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StartseiteBüchermarktMörderische Banalität21.08.2007

Mörderische Banalität

Martín Kohans Roman "Sekundenlang" nimmt sich zu vieler Themen an

Der September 1923 ist Ausgangspunkt des Romans "Sekundenlang". Bei einem Mahler-Konzert in Buenos Aires wird ein Cellist ermordet. Zugleich treffen in New York Argentiniens größte Stierkämpfer aufeinander. Der Aufklärung des Mordes und dem Zusammenhang der beiden Ereignisse nimmt sich ein Zeitungsarchivar 67 Jahre später an.

Von Wolfram Schütte

Die südamerikanische Metropole Buenos Aires ist Schauplatz des Romans "Sekundenlang". (AP Archiv)
Die südamerikanische Metropole Buenos Aires ist Schauplatz des Romans "Sekundenlang". (AP Archiv)

Im September 1923 trafen in New York der amtierende Weltmeister aller Klassen, Jack Dempsey, und Luis Angel Firpo, "der wilde Stier aus der Pampa", aufeinander. Zumindest für die Argentinier war es "der Kampf des Jahrhunderts". Aber im September 1923 traf auch Richard Strauss mit den Wiener Philharmonikern in Buenos Aires ein, um im Teatro Colón Gustav Mahlers 1. Symphonie zum ersten Mal in Südamerika aufzuführen.

Gegenüber diesen historischen Großereignissen von nationalem Rang war die gleichzeitige Gründung einer Zeitung in der patagonischen Provinz ein Nichts an Bedeutung, wäre man nicht 50 Jahre später dort auf die Idee gekommen, das halbe Jahrhundert ihres Bestehens mit einer Sonderbeilage zu feiern, die an Ereignisse aus den "Fernen Zeiten" ihrer Gründung erinnern sollte. Der bornierte Sportredakteur Verani hat sich natürlich für den Boxkampf des Jahrhunderts entschieden und der Musikredakteur Ledesma für Mahlers Musikdebüt durch Richard Strauss.

Wiederum 17 Jahre später – Ledesma ist gerade gestorben, Verani längst tot – fliegt der im Zeitungsarchiv arbeitende Roque Alfaro nach Buenos Aires, um das letzte Rätsel aus dem argentinischen September 1923 zu lösen: den ungeklärten Tod eines Cellisten der Wiener Philharmoniker, den man am Abend des Boxkampfs erhängt in seinem Zimmer gefunden hatte.

Der vierzigjährige argentinische Erzähler und Essayist Martín Kohan hat eine Menge Fakten und Fiktionen versammelt, um seinen Roman "Sekundenlang" auf mehreren Zeitebenen spielen zu lassen und aus wechselnden Perspektiven zu einem Mosaik zusammenfügen zu können. Denn neben den schon erwähnten Personen haben auch noch sowohl der Ringrichter als auch der Pressefotograf des Boxkampfs fortlaufend Gelegenheit zu inneren Monologen.

Zehn Sekunden lang war Jack Dempsey von dem argentinischen Herausforderer bereits in der zweiten Runde nicht nur K.O. geschlagen, sondern auch noch aus dem Ring befördert worden, wobei er den Fotografen unter sich begraben hatte, der Ringrichter es aber regelwidrig unterlassen hatte, Dempsey auszuzählen und den "wilden Stier aus der Pampa" zum Weltmeister zu erklären.

Aber weder der historische Skandal der Boxgeschichte noch das historische Faktum der südamerikanischen Uraufführung von Mahlers 1. Symphonie ist Thema von Kohans Roman "Sekundenlang" – obwohl man zuerst den Eindruck gewinnen könnte. Denn einerseits versucht sich Kohan, langatmig in die benebelte Geistesabwesenheit des Weltmeisters zu versetzen, der zuerst gar nicht mitbekommen hat, dass er über die Seile gegangen ist, andererseits gibt er in ermüdender Ausführlichkeit und Witzlosigkeit einen immer wieder fortgesetzten Dialog zwischen dem ignoranten Sport- und dem Mahler begeisterten Musikredakteur wieder, der seinen desinteressierten Sportkollegen, dessen Widerwillen man sich als Leser bald anschließt, mit angelesenen Biographika aus Gustav Mahlers Leben langweilt.

Ob der Komponist an Almas ehebrecherischem Verhältnis mit Walter Gropius litt, worüber und warum er sich mit Freud zu einem mehrstündigen Gespräch in Holland traf oder wann Strauss, der Mahlers Musik schätzte und für sie warb, erfahren hat, dass sein Kollege über Strauss´ öffentlichen Erfolg insgeheim verbittert war: Alle diese eingestreuten Fakten blähen sinn- und funktionslos das Buch auf. Es sei denn, es sei zur musikhistorischen Belehrung von unbelehrbaren, unmusikalischen Sportreportern geschrieben worden.

Offenbar hat Martín Kohan aber eher Krimileser vor Augen. Jedoch erst nach mehr als der Hälfte des Buchs schält sich aus der ziellosen Montage von inneren Monologen, Gesprächen und Recherchen das heraus, was der argentinische Schriftsteller in seinem selbstverliebten Patchwork-Roman für den zentralen Suspense hält, mit dem der Leser bei der Stange bleiben und unter Spannung gehalten werden soll: War es Selbstmord oder Mord, was dem Cellisten der Wiener Philharmoniker in Buenos Aires am Ende des Boxkampfs in New York vom Leben zum Tod gebracht hat?

Umständlich & unlogisch werden gewagte Thesen aufgeboten, um den Tod des Cellisten mit dem Ausgang des Boxkampfs zwanghaft in eine synchrone Verbindung zu bringen. War es eine verlorene Wette, die ihn ums Leben brachte oder war er einer ersten Fehlinformation über den Ausgang des Boxkampfes zum Opfer gefallen? Zu allerletzt braucht aber der Autor doch noch einen Joker, den er taschenspielerisch aus dem Ärmel zieht, um zu seiner kriminalistischen Schlusspointe zu kommen. Ihre mörderische Banalität soll nicht verraten werden.

"Mehrmals im Monat", informiert uns der Klappentext über Martín Kohans akademische Tätigkeit, "fliegt er von Buenos Aires in den Süden, wo er an der Universität von Patagonien – ebenso wie in der Hauptstadt – literarische Theorie lehrt."

Hoffentlich besser als seine literarische Praxis.

Martín Kohan: Sekundenlang
Roman. Aus dem Spanischen von Peter Kultzen. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main 2007.
270 Seiten, 19,80 Euro.

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