• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
Seit 05:05 Uhr Informationen am Morgen
StartseiteKultur heuteMorbide Schwarmintelligenz24.08.2012

Morbide Schwarmintelligenz

Franui vertont Händl Klaus’ “Meine Biene - Eine Schneise” bei den Salzburger Festspielen

Die "Musicbanda Franui" aus Innervillgraten in Osttirol ist durch ihre alpenländische Vertonung klassischen Liedguts von Schubert bis Brahms bekannt geworden. Nun liefern sie die Musik im neuen Stück von Händl Klaus. Dem Dramatiker des Jahres 2006 ist damit wieder ein Wurf gelungen.

Von Karin Fischer

Abgründe des naturnahen Lebens: Michael,  Solist der Wiltener Sängerknaben in "Meine Bienen. Eine Schneise" (Hans Jörg Michel/Salzburger Festspiele)
Abgründe des naturnahen Lebens: Michael, Solist der Wiltener Sängerknaben in "Meine Bienen. Eine Schneise" (Hans Jörg Michel/Salzburger Festspiele)

Schon der Beginn zeigt das dramaturgische Konzept dieser Musik, die Verbindung von Schönheit, Wildheit, Tiefgang, Melancholie und Moderne, und jeder Menge Spaß, mit denen die Musicbanda Franui schon lange erfolgreich alpenländischen Sound und klassisches Liedgut verbindet. Für die Uraufführung im Landestheater haben sie sechs "Jugendlieder” für Klavier und Stimme von Alban Berg verwendet, die Arnold Schönberg später als "Jugendsünden” des Komponisten abtat. 100 Minuten Musik haben Andreas Schett und Markus Kraler von Franui geschrieben, und sie zu einer wesentlichen Erzählstimme des Dramas gemacht: Sie setzt Zeichen und Stimmungen und rhythmisiert den ohnehin schon musikalisch gedachten Text von Händl Klaus noch einmal. Der Dialog wird zum Sprechkonzert, dessen Stimmen miteinander verwoben sind. Das Drama um vierzehn verbrannte Bienenstöcke ist auch ein Rätselspiel aus Ergänzung und Abstoßung, vor allem zwischen den erotisierten Protagonisten Peter und Kathrin:

""Zeig mir die Hände - lieber nicht - Ruß - von der Kreide im Zeichenunterricht”"

Jetzt ermittelt Peter, der Inspektor, im Wald. Sehr künstlich geschwärzte Baumstämme ragen links, vor einer anthrazitfarbenen, Lichtreflexe spiegelnden Rückwand, in den Tatort, der sogleich mit rot-weißem Plastik abgesperrt wird. Peter kennt die auch sexuell ziemlich selbstbestimmte Lehrerin Kathrin offenbar von früher, nicht aber ihren zehnjährigen Sohn Lukas. Der leidet unter allem, den Männern, die sie anschleppt, der Natur, die er hasst, der Erziehungs- und Vaterlosigkeit des eigenen Lebens, weshalb er jeden Mann, der auftaucht - neben dem Inspektor ist das noch ein durchreisender Wander-Imker - zum möglichen Vater erklärt:

""Du bist mein Vater …”"

Der 13-jährige Solist der Wiltener Sängerknaben, Michael, hat die weitaus anspruchsvollste Partitur des Stücks, richtige Arien, die er bravourös, wenn auch etwas atemlos, durchsteht. Das Drama ist aber nicht nur eine kompositorisch vertrackte Meisterleistung, sondern enthält Doppelbödigkeiten in mehrerlei Hinsicht. Die Männer erweisen sich als nicht so harmlos und freundlich wie sie aussehen. Es geht um quasi-familiäre Beziehungen, um versteckte Vergangenheiten, um verdeckte Grausamkeiten, tote Bienen, Hunde, Kinder. Um die Abgründe des naturnahen Lebens: das Kind Lukas hält töten für "menschlich”; Peter hingegen mag Kinder nicht, wegen ihres "mörderischen Geltungsdrangs”.

Händl Klaus ist ja Spezialist für solch sprachliche Abgründe; die Bienen haben es ihm angetan, weil ihr Staat einem so verstörendem sozialen Programm folgt, bei dem bei Bedarf auch die Königin getötet sterben muss. Außerdem fließt mit den Bienen eine nette Geschichte des Franui-Gründers Andreas Schett ein, der als Kind einmal die verschwitzte Truppe eines Schützenvereins vor einem Schwarm rettete, indem er das Bienenvolk mit zwei rhythmisch geschlagenen Topfdeckeln zu seinem Stock zurück brachte. Das hat damals funktioniert, ist im Stück aber ein eher kryptisches Detail wie viele andere, etwa der kapitale tote Hirsch, der auf die Bühne gezerrt wird und der ganz dem Sechzehnender "Heinrich” gleicht, um den das kleine Vorarlberger Dorf Zwischenwasser gerade trauert, weil ein Jäger das zutrauliche Tier auf der Dorfwiese erlegt hat.

Die Schneise der Gewalt wird jedenfalls auch im Stück immer größer, die zum Teil krude Erfindung aber immer durch den musikalischen Zugriff und die Schauspieler gebrochen: Brigitte Hobmeier, Stefan Kurt und André Jung, denen die Rollen auf den Leib geschrieben sind, meistern die ungewöhnliche Textaufgabe souverän und mit vielen Zwischentönen in Gestik und Ausdruck. Begeisterter Applaus für einen ebenso schaurigen wie luftigen musikalischen Theaterabend und für eine neue Form von Theater: das modernisierte Singspiel, die Sprech-Fuge, das Musikstück.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk