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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenMöglichkeit, die Welt mit anderen Augen zu betrachten16.09.2010

Möglichkeit, die Welt mit anderen Augen zu betrachten

Der Philosoph Arthur Schopenhauer und seine Aktualität heute

Jahrzehntelang erhielt Arthur Schopenhauers Werk wenig Aufmerksamkeit. Erst nach seinem Tod - der sich am 21. September zum 150. Mal jährt - fühlten sich Geistesgrößen wie Nietzsche von ihm angezogen. Er selbst ahnte seine Bedeutung für die Nachwelt.

Von Ingeborg Breuer

Arthur Schopenhauer: Zunächst verkannt, dann verehrt - unter anderen von Wagner und Nietzsche. (Stock.XCHNG - Sanja Gjenero)
Arthur Schopenhauer: Zunächst verkannt, dann verehrt - unter anderen von Wagner und Nietzsche. (Stock.XCHNG - Sanja Gjenero)

"Herr Schopenhauer, wenden wir uns nun den existenziellen Fragen zu: Was ist das Leben? - Das Leben im Ganzen und Allgemeinen ist ein Trauerspiel, im Einzelnen hat es den Charakter des Lustspiels.- Heißt das, all unser Gerangel nach großen Zielen ist lächerlich? - Die Welt ist die Hölle und die Menschen sind einerseits die gequälte Seele, andererseits die Teufel. - So schlimm? - Der Mensch ist im Grunde ein wildes Tier, wir kennen es im Zustand der Bändigung und Zähmung, welcher Zivilisation heißt."

Der Münchener Philosoph Dr. Andreas Belwe veröffentlichte gerade ein Hörbuch, in dem ein fiktiver Journalist Arthur Schopenhauer Fragen zu seiner Lehre stellt. Die Antworten Schopenhauers hat Andreas Belwe aus Originalzitaten des Philosophen zusammengesetzt. Titel des Hörbuchs: "Die Welt ist die Hölle".

"Sie meinen, der Mensch ändert sich nie? - Wer sich darüber aufklären möchte, der kann die Überzeugung, dass der Mensch in seiner Grausamkeit keinem Tiger und keiner Hyäne nachsteht, aus 100 alten und neuen Berichten schöpfen. - Das mag sicherlich zutreffen. Wenn man gerade aus der Geschichte weiß, wozu der Mensch fähig ist, verliert man ja den Glauben an ihn. - Beim Anblick der Laster, Fehler, Mängel und Unvollkommenheit kann es so weit kommen, dass die Welt ästhetisch als Karikaturenkabinett, von der intellektuellen als ein Narrenhaus und von der moralischen Seite als eine Gaunerherberge erscheint. Bleibt dieser Eindruck bestehen, entsteht Misanthropie."

Der Ruf des Menschenfeindes haftet ihm an, dem Philosophen Arthur Schopenhauer. Mit 23 Jahren erkannte er: "das Leben ist eine missliche Sache" - und blieb dabei. Und während seine philosophischen Zeitgenossen noch euphorisch die Rolle der Vernunft, des Geistes und der Subjektivität feierten, sah Schopenhauer den Menschen nicht durch seine Ratio, sondern durch den Willen, durch seine Triebe gesteuert. Prof. Matthias Koßler, Philosoph an der Universität Mainz und Präsident der Schopenhauer-Gesellschaft:

"Man kann sagen, er steht an der Wende von der klassischen deutschen Philosophie zur Moderne. Und die Hinwendung zum Irrationalen ist ein Punkt, die Konzentration auf den Leib als wichtiger Bestandteil des Menschen. Das sind Punkte, bei denen Schopenhauer einiges vorweg genommen hat von dem, was sich dann später entwickelt hat in Richtung Psychoanalyse oder die Lebensphilosophie, die sich dann im 20. Jahrhundert, entwickelt hat."

Die Welt, hatte der Philosoph Immanuel Kant beschrieben, zeigt sich uns nur in unserer Vorstellung. Was die Dinge "an sich" sind, also unabhängig von unserer Wahrnehmung, das können wir nicht sagen. Stimmt nicht, hielt Schopenhauer dagegen. Sehr wohl können wir das, was die Welt in ihrem innersten Wesen ist, bestimmen: Ein grund- und zielloser Wille beherrscht alle Vorgänge der organischen und anorganischen Natur und ebenso den Menschen.

"Es bedeutet vor allem, dass der Mensch nicht von seinen Gedanken geleitet ist, sondern von seinem triebhaften Wesen, das ihn ausmacht und das mit dem Begriff Willen bezeichnet wird. Das bedeutet auch, dass das Erkennen zunächst mal im Dienst dieses Willens steht, also nicht autark den Willen bestimmt. Sondern umgekehrt, dieses Triebhafte bestimmt das, was unser Erkennen ausmacht. Was in letzter, stärkster Ausprägung auch das Sexuelle ist."

Mit seiner Behauptung, dass die Welt nicht von der Vernunft, sondern vom Willen beherrscht wird und dass die "Genitalien" der eigentliche "Brennpunkt des Willens" sind, bereitete Schopenhauer den Erkenntnissen Darwins und Freuds den Weg. Vom Willen beherrscht werden, heißt aber auch: dass der Mensch nie zur Ruhe kommt, sondern dass sein Wille ihn immer weiter treibt.

"Unser Dasein ist im Wesentlichen ein rastloses. Es gleicht einem Bergabrennenden, der wenn er stille stehen wollte, fallen müsste und nur durch Weiterrennen sich auf den Beinen hält. - Diese Diagnose stimmt vermutlich, wenn man sich unsere Arbeitswelt und die Produktionsweise ansieht, ganz zu schweigen vom Konsumieren. Die Frage ist doch deshalb, warum der Stress, warum tut er sich das an? - Alles Treiben entspringt aus Mangel, aus Unzufriedenheit mit seinem Zustand. Keine Befriedigung ist dauernd, sondern nur der Anfang eines neuen Strebens."

Kaum hat der Mensch ein Ziel erreicht, steht ihm die Schalheit des Erreichten vor Augen. Dann muss er weiter, zum nächsten Ziel. Das menschliche Leben schwankt derart zwischen dem Empfinden eines Mangels - und der Langeweile, die entsteht, wenn der Mangel befriedigt ist.

"Not und Schmerz erfüllen die Welt und auf die, die diesen entronnen sind, lauert in allen Winkeln die Langeweile. - Das wird ja immer schlimmer! Was hat es auf sich mit der Langeweile? - Sobald Not und Leiden dem Menschen eine Rast vergönnen, ist gleich die Langeweile so nahe, dass er des Zeitvertreibens notwendig bedarf. - ... Was meinen Sie? Wer langweilt sich besonders? - Wo die Not die beständige Geißel des Volkes ist, so die Langeweile die der vornehmen Welt. Im bürgerlichen Leben ist sie durch den Sonntag wie die Not durch die sechs Wochentage repräsentiert.. ... Sagen Sie, was ist denn so schlimm an der Langeweile, was sind die Folgen? - Aus der inneren Leerheit, welche die Quelle der Langeweile ist, entspringt die Sucht nach Gesellschaft, Vergnügung, Zerstreuung und Luxus jeder Art, welche viele zur Verschwendung und dann zum Elend führt."

Schopenhauer entdeckt eine Welt ohne Gott, ohne höhere Weihen, ohne letzten Sinn. Das Leben in dieser Welt ist - endlich, erbärmlich und zufällig.

" Was die Radikalität Schopenhauers ausmacht, ist die Abwendung von dem Gedanken einer göttlichen Ordnung. Der Atheismus ist ja berüchtigt von Schopenhauer."

Für uns heute sind Schopenhauers Einsichten nicht länger schockierend. Wir haben gelernt, uns unseren eigenen, kleinen Sinn zu basteln - und - für gewöhnlich - damit zufrieden zu sein. Und ist nicht der stets weitertreibende Wille das, was die Menschen forschen und kreativ sein lässt? Nein, urteilt Schopenhauer. Die Welt - ist ein Jammertal!

"Die dem Menschen angemessene Stimmung ist eine gedrückte. Was kann man denn von einer Welt erwarten, in der fast alle nur noch leben, weil sie noch nicht sich haben ein Herz fassen können zum Totschießen? - Also jetzt mal unter uns gesagt: wenn doch alles so furchtbar ist, dann könnte man sich ja gleich umbringen, oder? - Gegen den Selbstmord ließe sich sagen: der Mensch soll sich über das Leben erheben, soll erkennen, dass alle Vorgänge und Freuden und Schmerzen sein besseres und inneres Selbst nicht berühren."

"Sich über das Leben erheben"! Dem Egoismus des Willens ein großes Nein entgegenhalten! So meint Schopenhauer sich mit dem Trauerspiel des Lebens versöhnen zu können.

"Das Besondere an ihm ist, dass es bei ihm auch die andere Seite noch gibt. Es gibt nicht nur die Feststellung, wie er ganz radikal gesagt hat, dass das Leben des Menschen nichts anderes ist als ein Schimmelüberzug über einer Kugel im Weltraum, also diese rein illusionslos naturwissenschaftliche Sicht. Sondern dass es bei ihm auch noch diese anderen Bereiche gibt, an denen er festhält: die Ethik, Ästhetik, die Betrachtung des Schönen und die Möglichkeit die Welt mit anderen Augen zu betrachten."

Es ist einerseits die Erfahrung der Kunst, insbesondere der Musik, die uns eine Weile zur Ruhe kommen lässt im geschäftigen Treiben der Welt. Doch vor allem ist es das Mitleiden mit den anderen, die Einsicht, dass alle Menschen vom gleichen blinden Wollen, von Qual und Schmerz gezeichnet sind, das aus dem Zirkel des Begehrens führt. Im Mitleiden macht der Mensch sich den Schmerz der ganzen Welt zu eigen - und wird sich schließlich - gleich dem Asketen - schaudernd von allem eitlen Streben abwenden.

" Es gibt da verschiedene Äußerungen, also die radikale Askese, also das man auf das für das Leben Wichtige völlig verzichtet. Aber es gibt auch Interpretationen, die das zusammenbringen mit seiner Mitleidsethik. Wenn ich nicht immer nur an mich denke, sondern den anderen mit einbeziehe und erkenne, dass er gar nicht so getrennt ist, wie das die unmittelbare Erfahrung nahe legt, das hat ja auch schon eine Wirkung, die dieses Egoismus dämpft."

"Wenn ich noch mal zurückgehen, um unser Gespräch abzurunden. Ob es für Menschen möglich ist glücklich oder zufrieden zu werden? - Das Beste was die Welt zu bieten hat ist eine schmerzlose, ruhige, erträgliche Existenz. Um nicht sehr unglücklich zu werden, ist es das sicherste Mittel, nicht zu verlangen, sehr glücklich zu werden. ... Große Heftigkeit des Wollens ist eine stete Quelle des Leidens."

Schopenhauer selbst freilich entsprach diesem Ideal demutsvoller Bescheidenheit keineswegs. Er kämpfte um die Anerkennung seines Werkes. Er wollte gehört werden, sah sich von der akademischen Welt zurückgesetzt, ja ignoriert. Er war verbittert, weil kaum jemand seine Schriften zur Kenntnis nahm. Berühmt wurde er erst in den letzten Jahren seines Lebens und erst recht posthum. Neun Jahre nach Schopenhauers Tod schrieb etwa sein Bewunderer Leo Tolstoi:

"Wenn ich ihn lese, ist mir unbegreiflich, weshalb sein Name (so lange) unbekannt bleiben konnte. Es gibt höchstens eine Erklärung, eben jene, die er selber so oft wiederholt, nämlich dass es auf dieser Welt fast nur Idioten gibt."

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