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StartseiteInterview"Moralische Allianz zwischen Christen und Marxisten"29.03.2012

"Moralische Allianz zwischen Christen und Marxisten"

Kubanischer Philosoph wertet die Treffen des Papstes mit den Castro-Brüdern als Anfang eines Dialogs

Der Papstbesuch auf Kuba war "gute Arbeit", meint der in Aachen lehrende Theologe Raúl Fornet-Betancourt. Benedikt XVI. habe die Balance gefunden, heikle Punkte wie die politischen Gefangenen anzusprechen, ohne große Irritationen hervorzurufen.

Raúl Fornet-Betancourt im Gespräch mit Friedbert Meurer

Fidel Castro traf Papst Benedikt XVI. in Havanna (dpa / picture alliance / Osservatore Romano/Handout)
Fidel Castro traf Papst Benedikt XVI. in Havanna (dpa / picture alliance / Osservatore Romano/Handout)

Friedbert Meurer: Der Papst hat Fidel Castro getroffen. Eine Weile lang hatte Rätselraten geherrscht, ob es auf Kuba während des Besuchs von Papst Benedikt dazu kommen wird. Dann haben sich die beiden getroffen und ausgetauscht, der Katholik und der Kommunist. Zuvor hielt Papst Benedikt noch eine Messe vor geschätzten 300.000 Gläubigen in Havanna. Dann, spät gestern Abend, ist er nach Rom zurückgeflogen.

Ich möchte jetzt eine Bilanz seiner Reise ziehen, dessen, was er in der Messe gesagt hat, und natürlich auch über das Gespräch mit Fidel Castro, und zwar mit Raúl Fornet-Betancourt. Er ist kubanischer Philosoph und Theologe und arbeitet als Lateinamerika-Referent beim internationalen katholischen Missionswerk Missio in Aachen. Guten Morgen, Herr Fornet-Betancourt!

Raúl Fornet-Betancourt: Guten Morgen!

Meurer: Hat Papst Benedikt in Kuba das Richtige getan und gesagt?

Fornet-Betancourt: Ich glaube schon. Dieser Besuch ist ein diplomatisches Stück gute Arbeit. Ich glaube, er hat die Balance gefunden, heikle Punkte anzusprechen, ziemlich offen, und auf der anderen Seite keine großen Irritationen bei der Führung hervorzurufen, die in diesem Moment keiner brauchen kann, weil es geht darum, den angefangenen Dialog weiter zu vertiefen, hin zu Gunsten der ganzen kubanischen Gesellschaft. Von daher: Ich glaube, der Papst war diplomatisch sehr gut beraten, auch inhaltlich.

Meurer: Wieso sollte der Papst Irritationen vermeiden?

Fornet-Betancourt: Weil das Gespräch mit der Regierung immer eine sehr schwierige Aufgabe ist, und ich glaube, wenn man dort die Fronten verhärtet, könnte man diesen Dialog abbrechen. Von daher glaube ich, dass es der richtige Ton ist, wenn man die Situation, die humanitäre Situation in Kuba anspricht, aber nicht so, dass man sagt – das ist immer das Problem bei Kuba -, hier nimmt man eher Partei für die Interpretation der USA.

Meurer: Der Papst hat in der Messe davon gesprochen, Kuba, das Regime soll Freiheiten zulassen, er hat es Fidel Castro gesagt. Aber Papst Benedikt hat sich nicht mit Dissidenten getroffen. Das wird ihm ein bisschen vorgeworfen. Hätte er das tun sollen?

Fornet-Betancourt: Also ich glaube nicht. Ich glaube, das wäre deplatziert, ein Treffen mit Dissidenten zu organisieren, die erst einmal mit der Katholischen Kirche sehr wenig zu tun haben. Es sind politische Vereinigungen, die eigentlich im Lande auch nicht so enorm anerkannt sind. Sie stehen eigentlich unter Verdacht, ausländische Interessen zu vertreten. Es ist wirklich eine sehr ambivalente Situation.

Meurer: Aber das ist doch Propaganda mit den ausländischen Interessen. Glauben Sie das?

Fornet-Betancourt: Das ist nicht nur Propaganda. Es sind schon bei einigen Fällen Fakten dabei gewesen, das ist nicht so eindeutig.

Meurer: Sie meinen, die sind gesteuert von den Exil-Kubanern in Miami, oder was meinen Sie damit?

Fornet-Betancourt: Eben, genau. Das kann man nie hundertprozentig ausschließen, auch wenn sie Recht hätten. Das ist Propaganda. Aber dass die Möglichkeit besteht und bei einigen Fällen schon nachgewiesen worden ist, glaube ich schon, dass es vorsichtig angesagt war.

Meurer: Wäre es aber nicht die Aufgabe der Kirche, egal was jetzt die Hintermänner-Beweggründe sind, sich dafür einzusetzen, dass jemand, der für Freiheit eintritt, nicht im Gefängnis landet in Kuba?

Fornet-Betancourt: Das hat der Papst auch deutlich angesprochen, sogar direkt bei der Ankunft, als er auch für die Gefangenen in Kuba ein Wort hatte und die Familien. Also das glaube ich schon, das war eine sehr deutliche Aussage in Richtung Regierung. Das war schon sehr deutlich, auch dass er das Wort "Gefangene" und die Familien erwähnt hat. Das glaube ich schon, das war ein Hinweis, dass er das angesprochen hat, ein deutlicher Hinweis.

Meurer: In der "Süddeutschen Zeitung" war gestern ein Fall von einer Kirche in Havanna zu lesen, der "Iglesia de la caridad", der Kirche der Nächstenliebe, wenn ich das richtig übersetze. Besetzt wurde die Kirche von Oppositionellen und dann hat der Pfarrer gesagt, die müssen raus. Ist das die richtige Haltung für eine Kirche?

Fornet-Betancourt: Ja, es kommt darauf an. Die Situation erst einmal – ich glaube schon, denn es geht darum, dass die Kirche, und das ist hier stärker die Katholische Kirche, eine politische Autorität sein will. Sie will für alle kubanischen Gruppen da sein, für die ganze kubanische Gesellschaft. Und wenn eine politische Gruppe eine Kirche für ihre politische Situation instrumentalisiert, das finde ich auch nicht in Ordnung.

Meurer: Fidel Castro und Raúl Castro sind katholisch getauft. Spielt das heute noch eine Rolle für die beiden? Was meinen Sie?

Fornet-Betancourt: Die katholische Erziehung bei den Jesuiten, im besonderen bei Fidel Castro, hat immer eine Rolle gespielt, war auch im Gedankengang, und es ist kein Zufall, dass hauptsächlich Fidel Castro immer für eine moralische Allianz zwischen Christen und Marxisten plädiert hat und eine deutliche Aussage schon seit 40 Jahren, vor 40 Jahren gemacht hat. Es gibt, sagte er mal, tausend und mehr Konvergenzen zwischen Marxismus und Christentum als zwischen Marxismus und Kapitalismus. Für eine radikale Lektüre des Evangeliums war er schon immer offen, auch sein Gespräch mit der Befreiungstheologie. Das alles spricht dafür, dass diese katholische Erziehung nicht ganz umsonst ist.

Meurer: Die Castro-Brüder sind an einem besseren Verhältnis zur Katholischen Kirche interessiert. Das hat sich jetzt gezeigt beim Papst-Besuch, schon in den 90er-Jahren auch, als Papst Johannes Paul in Havanna war. Was versprechen sich die Castro-Brüder von der Katholischen Kirche?

Fornet-Betancourt: Ich glaube, dass die beiden Castros die Katholische Kirche als eine moralische Kraft ansehen, eine Kraft, die ethische Werte, auch wenn sie die religiöse Botschaft weniger interessiert, aber zumindest die ethische Haltung, die die Katholische Kirche vermittelt, diese Maßstäbe ethischer, moralischer Art gegenüber der Politik. Das kommt den Castro-Brüdern beide zugute, weil sie sind ja Menschen, egal was man davon hält, aber Moral steht ganz groß bei ihnen obendrauf und Moral sollte eigentlich die Messlatte für die Politik sein. Zum Beispiel ist eine grundsätzliche Forderung globale Solidarität. Davon hat der Papst auch gesprochen und davon sprechen auch die Castro-Brüder. Die Notwendigkeit einer globalen Solidarität, das sind so Punkte, wo man tatsächlich sich eine Schützenhilfe von der Predigt der Kirche verspricht.

Meurer: Der kubanische Philosoph und Theologe Raúl Fornet-Betancourt zieht Bilanz des Papstbesuches in Kuba. Er ist auch Lateinamerika-Referent beim Hilfswerk Missio in Aachen. Herr Fornet-Betancourt, besten Dank und auf Wiederhören!

Fornet-Betancourt: Auf Wiederhören. Tschüss!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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