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StartseiteBüchermarktMöglichkeiten von Nähe. Uwe Johnson im Spiegel von Zeitgenossen10.04.2003

Möglichkeiten von Nähe. Uwe Johnson im Spiegel von Zeitgenossen

Kontext Verlag, 544 S., EUR 30,00

<em>Befreundungen</em>, der Titel der Sammlung, gibt der Sache den richtigen Namen. Wer dürfte, im Falle Johnsons, des großen Schwierigen, des ewigen <em> Man in Black</em> , schlicht und einfach von "Freundschaften" reden? <em> Befreundungen </em> trifft es besser: die zeitweisen Möglichkeiten einer Art Nähe, die Möglichkeit der abrupten oder auch schleichenden Endes eingeschlossen, auch die der Verfeindung. Wieviel da heute noch nachwirkt, zeigen die Absagen von Walser und Enzensberger, ihre Erinnerungen beizusteuern. Nun erweist sich aber, und das ist das Erstaunliche dieses wunderbar akribischen Unternehmens, dass zur "Abtönung" der Johnson-Klischees auch die Berichte derer nützlich sind, die den Weg des Mannes Johnson nur gelegentlich kreuzten. Eine durchaus ergiebige biografische Belustigung, und Zeugnis einer hartnäckigen Fragetechnik, wenn zum Beispiel der Altgermanist Peter Wapnewski sich zunächst als unergiebiger Gesprächspartner in Sachen Johnson bezeichnet, - "ein Stein, aus dem keine Quelle schießt, wirklich nicht" - bis dann eben doch manches schöne Detail zutage tritt. Immerhin stand Wapnewski mit Johnson auf dem Duzfuß. Johnson holte bei dem Großgelehrten gelegentlich mythologische Auskünfte ein. Umgekehrt schreibt Uwe über Peter dann einen Brief an die ihm ganz unbekannte Mutter Wapnewski, einen hochkomischen "Bericht über seine Führung während eines Aufenthaltes in Berlin", eine lange lustige Fiktion, wohl nur um am Ende diesen einen Satz da hinein zu schreiben: "Deswegen auch haben wir ihn liebgewonnen und stellen Ihnen diese Gefälligkeitsbescheinigung zu. Ihr sehr ergebener Uwe Johnson / Schreibmaschinenbesitzer."

Holger Noltze

Solche Umwege mussten die Liebesbekundungen bei Johnson bisweilen nehmen, Oder aber sie brachen sich ganz plötzlich Bahn. Toni Richter erzählt, wie sich der sonst so Hölzerne ihren Mann Hans Werner Richter auf dessen 75. Geburtstagsfeier packt und den Vater der Gruppe 47 in einem wilden (sie sagt: brutalen) Tanz herumschwenkt, dass dem angst und bange wird. Wie er Günther Eich das Du anbietet, aber dann den Raum verlassen muss, um ihn zu küssen. Das sind so Polaroids, lebendige, manchmal verwackelte Momentaufnahmen von einem, der im kompakten Klischee zu versteinern droht. Und eben in den Erinnerungen vermeintlich eher entfernter Bekannter wird Groß-Merkwürden Johnson plastischer vorstellbar, als bei anderen, deren größere Nähe zu mehr Reserve oder Selbstschutz zwingen. Mit Peter Rühmkorf, dessen Gesellschaft Johnson etwa auf den Feiern der Gruppe 47 suchte, soll er sich, behauptet Rühmkorf heute, "niemals über Literatur unterhalten" haben. Ob das in dem Metier nicht merkwürdig sei, hakt Interviewer Berbig nach. Irgendwas kommt immer noch, und sei es eine anschauliche Anekdote: Johnson, wie er in einer kalten Berliner Winternacht mit dem Fahrrad von Friedenau nach Wannsee radelt, Schneebälle an Rühmkorfs Dachfenster wirft, um dem telefonisch Unerreichbaren eine Nachricht zu überbringen: "Rühmkorf! Mach mal die Tür auf!" Und dann hätten sie "oben noch einige Sympathiewodkas gekippt."

Gesine Treptow geht einem Satz nach, den Walter Kempowski 1995 bei Entgegennahme des Uwe-Johnson-Preises für sein "Echolot"-Projekt spricht: "Man war an seiner Brust nicht weich gebettet". Immerhin, kann festgestellt werden, "gehört Walter Kempowski zu den wenigen Freunden Uwe Johnsons, mit denen es nicht irgendwann zum Bruch kam." Ein mecklenburgisches Gegensatzpaar, das sich offenbar anzog, der Riese und der Leptosom. Johnson habe ihn, vermutet Kempowski, wohl "schutzbedürftig" gefunden. So lernen wir Johnson als hochinteressierten Leser von Kempowskis "Deutscher Chronik" kennen, der eine Detailfrage zu "Tadellöser & Wolff" per Telegramm schickt; der das Manuskript "Uns geht’s ja noch gold" lektoriert, und zwar strengstens, und dem Kollegen per Gutachten zu fundamentalen Korrekturen in Bezug auf Stil, Schluss und Titel anhält und von vorheriger Veröffentlichung abrät. Man war an seiner Brust eben nicht weich gebettet. 1972, in einem Fernseh-Gespräch im Garten der Samuel-Fischer-Villa zwischen Johnson und Kempowski, gerät der TV-Talk zum Thema "Der bürgerliche Roman" zur peinlichen Befragung Kempowskis, und Johnson legt dessen auch lebensgeschichtlich begründeten Wissenslücken gnadenlos offen. Was war das für ein Freund? Vermutet wird hier eine Spannung, die für Johnson aus dem Gefühl des sozialen Abstands zu dem Rostocker Reederssohn herrührte. Weshalb er ihn auch gelegentlich mit "Herr Graf" anschrieb. Und ihn nach Lektüre von "Schöne Aussicht" fragt: "Es gibt ja leider nur eine Kindheit, darf ich mir Ihre borgen?" Das ist nun wieder rührend.

Das Bewusstsein eines "sozialen Gefälles" macht Thomas Wild auch für die Komplikationen im Verhältnis zu Reinhart Baumgart verantwortlich, dem Johnson der "schwierigste der Freunde" war. Johnson habe in Baumgart seinen Leser gefunden, wie Baumgart in Johnson seinen Autor traf. Mehrfach wendet sich Johnson an Baumgart, wenn es um Wichtiges geht, um das Lektorat der "Jahrestage", oder um die Zusammenstellung eines ersten Materialienbandes; vor allem, um die Laudatio zum Büchnerpreis 1971. Auch Baumgart ziert sich erst, über die persönliche und Arbeitsbeziehung zu berichten, und weiß dann doch Interessantes beizutragen. Etwa über Johnsons Arbeitsweise, ein Jahr zu denken, ohne Notizen, und dann ein Jahr zu schreiben, er "bildet sich eine Geschichte ein, mit allen Realien, bis sie so wirklich wird in ihm wie eine eigene Erfahrung, die dann erinnert werden kann." Oder wie ihm das Erzählen aus einem "Stimmengewirr" kam, aus dem "Reinnölen der Toten". Wie bei ihm Dokumentarismus und die Lust am Fabulieren immer auseinander zerrten. Und wie, am Ende des heiklen Tags der Büchnerpreisreden, an dem er seinem Laudator doch hätte dankbar sein müssen, es zum großen Krach kommt. Man sitzt noch zusammen beim Fernsehen. Es ist der Tag der Festnahme von Ulrike Meinhof. Man sieht, wie Meinhof in strengen Polizeigriff genommen wird. Baumgart macht eine Bemerkung, wer von Schusswaffen Gebrauch mache, der werde unter Umständen auch hart angegriffen. Darauf entspinnt sich ein handfester Zank, Johnson beschimpft Baumgart als "SS-Mann", es folgt ein türenschlagendes Ende, man sieht sich nicht mehr für Jahre.

Baumgart bringt, als "Leitmotiv" der großen Johnson-Kräche, ein Bild ein, das sich einprägt. Der große Junge Johnson, der wegläuft, allein in die Nacht hinaus, der zum Frühstück noch nicht wieder da ist, und der dann mittags wortlos wieder auftaucht, und zum Beispiel einen riesigen Aschenbecher mitbringt. "Es war ein Geschenk und eine Drohung", sagt Baumgart über den Aschenbecher, "ein ewiges Andenken an ihn."

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