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StartseiteThemen der WocheMoral und Politik20.08.2011

Moral und Politik

Aufräumarbeiten bei der CDU Schleswig-Holstein

Nur eine Woche ist es her, da bekam das verregnete Deutschland doch noch sein Sommertheater geboten. Die Bühne stand einmal mehr an der Waterkant. Der einstige CDU-Landvorsitzende und Spitzenkandidat Christian von Boetticher trat von allen seinen Ämtern zurück und tauchte ab. Sein Liebesverhältnis zu einem 16-jährigen Mädchen, das er über Facebook kennengelernt hatte, kam der Partei offenbar gerade recht. Sie ließ den sogenannten "Kronprinzen" fallen und besetzte die frei werdenden Stellen neu. Klappe zu, Affe tot? Nein.

Von Stephan Richter, Flensburger Tageblatt

Christian von Boetticher (m.) nach seinem Rücktritt vom CDU-Frakionsposten in Schleswig-Holstein
Christian von Boetticher (m.) nach seinem Rücktritt vom CDU-Frakionsposten in Schleswig-Holstein

Jetzt folgen die Aufräumarbeiten. Da gibt es die Nachhutgefechte um die bürgerliche Moral. An homosexuelle Politiker hat sich sogar die konservative Wählerklientel gewöhnt. Aber eine Liebesbeziehung zwischen einem 39-Jährigen und einer 16-jährigen Schülerin? Mag sein, dass so etwas in Italien – Berlusconi lässt grüßen – geht. In Deutschland trägt eine derartige naive Liaison nicht zur Verbesserung der Wahlchancen bei.

Doch es geht in dieser Affäre nicht nur um Moral, sondern um handfeste Politik, um Macht und Intrige. Christian von Boetticher war durch das Verhältnis zur 16-Jährigen erpressbar geworden. Das wusste er – wie er einräumte – selbst. Doch er wähnte sich in der Nord-CDU als politischer Ziehsohn des Ministerpräsidenten Peter Harry Carstensen in schützenden Händen. Ein Fehler.

Als die ersten Schlagzeilen über die Liebesbeziehung die Runde machten, stellte sich die Frage, was der "Kronprinz" als Gegengewicht zur privaten Sache politisch in die Waagschale zu werfen hatte. Doch hier war es mau. So spiegelt der weinerliche Abgang des einstigen Hoffnungsträgers nicht die Niederträchtigkeit der Enthüllung wider, sondern macht die politische Schwäche des CDU-Politikers deutlich. Weil von Boetticher mit keinen programmatischen Zielen oder gar mitreißenden Botschaften verbunden wird, reduzierte sich die Affäre auf seine Liebschaften. Seine Gegner, die die Affäre in die Medien lancierten, hatten leichtes Spiel.

Man erinnere sich an die vier Ehen des früheren Kanzlers Gerhard Schröder, an die fünf Ehen seines einstigen Außenministers Joschka Fischer, an das Fremdgehen von CSU-Chef Horst Seehofer oder die Geschichten rund um Scheidung und Neuheirat des amtierenden Bundespräsidenten Christian Wulff. Am Ende war die politische Ausstrahlung der genannten Politiker stets stärker als ihr Privatleben.

Nicht so bei Christian von Boetticher. Der hatte gleich alle drei Spitzenämter in der CDU Schleswig-Holsteins inne. Er war Fraktionschef im Landtag, Landesvorsitzender seine Partei und Spitzenkandidat. Doch als er von der ein Jahr zurückliegenden Liebesgeschichte eingeholt wurde, ging es nur noch um Sex und Moral. Was hätte auch politisch diskutiert werden sollen, das mit seinem Namen zu verbinden wäre?

Genau deshalb führten die Schlagzeilen über sein Liebesleben in kürzester Zeit zum politischen Machtverlust. Die Luft um Christian von Boetticher war dünn geworden. Die Spitze der Nord-CDU, die ihm jetzt ihr Mitgefühl bekundet und seine Wiederkehr ins politische Geschäft nicht ausschließt, hatte den CDU-Jungstar längst fallen gelassen.

Auch die schnelle Neubesetzung der Ämter beweist, dass die Negativschlagzeilen vielen in der Partei nur recht kamen, um den Kronprinzen loszuwerden. Ein Opfer der Indiskretionen ist Christian von Boetticher trotzdem nicht. Schließlich haben sich seine politischen Gegner die Annäherungsversuche im Internet an eine unbekannte 16-Jährige nicht ausgedacht. Der heute 40-Jährige hätte wissen müssen, dass eine solche Affäre vor allem bei CDU-Wählern Anstoß erregt, dass die Beziehung ihn angreifbar macht. Zumal an Politiker besondere moralische Maßstäbe angelegt werden. Das Volk wünscht sich Vorbilder.

Christian von Boetticher hat das 16-jährige Mädchen, das er angeblich so sehr liebte, fallen gelassen wie eine heiße Kartoffel, als es seiner Karriere im Weg stand. Das ist schäbig. Seine Partei verfuhr mit ihm ähnlich wie er mit dem Mädchen, weil der Kronprinz keine Aussicht auf Wahlerfolge mehr bot. Das ist Politik.

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