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StartseiteDie neue PlatteMorbide Klangzaubereien und salonhafte Schmeichelei04.11.2012

Morbide Klangzaubereien und salonhafte Schmeichelei

Die britische Geigerin Tasmin Little spielt Respighi und Strauss

Die englische Geigerin Tasmin Little hat mit dem Pianisten Piers Lane auf ihrer jüngsten CD Sonaten von Richard Strauss und Ottorino Respighi eingespielt. Dabei bedient sie energische Passagen mit leidenschaftlichem Druck und wird von ihrem sensiblen Partner am Piano gestützt, umhüllt oder vorwärtsgetrieben.

Von Michael Struck-Schloen

Die Violinistin Tasmin Little spielt auf exzellenten Instrumenten: Einer Geige von Giovanni Battista Guadagnini von 1757 und einer Stradiviari aus dem Jahr 1708. (Salzburger Festspiele Archiv)
Die Violinistin Tasmin Little spielt auf exzellenten Instrumenten: Einer Geige von Giovanni Battista Guadagnini von 1757 und einer Stradiviari aus dem Jahr 1708. (Salzburger Festspiele Archiv)

Im Studio begrüßt Sie Michael Struck-Schloen. Und heute möchte ich Ihnen eine CD mit der englischen Geigerin Tasmin Little vorstellen.

"Ottorino Respighi: Sei pezzi - Sechs Stücke für Violine und Klavier
Track 8: Valse caressante"

"Der Musiker sorgt für den Klang, aber die Geige bestimmt den Umfang der klanglichen Möglichkeiten, die man produziert. Wenn das alles zu technisch klingt, lassen Sie mich einen Vergleich anstellen – zum Beispiel mit dem Kochen. Hühnchen ist immer Hühnchen. Aber es kann völlig verschieden schmecken, je nach Zubereitung und Zutaten. Genauso steht es mit der Geige: Jeder Musiker, jede Musikerin ist ein Individuum, das seinen oder ihre ganz bestimmte Persönlichkeit und Klangvorstellung auf verschiedenen Instrumenten realisiert."

Hühnchen an Firnis in Kolophonium-Sauce – oder lieber Violine indisch mit Reis und Curry? In ihrem Internet-Projekt mit dem schönen Titel "The Naked Violin" – Die nackte oder besser: entblätterte Violine vermischt die britische Geigerin Tasmin Little auf atemberaubend unbekümmerte Weise Klassische Musik und heimische Kochkünste.

Sie hat sich zum Ziel gesetzt, allen nahe zu bringen, dass Klassische Musik zum Leben gehört wie die Hühnchenkeule im Schmortopf. Und deshalb tut Tasmin Little auf allen Ebenen etwas dafür. Ob sie eine gute Köchin ist, wissen ihre Freunde; dass sie eine exzellente Geigerin ist, wissen wir durch ihre jüngste CD mit Sonaten von Richard Strauss und Ottorino Respighi. Am Mikrofon ist Michael Struck-Schloen.

Zu Beginn erklang ein eleganter Salonwalzer aus Respighis "Sechs Stücken für Geige und Klavier". Dass der Erneuerer der italienischen Musik auch ganz anders konnte, bewies er im Finale seiner Violinsonate h-Moll:

"Ottorino Respighi: Violinsonate h-Moll
Track 6: Allegro moderato ma energico"

Tasmin Little und ihr Klavierbegleiter Piers Lane spielten den Schlusssatz aus Ottorino Respighis Violinsonate h-Moll – ein hochromantisches Werk aus dem Kriegs¬jahr 1917, das neben den aufgewühlten Zeiten vor allem zwei Dinge verrät: Respighi war, erstens, selbst ein brillanter Geiger, der um Kraft, Eleganz und Verführungskunst des Instruments wusste; und er war, zweitens, ein Kenner und Liebhaber der barocken Formwelt, die er im gut bestückten Konservatorium seiner Heimatstadt Bologna studiert hatte.

Von den Meistern des 18. Jahrhunderts erhoffte sich Respighi eine Erneuerung der italienischen Orchester- und Kammermusik, die im 19. Jahrhundert von der alles beherrschenden Oper schier erdrückt worden war. Und so setzte er an den Schluss seiner Geigensonate eine grandios ausgreifende Passa¬caglia über ein gravitätisches, bewusst altmodisches Thema im Klavierbass. Das große Vorbild – die d-Moll-Passacaglia aus der zweiten Geigen-Partita von Johann Sebastian Bach – leuchtet überall durch Respighis hoch inspirierte Variationenfolge, bis hin zum verklärten Dur-Abschnitt des Satzes.

"Ottorino Respighi. Violinsonate h-Moll
Track 6: Allegro moderato ma energico"

Trotz des barockisierenden Schlusssatzes ist Respighis Violinsonate das Beispiel einer späten Romantik, die zwischen parfümiertem Salon, kompositorischer Studierstube und zirzensischem Konzert¬saal einen originellen Mittelweg geht. Die Geigerin Tasmin Little, die das Werk zusammen mit dem Pianisten Piers Lane für das Label Chandos eingespielt hat, bleibt den energischen Passagen der Sonate so wenig schuldig wie den morbiden Klangzaubereien. Obwohl sie Vibrato grundsätzlich mit Vorsicht und Geschmack einsetzt, spielt sie mit leidenschaft¬lichem Druck und überträgt Vortragsanweisungen wie "dolce espressivo" oder "appassionato" auf das gesamte Stück. Für sie ist die Sonate des 38-jährigen Respighi, der damals gerade mit der Tondichtung "Römische Brunnen" seinen Weltruhm begründete, ein wildes Bekenntnis zum romantischen Ausdruck.

Solche Musik braucht, im Idealfall, ein Instrument, das diese Auffassung trägt: klanglich, technisch, vom Resonanzkörper. Tasmin Little hat das Glück, auf zwei exzellenten Instrumenten spielen zu können, von denen immerhin eines ihr selbst gehört. Auf ihrer Website "The Naked Violin" stellt sie beide Geigen vor.

"Ich möchte Ihnen die beiden Instrumente vorstellen. Und je öfter Sie der Musik zuhören, desto besser erkennen Sie den Unterschied und können dann vielleicht selbst entscheiden, welche Ihnen besser gefällt. Meine eigene Geige stammt von Giovanni Battista Guadagnini und wurde 1757 in Mailand gebaut. Daneben habe ich als Leihgabe der Royal Academy of Music in London eine Stradivari mit dem Beinamen "Regent" aus dem Jahr 1708, also fünfzig Jahre älter.

Wenn wir uns jetzt vorstellen, dass Bach erst 23 Jahre alt war, als die "Regent" gebaut wurde und Mozart gerade ein Jahr alt war, als Guadagnini letzte Hand an den leuchtend roten Lack seiner Geige legte, dann ahnt man das Wunder, dass diese Instrumente immer noch so fantastisch klingen und aussehen."


Diese Geschichte verpflichtet zu einer entsprechenden Spielkultur, welche die gesamte CD auszeichnet. Tasmin Little ist keine Anne-Sophie Mutter, die es kratzen und schaben lässt, wenn ihr einmal tatsächlich Tonschönheit Nebensache ist. Den Schritt zur extremen, auch hässlichen Klangfarbe scheut die englische Kollegin – nicht aber den blühenden, vollen Ton und die vokale Phrasierung, für den sie eine große Palette an Farben mitbringt – bis hin zur salonhaften Schmeichelei.

"Ottorino Respighi: Sei pezzi - Sechs Stücke für Violine und Klavier
Track 7: Melodia"

Tasmin Little spielt die "Melodia" aus den "Sechs Stücken" von Ottorino Respighi auf ihrer neuen CD mit Geigenmusik von Respighi und Richard Strauss.

Als die Geigerin vor vier Jahren für ihre Website mit dem reißerischen Titel "The Naked Violin – Die unverhüllte Geige" eigens Musik von Bach, Bartók und Eugène Ysaÿe einspielte und zum kostenlosen Download freigab, war das eine Sensation, die ihr gleich Anerkennung einbrachte. Und sicher würde sich die deutsche Piratenpartei – wenn sie denn etwas für Klassik übrig hätte – freuen über den Tabubruch, dass hier Hochkultur ohne Entgelt angezapft werden kann.

Doch dahinter steckt die Überzeugung, dass bestimmte Menschen, die Konzertsäle und Kunstrituale verabscheuen, doch für klassischen Musik zu begeistern sind, wenn man sie ihnen kostenlos anbietet und sie beim Hören ein wenig an die Hand nimmt: durch Ermunterungen, Erklärungen, durch die eigene Begeisterung.

So ist Tasmin Little: Trotz ihrer 47 Jahre wirkt sie ewig jung und bleckt bei ihrem gewinnenden Lachen alle blendend weißen Zähne. Auf der Yehudi Menuhin School hat die Tochter eines Schauspielers einst das Handwerk erlernt – aber auch die Fähigkeit, in der Kammermusik auf die Mitspieler zu hören, die auch das große Plus im Zusammenspiel mit Piers Lane ist.

Lane gehört nicht zu den technischen Berserkern unter den Pianisten, und manchmal hätte man sich in der Violinsonate von Richard Strauss mehr Kraftmeierei gewünscht. Aber Lane ist ein sensibler Klanggestalter und vor allem ein delikater, aufmerksamer Begleiter, der seine Partnerin immer stützt, umhüllt oder auch vorwärtstreibt. Hier der Beginn des Werks aus dem Jahr 1887.

"Richard Strauss: Violinsonate Es-Dur op. 18
Track 1: Allegro, ma non troppo"

Tasmin Little und Piers Lane spielen die Violinsonate Es-Dur von Richard Strauss – das letzte Kammermusikstück des Orchester- und Operntitanen für viele Jahrzehnte. Aber er kündigt sich schon kraftvoll an: der Meister der ritterlichen Themen und großen Bögen, der spannenden Harmonik und virtuosen Instrumentenbehandlung.

Die beiden britischen Solisten spielen das Werk nie donnernd, sondern kultiviert, mit fast französischer Klarheit und Eleganz – was dem Bravourstück gut tut. Und mit den letzten Takten der Sonate auf der bei Chandos erschienenen CD verabschiedet sich im Studio Michael Struck-Schloen.

"Richard Strauss: Violinsonate Es-Dur op. 18
Track 3: Finale"


Diskografie

"Violin Sonatas" Strauss / Respighi
Tasmin Little (Violine), Piers Lane (Klavier)
Chandos, CHAN 10749
LC 07038

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