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StartseiteBüchermarktMoral und Hausbau27.08.2004

Moral und Hausbau

Margarethe Schütte-Lihotzky: "Warum ich Architektin wurde"

Als die Wiener Bürgertochter Margarethe Lihotzky 1916 das Wohnungselend ihrer Heimatstadt Wien kennenlernte, stand ihr Wunsch, Architektin zu werden, längst fest. Sie studierte an der Hochschule für Angewandte Kunst am Stubenring, hatte schon verärgert hinnehmen müssen, dass einer der Professoren, der berühmte Jugendstilmeister Josef Hoffmann, keine Mädchen in seine Architekturklasse aufnahm, was sie nur beflügelte in ihrer Entschlossenheit, Österreichs erste Architektin zu werden. Aber die Begegnung mit jener traurigen Wirklichkeit auf der Schattenseite Wiens war es, die sie zum sozialen Bauen brachte und zu der Architekturströmung, die unter Signets wie "Funktionalismus" oder "Neues Bauen" beanspruchte, den Fortschritt des 20. Jahrhunderts zu repräsentieren. Margarethe Schütte-Lihotzky ist sehr, sehr alt geworden, die letzten ihrer fast 103 Jahre lebte sie im Bewusstsein, die letzte Vertreterin ihrer Architektengeneration des Aufbruchs zu sein.

Von Beatrix Novy

Margarethe Schütte-Lihotzky: "Warum ich Architektin wurde", Coverausschnitt (Residenz Verlag)
Margarethe Schütte-Lihotzky: "Warum ich Architektin wurde", Coverausschnitt (Residenz Verlag)

In diesem Bewusstsein hatte sie schon um 1980 ihre Erinnerungen geschrieben; ein Verlag fand sich freilich zu ihren Lebzeiten für das ein wenig schulmäßig-lehrhaft verfasste Werk nicht. Dabei war die Autorin gerade in diesen letzten Jahrzehnten fast triumphal aus ihrer traurigen Vergessenheit herausgetreten.

Dass sie nach dem Krieg, zurückgekehrt in die Heimatstadt Wien, keine Aufträge mehr bekam, hatte politische Gründe – ihre Treue zur kommunistischen Partei konnte auch der Einmarsch in die Tschechoslowakei nicht erschüttern, wie das bei vielen anderen der Fall war –, es lag aber auch an der Geschichtslosigkeit der Architekturtheorie, die, von der Moderne selbst angestiftet, deren frühen Jahre kaum erforschte. So war Margarethe Schütte-Lihotzky als Erfinderin der Frankfurter Küche sanktioniert; Genaueres wollte man lange nicht wissen.

Hier also die Sichtweise der beteiligten Architektin, von den Anfängen bis zum Jahr 1930 erzählt. Kein Hinweis darauf, wann sie Herrn Schütte heiratete, Privates kommt überhaupt nicht vor, wie in vielen linken Biografien der Zwischenkriegszeit: Den unbedingten Vorrang hatte ja "die Sache". "Die Sache", das ist hier der soziale Wohnbau, dringendes Erfordernis nach dem Ersten Weltkrieg.

Die Arbeiterpaläste des Roten Wien, heute ein obligates Touristenziel, hatten eine Vorgeschichte: die Siedlerbewegung. Hier machte Margarethe Lihotzky ihre ersten Erfahrungen mit dem Entwerfen von Haustypen, Flachbau-Siedlungen, Grundrissen für das Leben am Existenzminimum. Um 1920 hatten sich Zehntausende von wilden Siedlern, die im grünen Gürtel um die Stadt ihre Brettlvorstädte gezimmert hatten, zu Genossenschaften zusammengeschlossen, die Stadt half mit Krediten und Pachtvergabe. Es war ein beeindruckendes, mutmachendes Gesamtkonzept, an dem bekannte Architekten und Wissenschaftler wie Josef Frank und Otto Neurath begeistert mitarbeiteten. Geleitet wurde diese Truppe ausgerechnet von Adolf Loos, bekannt eigentlich als Großstadtmensch und scharfzüngiger Theoretiker, Architekt des ornamentlosen Hauses am Michaelerplatz, das der Kaiser seinerzeit gar nicht hatte anschauen mögen.

Den größeren Teil in dieser Biografie aber nehmen die Jahre in Deutschland ein, wo Margarethe Schütte-Lihotzky ab 1926 an Ernst Mays Neuem Frankfurt mitarbeitete. Wieder war sie in einen Brennpunkt des Wohnungs- und Städtebaus geraten, der Geschichte machen sollte. In den Siedlungen Praunheim und Römerstadt realisierte das Expertengeschwader um May auf fortgeschrittenstem technischen Niveau seine Vision vom zeitgemäßen Bauen: Standardisierung und Fertigteile, Flachdächer, Grünflächen, ausgetüftelte ergonomisch abgestimmte Grundrisse. Für die Rationalisierung der Haushaltsführung war Margarethe Schütte-Lihotzky zuständig. Ihre Systematik führte sie zur Frankfurter Küche mit dem berühmten geklappten Bügelbrett und dem blauen Schubladenschrank, Wunderwerk der Schritt- und Griffersparnis, das immer wieder zu Diskussionen geführt hat. Beförderte die Arbeitserleichterung in der Küche nicht gar die Isolation der doppelbelasteten Frau? Für solche Fragen des postmodernen Feminismus hatte eine Architektin der 20er Jahren natürlich einfach keine Zeit. Sie leugnete allerdings nie, dass sie selbst überhaupt nicht kochen konnte.

Margarethe Schütte-Lihotzkys Erinnerungen enden mit dem Aufbruch der Gruppe um Ernst May nach Moskau 1930 . Die Krise hatte den Bau des Neuen Frankfurt gestoppt, der Ruf der jungen Sowjetunion kam gerade recht, verlockend die Chance, in Magnitogorsk endlich durchgreifend modernes Bauen, ohne störende Altbaubestände, realisieren zu können. Die Hoffnungen zerschellten an Stalins Rückwendung zum Klassizismus, aber dies und die ungebrochene Haltung Schütte-Lihotzkys sowohl zur Sowjetunion als auch zum Funktionalismus sind nicht mehr das Thema dieses Buches. Es offenbart gleichwohl, dass die Architektin an den Glaubenssätzen ihrer frühen Jahre immer festhielt, dass sie die in der Städtebaukatastrophe der 60er und 70er Jahre aufgebrochene Diskussion um den Funktionalismus nicht wirklich nachvollziehen, sondern der Kritik nur ihr idealisches Bild eines lebendigen Funktionalismus entgegenhalten konnte. Margarethe Schütte-Lihotzkys Memoiren zeigen das Bild einer technokratischen Architektengeneration, die etwas Großes leistete, aber an der Starrheit ihrer Beglückungskonzepte auch scheiterte.

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