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"Momentan ist mein Vertrauen gen null gesunken"

Betriebsratsvorsitzender von Hochtief und seine Sicht zum Streit im Arbeitnehmerlager

Siegfried Müller im Gespräch mit Stefan Heinlein

Stahlbetonbauer des Baukonzerns Hochtief (AP)
Stahlbetonbauer des Baukonzerns Hochtief (AP)

Das Übernahmeangebot des spanischen Unternehmens ACS an die Aktionäre von Hochtief läuft um Mitternacht aus. Siegfried Müller, Betriebsratsvorsitzender von Hochtief, kritisiert erneut die Verhandlungen der Gewerkschaft IG Bau mit den Spaniern. Die getroffenen Vereinbarungen seien reine Absichtserklärungen und wenig belastbar.

Stefan Heinlein: Spannend wie ein Krimi: Die Übernahmeschlacht um den deutschen Bauriesen Hochtief zerrt nicht nur an den Nerven der weltweit 70.000 Mitarbeiter. Zum ersten Mal könnte ein deutsches Großunternehmen tatsächlich von einem ausländischen Konkurrenten gegen den ausdrücklichen Willen der Konzernleitung geschluckt werden. Noch wehrt man sich mit Händen und Füßen, Manager und Mitarbeiter machen gemeinsame Sache gegen die feindliche Übernahme durch den spanischen Konkurrenten ACS. Doch die Luft wird dünner.

Bei mir am Telefon ist nun der Betriebsratsvorsitzende von Hochtief, Siegfried Müller. Guten Morgen, Herr Müller!

Siegfried Müller: Guten Morgen, Herr Heinlein!

Heinlein: Haben Sie noch Hoffnung, die feindliche Übernahme zu verhindern?

Müller: Ich bin ein alter Fußballer, Herr Heinlein, und ein Fußballspiel ist immer vorbei, wenn der Schiedsrichter abpfeift. Ich habe selbstverständlich noch Hoffnung, aber durch die letzten Aktionen ist die Hoffnung selbstverständlich geschwunden.

Heinlein: Warum wäre denn überhaupt eine Übernahme durch den spanischen Konkurrenten so schlimm für Hochtief, warum wehren Sie sich?

Müller: Also wir glauben, dass unter dem Aspekt, dass die spanische Firma ACS sehr stark verschuldet ist, die Übernahme deswegen geplant ist, weil sie a) ihre Bilanz verschönern wollen, und b) besteht zu befürchten, dass sie das tun, was sie früher mit anderen Firmen, zum Beispiel mit Dragados – was ja auch jetzt gerade im Moment wieder ganz aktuell –, dass sie das tun, was sie mit Dragados getan haben, nämlich die Firma Hochtief zu filetieren und die besten Teile davon zu verkaufen.

Heinlein: Auch wenn Sie als Fußballer, als Fußballfan, Herr Müller, hoffen bis zur letzten Minute, scheint es ja zu sein, dass die Übernahme kaum mehr zu verhindern ist. Ist es vor diesem Hintergrund klug, dass Sie gemeinsam mit den Managern sich bis zur letzten Minuten gegen die Übernahme wehren, anstatt sich in das Unausweichliche zu fügen und das Beste herauszuschlagen?

Müller: Also ich glaube, der Punkt, an dem wir Kontakt aufnehmen werden mit ACS, das sollte der Vorstand entscheiden. Ich glaube nicht, dass das die Sache des Betriebsrats oder irgendjemand anderen sein kann. Der Vorstand hat sicherlich Maßnahmen im Köcher gehabt und hat sicherlich auch Dinge getan, das haben wir in den vergangenen Wochen und Monaten gesehen. Und der Moment, wo mit ACS verhandelt wird, das sollte der Vorstand entscheiden. Ich glaube, dass dem Vorstand bewusst ist, dass dieser Moment näher rückt, und ich glaube, dass vom Vorstand in dieser Sache auch Aktivitäten ausgehen werden. Und dann werden auch die Mitarbeiter und die Betriebsräte aktiv werden.

Heinlein: Die Gewerkschaft, Ihre Gewerkschaft, die IG Bau, ist nun vorgeprescht und hat im Vorfeld Vereinbarungen mit ACS getroffen, um, wie es heißt, die Arbeitsplätze und den Erhalt von Hochtief zu garantieren. Warum kritisieren Sie diese Vereinbarungen?

Müller: Die Gewerkschaft hat uns in zwei Konzernbetriebsratssitzungen den Vorschlag unterbreitet, dass sie das tun könnte, wenn ich, meine Person, mit Klaus Wiesehügel da drüber sprechen würde. Dafür habe ich ein Dutzend Zeugen, das ist in einer Konzernbetriebsratssitzung als Vorschlag gebracht worden. Wir haben kurz da drüber diskutiert und haben brüsk abgelehnt und haben die IG Bau aufgefordert, keine Aktionen in dieser Richtung zu machen. Das Ganze ist eine Woche später mit dem Vorstand besprochen worden, in einer Konzernbetriebsratssitzung, und der Vorstand hat ebenfalls die Hände überm Kopf zusammengeschlagen und hat die IG Bau aufgefordert, jegliche Verhandlungen zu unterlassen. Danach haben wir von der IG Bau nichts mehr gehört, und jetzt sehen wir das Ergebnis.

Heinlein: Fühlen Sie sich also hintergangen von Klaus Wiesehügel und der IG Bau?

Müller: Ich denke, dass man das so ausdrücken könnte, wie Sie es gesagt haben, ja.

Heinlein: Haben Sie noch Vertrauen in Klaus Wiesehügel?

Müller: Wir haben bisher noch kein Gespräch führen können. Momentan ist mein Vertrauen gen null gesunken. Aber wir müssen da unbedingt drüber sprechen.

Heinlein: Ist denn das Arbeitnehmerlager durch den offenen Streit zwischen Gewerkschaft und Betriebsrat jetzt entscheidend geschwächt in dieser sensiblen Übernahmephase?

Müller: Sehen Sie, wir haben 11.000 deutsche, innerdeutsche Mitarbeiter, Sie werden es nie auf die Reihe kriegen, da eine gemeinsame Meinung zu kriegen. Anderseits bekomme ich tagtäglich circa 20 Mails, in die ich in CC gesetzt bin, wo die Leute fordern, dass Klaus Wiesehügel aus dem Aufsichtsrat austritt, seinen Rücktritt bekannt gibt. Und die Leute sagen, dass sie selber aus der IG Bau austreten werden. Und ich glaube, das wird bei einigen Hochtieflern noch zusätzlich geschehen, es werden etliche Austritte noch kommen. Da kann die IG Bau ganz sicher sein.

Heinlein: Werden Sie selber Mitglied in der IG Bau bleiben?

Müller: Ich bezweifle das.

Heinlein: Ist es aber grundsätzlich, Herr Müller, nicht schlauer, im Vorfeld einer Übernahme, so wie es die IG Bau gemacht hat, Bedingungen auszuhandeln als hinterher, wenn ACS Hochtief bereits im Sack hat?

Müller: Das ist sicherlich richtig, wenn diese Bedingungen dann auch so wären, dass sie juristisch belastbar sind. Ich habe das, was ich gelesen habe aus diesem Verhandlungsergebnis, und das, was mir sowohl Hochtief als auch externe Juristen da drüber gesagt haben, ist, dass es sich um wachsweiche Formulierungen handelt. Es sind Absichtserklärungen, es wird bestätigt, dass man sich an deutsche Gesetze halten will, es ist an einer Stelle wahrscheinlich ein Gesetzesbruch, wenn man so handeln würde, und der letzte Paragraf treibt alle Hochtiefler zum Wahnsinn.

Heinlein: Der Betriebsratsvorsitzende von Hochtief, Siegfried Müller. Vielen Dank für das Gespräch!

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