kontinenten begeben. Mary Kreuzer und Corinna Milborn hingegen befassen sich mit einem speziellen Aspekt der modernen Sklaverei: Mit dem Frauenhandel zwischen Afrika und Europa. Elias Bierdel hat beide Bücher für uns gelesen.

In unserer Zeit werden mehr Sklaven gehalten   als je zuvor in der Geschichte der Menschheit. (AP Archiv)
In unserer Zeit werden mehr Sklaven gehalten als je zuvor in der Geschichte der Menschheit. (AP Archiv)

Sklaverei? Schon das Wort scheint nicht mehr in die Gegenwart zu passen - die dahinter stehenden Zustände schon gar nicht. Deshalb ist die Tatsache, dass in unserer Zeit mehr Sklaven gehalten werden als je zuvor in der Geschichte der Menschheit, mit Blick auf die schiere Zahl der ohne Lohn ausgebeuteten und geschundenen Männer, Frauen und Kinder kaum zu vermitteln. 27 Millionen sollen es derzeit sein, berichtet Benjamin Skinner in seinem Buch, das in den USA unter dem Original-Titel "A crime so monstrous - Face to Face with modern-day slavery" erschienen ist. Face to Face - von Angesicht zu Angesicht. Das ist entscheidend. Denn nur wenn die Opfer ein Gesicht, einen Namen bekommen, besteht eine Chance, dass ihr Schicksal ins Bewusstsein der Weltöffentlichkeit dringt. Vier Jahre lang ist Skinner deshalb nach eigenen Angaben um den Globus gereist, um Schicksale wie das von Muong Nyong Muong zu recherchieren, der als Angehöriger des Dinka-Stammes im Alter von zwölf Jahren im Süd-Sudan von arabischen Milizen in die Sklaverei verschleppt wurde:

Der Reiter umkreiste die Familie auf seinem Pferd, zielte mit seinem Gewehr auf sie und schrie "Abeed". Muong hatte das Wort noch nie gehört, doch er sollte es noch allzu gut verstehen lernen. Hilflos vor Schreck musste er mitansehen, wie der Mann seine Mutter zu Boden warf und ihr den Gewehrkolben in den Rücken stieß. Muong packte die Hand seines Bruders, um zu fliehen. Ehe sie das Unterholz erreicht hatten, galoppierten weitere Reiter heran, die gefesselte Dinka hinter sich herzerrten. Sie sahen, wie ihre Mutter sich aufrappelte. Mit tränen- und blutüberstömtem Gesicht ließ sie sich mit den Händen an die Karawane ketten. Ihr früheres Leben war mit einem Mal vorbei. Muong und seine Familie waren nun "abeed"- Sklaven.

Auch rechtlose Leibeigene in indischen Steinbrüchen, rumänische Frauenhändler und haitianische Kinder-Sklaven hat Skinner besucht und schildert drastisch die gnadenlose Mechanik der Ausbeutung, die Menschen bricht und aus ihnen willenlose Werkzeuge macht. Die Verhältnisse im Sudan bilden jedoch den roten Faden dieses Buches, vor allem wohl deshalb, weil sich an ihnen der halbherzige politische Kampf gegen die moderne Sklaverei und sein vorläufiges Scheitern beispielhaft aufzeigen lässt. Doch wirft der Blick hinter die Kulissen, wo auch christliche Fundamentalisten mit Feuereifer und fragwürdigen Sklaven-Freikäufen ihre Mission betreiben, auf Dauer mehr Fragen auf, als er beantworten könnte. Und vor allem jene Episode, in der sich Skinner selbst als potentieller Käufer eines offenbar geistig behinderten Roma-Mädchens ausgibt, überschreitet die Grenze, die investigativen Journalismus von schlichter Sensationsmache trennt. Letztlich scheitert der Autor aber auch an dem allzu großen Anspruch, die Sklaverei des 21. Jahrhunderts weltweit und in allen ihren Erscheinungsformen aufzudecken. Dagegen haben sich Mary Kreuzer und Corinna Milborn klugerweise von vornherein auf ein enger gefasstes Thema beschränkt: In "Ware Frau" beleuchten sie die Bedingungen der Ausbeutung von afrikanischen Sex-Sklavinnen in Europa, wobei sie sich vor allem auf den Handel mit nigerianischen Frauen konzentrieren. Acht Frauenschicksale stehen im Mittelpunkt ihres Buches. Es sind die immergleichen Versprechungen, mit denen Mädchen angelockt werden. Blessing ist 22 Jahre jung, als sie in Spanien ankommt. Ihr Traum: durch Hausarbeit ein Studium zu finanzieren. Als sie merkt, was die "Madame" tatsächlich von ihr erwartet, ist es zu spät:

Ich wurde oft geschlagen. Immer wenn ein Mädchen nicht spurte, setzte es Schläge. Wenn ein Mädchen rebellierte, dann rief die Madame Pat an. Das ist eine Frau aus Nigeria, die in Deutschland lebt. Sie ist sehr groß und hat einen Bart wie ein Mann. Ihre Arbeit besteht darin, die Mädchen zu schlagen, wenn sie nicht arbeiten oder kein Geld abliefern. Sie macht "killer work". Einmal wurde ein Mädchen beschuldigt, Geld gestohlen zu haben. Pat verhörte das Mädchen. Sie benutzte ein Bügeleisen, verbrannte ihm damit den ganzen Rücken. Das Mädchen starb noch in derselben Nacht. Die Madame drohte, sie würde auch uns umbringen lassen wenn wir schrien. Es würde niemand merken, wenn wir tot seien. Es wisse ja niemand, dass wir in Europa seien.

Sind sie erst einmal illegal in Europa, müssen die Frauen tausende Euro abzahlen, die ihnen ihre "Madames" in Rechnung stellen, angebliche Kosten für Reise, Essen und Logis. "Ware Frau" beeindruckt durch eingehende Interviews mit Sklavinnen und ihren so ganz und gar nicht ahnungslosen Freiern. Vor allem aber werden schließlich die Zutaten benannt, ohne die das Geschäft der sexuellen Ausbeutung nicht möglich wäre: Jene Spirale aus Armut in den Herkunftsländern, Heuchelei bei Regierungen und Behörden, aus Gewalt und Rassismus. Und die Verantwortung für all dies - so weisen die Autorinnen nach - liegt dabei überwiegend beim reichen Norden:

Es ist der Markt für Prostituierte auf der europäischen Seite, der durch seine enorme Sogkraft zu Frauenhandel führt. Auf der anderen, der afrikanischen Seite, werden die Frauen wegen der katastrophalen wirtschaftlichen Lage gezwungen, ihr Land zu verlassen. Auch die Verantwortung für diese Misere liegt zu einem großen Teil in Europa: Afrika ist mehr denn je ein Selbstbedienungsladen für europäische Staaten und Unternehmen, die Rohstoffe abziehen, die Entwicklung einer eigenständigen Wirtschaft aktiv verhindern und - mithilfe der europäischen Politik - korrupte, bequeme Regime an der Macht halten.

Doch wie unbestritten wichtig die Abrechnung mit dem ungerechten Welthandel auch ist - das Buch enthält eine zweite, wohl noch wichtigere Botschaft - es wird zunächst einmal darauf ankommen, die Ausbeutung als solche überhaupt wahrzunehmen. Denn das Menschheitsverbrechen der modernen Sklaverei spielt sich in aller Regel keineswegs im Verborgenen ab - sondern vielmehr Tag für Tag vor unser aller Augen: ein Blick auf die entsprechenden Schmuddel- und Kleinanzeigen der Boulevardpresse genügt. Hier wird das ganze mörderische Elend wie eine x-beliebige Dienstleistung angepriesen. Und wir sind aufgerufen, dies nicht länger als vermeintliche Normalität hinzunehmen.

Elias Bierdel über E. Benjamin Skinner: Menschenhandel. Sklaverei im 21. Jahrhundert. Erschienen bei Lübbe, 412 Seiten, für 19 Euro 95. Und: Ware Frau - Auf den Spuren moderner Sklaverei von Afrika nach Europa. Ein Buch von Mary Kreuzer und Corinna Milborn, das im Ecowin Verlag erschienen ist. Es hat 234 Seiten und kostet ebenfalls 19 Euro 95.

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