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StartseiteKultur heuteModerner Sklavenhandel02.12.2010

Moderner Sklavenhandel

"Das Schiff des Torjägers" dokumentiert den Kinderhandel in Afrika

Sie werden zu g efeierten Helden des Sports, erzielen Erfolge und spülen Millionengewinne in die Kassen der Vereine. Doch die Geschichte, die hinter vielen Biografien junger afrikanischer Sportler steckt, ist oft erschreckend, wie der Oscar nominierte Dokumentarfilm von Heidi Specogna zeigt.

Von Josef Schnelle

Kinder spielen in Soweto auf der Straße Fußball. (AP Archiv)
Kinder spielen in Soweto auf der Straße Fußball. (AP Archiv)

"Noch immer ist das Schicksal der 250 westafrikanischen Kindersklaven ungewiss. Sie wurden auf einem Schiff vermutet, dass seit zwei Wochen vor der Küste Afrikas umherirrt. - Ihm gehört das gesuchte Schiff: Bundesligatorjäger Jonathan Akpobori. Die Fähre Etireno soll im April 2001 illegal Kinder von Benin nach Gabun transportiert haben. Unicef und Terre des Hommes schlagen Alarm. Was geschah wirklich auf der Etireno. Die Medien sprechen von Sklavenhandel und spekulieren über das Schicksal der Kinder."

Der Fußballspieler Jonathan Akpoborie aus Nigeria mit seinen legendären Kopfballtoren zum Beispiel für den VFL Wolfsburg wäre schon fast vergessen, wäre da nicht dieser Skandal aus dem Jahr 2001, der die Welt erschütterte. Hunderte von Kindern aus Togo, Mali und Benin waren an Bord der Fähre Etireno ins vergleichsweise wohlhabende Gabun gebracht worden, um dort zu arbeiten. Die Hilfsorganisation Unicef hing den Fall dieses "Sklavenschiffs" an die große Glocke und als herauskam, dass Jonathan Akpobori der Eigner des Schiffes war, war die Nachrichtensensation perfekt. Der VFL Wolfsburg feuerte seinen Torjäger nicht ohne Bedauern. Der Manager Peter Pander des Bundesligavereins erinnert sich.

"Johnny stand für Tore. Er war ein Topstürmer in der Bundesliga. Ein Toptransfer. Und hat das gerechtfertigt, was wir in ihn investiert hatten."

Die Schweizer Filmemacherin Heidi Specogna hat natürlich für ihren Film nicht den Fußball in den Mittelpunkt gestellt. Eher hat sie so etwas wie eine umfassende Milieustudie im Blick, in der das Schicksal der afrikanischen Kinder ebenso beleuchtet wird wie das junger Talente auf dem Weg dazu, Fußballsklaven zu werden. Nach ihrem vielfach preisgekrönten Film "Das kurze Leben des José Antonio Gutierrez" um einen jungen US-Soldaten, der sich freiwillig verpflichtete um damit gleichzeitig die US-Staatsbürgerschaft zu erreichen und dann nur noch im Sarg eingebürgert werden konnte, nimmt sie sich nun der absurden Ereignisse um das Sklavenschiff von Jonathan Akpoborie ab. Der war zwar Besitzer des Schiffes, hatte es aber seinen eigenen Aussagen zufolge nur gekauft, um seine Verwandten daheim zu versorgen. Schließlich befand er sich als junger Fußballsöldner gar nicht so sehr in einer anderen Position, als die Kinder aus besonders armen Ländern Afrikas, die zum wohlhabenden Nachbarn befördert werden, damit sie Geld heimschicken können.

Der Film nimmt sich die komplexe Geschichte jedoch in all ihren Komponenten vor. DIe Etireno ist inzwischen nur noch Schrott. Der wird gesammelt und landet als Rohstoff wieder in Europa, wo Akpoborie es einst gekauft hatte. Die Kinder von damals wurden in ihre Heimat zurückexpediert, ganz angekommen sind sie nach den traumatischen Erlebnissen der Verschleppung nicht. Sie mussten kurz vor der rettenden Küste ins Wasser springen. Dazu trieben sie die Schlepper. Am Ufer wurden sie gleich von Räuberbanden in Empfang genommen. Auch von den Hilfsorganisationen, die schnell die Chance erkannten, die Geschichte zum Präzedenzfall hochzustilisieren, fühlen sie sich benutzt. Zwei Kinder das Mädchen Adakou und der Junge Nouman stehen im Mittelpunkt und erzählen ihre Geschichte, die viel verrät über die Zustände in Afrika, dem vergessenen und allein gelassenen Kontinent. Als kleine Kinder traumatisiert erzählen sie ihre Geschichte sehr eindringlich. Man muss nicht genau verstehen, was sie sagen, was man im untertitelten Film natürlich präzise kann. Aber schon der klagende Klang dieser Kinderstimmen ist beeindruckend.

Heidi Specogna bemüht sich in ihrem Dokumentarfilm alle Seiten zu Wort kommen zu lassen. Manche Beteiligten reden sich auch um Kopf und Kragen. Wäre da nicht der magische Strand in Nigeria, an dem sich die Handlungsfäden verknüpfen, dann hätte ihr Film auch leicht ein oberflächlicher Propagandafilm mit viel Meinung aber wenig Substanz werden können. So aber deckt sie stilistisch raffiniert und inhaltlich reich die gnadenlose und immer noch fortdauernde Ausbeutung Afrikas durch die ehemaligen Kolonialländer auf.

Jonathan Akpoborie lebt inzwischen - offensichtlich geachtet und reich - wieder in Nigeria. Er ist Spielerscout geworden, beobachtet junge afrikanische Talente für europäische Vereine und bietet sie an. Dass dieser moderne Sklavenhandel der Normalfall ist, zeigt sich bei einer kleinen Führung durch das Internat des Weltclubs Grashoppers Zürich, bei dem Akpoborie einmal gespielt hat. Er wird Jungs vorschlagen aus den afrikanischen Ligen, aber auch die Schweizer Jungs sind schon kaserniert als Frischfleisch für den internationalen Fußball.

"Das ist wirklich super - also die leben hier fix. Die sind von zu Hause weg, spielen am Wochenende, samstags, dann können sie Sonntag nach Hause zu ihren Eltern. Dann haben wir hier 'nen Kraftraum. Da sind schon n paar Jungs. Die jüngsten, die hier sind sind elf, also die zehnjährigen. Die ganz kleinen, die sind in der Stadt."

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