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StartseiteKommentare und Themen der WocheEin erster und wichtiger Schritt20.04.2018

Mögliches Verbot von NeonicotinoidenEin erster und wichtiger Schritt

Die Bundesregierung will dem europaweiten Verbot sogenannter Neonicotinoide zustimmen. Das sei aber nur ein erster Schritt, kommentiert Georg Ehring. Denn das Schwinden der Insekten sei nicht allein auf diese Mittel zurückzuführen. Im Fokus stünden weitere Pestizide, zum Beispiel das Pflanzengift Glyphosat.

Von Georg Ehring

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Eine Biene sammelt Pollen auf einer Blüte. (picture alliance / Sven Hoppe/dpa)
Eine Biene sammelt Pollen auf einer Blüte. (picture alliance / Sven Hoppe/dpa)
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Für den Landwirt sind Neonicotinoide eine feine Sache. Die Wirkstoffe verteilen sich in der ganzen Pflanze. Insekten, die daran fressen, überleben diese Mahlzeit nicht lange. Die Massenvermehrung von Schädlingen auf dem Acker fällt aus, die Ernte ist gerettet. Neonicotinoide haben eine durchschlagende Wirkung, doch genau das ist das Problem.

Für Insekten sind Neonicotinoide Nervengifte 

Die Mittel sind einfach zu erfolgreich: Sie töten nicht nur Rapsglanzkäfer, Erdbeerblütenstecher, Mehlige Kohlblattläuse und Buchsbaumzünsler, sondern sie bringen eben auch Bienen, Hummeln und Ameisen den Tod. Für Insekten sind Neonicotinoide Nervengifte und sie unterscheiden nicht zwischen Plagen und geschützten oder seltenen Arten. Manche dieser Stoffe reichern sich außerdem im Boden an, sie töten dann nicht nur in dem Jahr, in dem sie ausgebracht wurden, sondern verursachen auch lange danach noch Schäden, denen längst kein Nutzen mehr gegenüber steht. Doch es ist ein großer Fehler, Insekten nur als lästig oder schädlich anzusehen. Sie werden gebraucht und zwar nicht nur die Honigbienen – als Bestäuber, als Nahrung für Vögel und andere Tiere und einfach als Teil der Vielfalt der Natur. Ihr Verschwinden schädigt auch uns Menschen.

Es ist gut, dass Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner das Verbot der Neonicotinoide in Europa unterstützt, es ist gut, dass sie sich den Schutz von Insekten zur Aufgabe gemacht hat. Wie dramatisch das Schwinden der artenreichsten aller Tierklassen ist, wissen zumindest die Älteren unter den Autofahrern: Früher war die Windschutzscheibe im Sommer oft voll von zerschellten Insekten, heute kaum noch. Wissenschaftler schätzen, dass ihre Zahl um rund 75 Prozent geschrumpft ist – das ist schon dramatisch.

Im Fokus stehen weitere Pestizide

Vor diesem Hintergrund ist das Verbot der Neonicotinoide nur ein erster Schritt. Denn das Schwinden der Insekten ist nicht allein auf diese Mittel zurückzuführen. Im Fokus stehen weitere Pestizide, zum Beispiel das Pflanzengift Glyphosat. Es tötet fast alle Pflanzen, und macht so aus vielfältigen Äckern Agrarsteppen, auf denen Insekten und andere Tiere schlicht verhungern. Julia Klöckner spricht hier von Minimierungs-Strategien statt von schnellen Verboten. Das klingt zwar erstmal gut, es könnte der weiteren großflächigen Verwendung des Mittels aber zu viele Hintertüren öffnen.

Letztlich leiden die Insekten wie viele andere Arten auch unter dem Verlust ihres Lebensraumes: Immer mehr intensive Landwirtschaft, immer weniger artenreiches Grünland und der Ausbau des ökologischen Anbaus kommt kaum voran. Siedlungen und Straßen brauchen Platz, Gärten werden arbeitssparend mit Rasen oder sogar mit Steinwüsten gestaltet anstatt mit Wiesen, Blumen und Sträuchern. Und in der Nacht irritiert immer mehr Licht Motten und Falter. Der Mensch gestaltet seinen Lebensraum nach seinen Bedürfnissen. Das ist eigentlich auch gut so, doch wir müssen die Grenzen beachten. Auch die Natur braucht ihren Raum – wie wäre es, einfach mal zuzuschauen, wie sie sich ungestört entwickelt?

Georg Ehring  (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Georg Ehring (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Georg Ehring, Jahrgang 1959, hat in Dortmund Journalistik und Politikwissenschaften studiert, später an der Fernuniversität Hagen Volkswirtschaft. Er arbeitet beim Deutschlandfunk als Redaktionsleiter Wirtschaft und Umwelt. Berufliche Stationen zuvor waren die zentrale Wirtschaftsredaktion der Nachrichtenagentur Reuters in Bonn und zuvor in den 1980er Jahren freiberufliche Tätigkeit überwiegend für den WDR in Dortmund.

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