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Seit 18:40 Uhr Hintergrund
StartseiteKultur heuteMoralischer Schaden durch bunte Mützen17.08.2012

Moralischer Schaden durch bunte Mützen

Moskau hat die Mitglieder der russischen Frauenband Pussy Riot für schuldig erklärt

Der Prozess gegen Pussy Riot und das Urteil sind aus vielen Gründen tragisch und falsch: Die drei jungen Frauen haben nichts getan, was mit Gefängnis bestraft werden müsste. Das Urteil verschärft die Spaltung der russischen Gesellschaft.

Von Uli Hufen

Moskauer Punkband Pussy Riot während ihrer Aktion in der Erlöser-Kathedrale. (picture alliance / dpa)
Moskauer Punkband Pussy Riot während ihrer Aktion in der Erlöser-Kathedrale. (picture alliance / dpa)

Nicht zuletzt aber macht die harte Strafe es praktisch unmöglich, über die Kunst von Maria Aljochina, Jekaterina Samuzewitsch und Nadeschda Tolokonnikowa zu sprechen. Das Urteil macht aus drei jungen Frauen endgültig politische Gefangene. Was sie getan haben ist unwichtig, was zählt ist jetzt allein, was ihnen angetan wurde und wird.

Dabei wäre es durchaus angezeigt, über eine einfache Frage nachzudenken: Sind Pussy Riot zu einem Symbol des Widerstandes gegen ein repressives Regime geworden, weil sie große, mutige politische Künstlerinnen sind? Oder sind sie nur deshalb große, mutige, politische Künstler und ein Symbol des Widerstands, weil sie im Gefängnis sitzen?

Pussy Riot sind, auch wenn das oft behauptet wird, keine Punkband, sondern gehören in eine lange Traditionslinie radikaler Performance-Künstler. Seit dem Ende der Sowjetunion haben in Russland Künstler wie Anatolij Osmolowskij, Awdej Ter-Oganjan, Oleg Kulik, Alexander Brener oder Oleg Mawromati mit spektakulären Auftritten das Publikum schockiert. Oleg Mawromati ließ sich an ein Kreuz nageln, Awdej Ter Oganjan zerhackte mit einem Beil Kopien von Ikonen, Alexander Berner sprühte im Amsterdamer Stedelijk-Museum ein Dollar-Zeichen auf ein Gemälde von Kasimir Malewitsch. Infolge derartiger Performances- oder Kunstausstellungen wurden schon mehrfach Prozesse angestrengt, in denen Künstlern ähnlich wie Pussy Riot die Verletzung religiöser Gefühle und Anstiftung zu inter-religiösem Hass vorgeworfen wurde. Sämtliche Prozesse endeten bislang mit Freisprüchen oder geringen Geldstrafen, einige Künstler emigrierten aus Angst vor Bestrafung aus Russland. Einer von ihnen, Awdej Ter Oganjan, erklärte gestern in seinem Blog, Pussy Riot seien aus seiner Sicht schlechte Künstlerinnen, ihre Performances keine Kunst, sondern billiger Pop.

Alexej Nawalnyj, einer der Köpfe der Oppositionsbewegung, schrieb kurz nach der Verhaftung von Pussy Riot Anfang März, das Ganze sei eine Rüpelei dummer Mädchen, die selbst allerdings keinerlei Gefahr für die Gesellschaft darstellten und darum nicht hinter Gitter gehörten. Dass aus der Rüpelei ein internationaler Skandal werden würde, ahnte damals niemand.

Dabei zielte die Aktion von Pussy Riot von Anfang an genau darauf ab: Durch einen massiven Schock sollte ein möglichst großer, massenmedial binnen Stunden rund um die Welt verbreiteter Skandal hervorgerufen werden. Die Mittel, die sie dafür einsetzten, waren hochprofessionell: Pussy Riot gaben sich einen genial einfachen, klangvollen, provozierenden Namen. Sie entwarfen für ihre Performances einen genial einfachen, leicht zu reproduzierenden und unverwechselbaren Look: neonfarbene ärmellose Kleider, neonfarbene Strumpfhosen, und, am Wichtigsten: neonfarbene Strick-Balaklawas. Und sie reduzierten den eigentlichen politischen Inhalt ihrer Performance auf eine genial einfache Botschaft: Nieder mit dem Tyrannen Putin und der ihm hörigen Kirche! Es lebe die Freiheit. Besonders originell waren diese Forderungen im Winter 2011/2012 nicht: Hunderttausende hatten auf Massendemonstrationen genau dasselbe verlangt. Niemand allerdings hatte es vor Pussy Riot für nötig erachtet, diese Forderungen vor der Ikonenwand der zentralen Kathedrale der orthodoxen Kirche herauszuschreien. Das war, man muss es so sagen, nicht mutig, sondern dumm und hat der russischen Opposition eher geschadet, als genützt.

Jean-Luc Godard sagte eins, es käme nicht darauf an, politische Kunst zu machen, es käme darauf an, politisch Kunst zu machen. Pussy Riot haben genau das nicht getan. Sie haben aus berechtigten politischen Forderungen einen kühl kalkulierten Pop- und Medien-Skandal verfertigt. Das aber ist kein Verbrechen.

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