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StartseiteInformationen am Abend"Totales Fiasko der Sicherheitsdienste Putins"29.06.2017

Mord an Nemzow"Totales Fiasko der Sicherheitsdienste Putins"

Nach dem Schuldspruch gegen die Angeklagten im Mordfall Boris Nemzow hat der Anwalt des ermordeten Oppositionellen den Verlauf des Verfahrens kritisiert. Es sei ein totales Fiasko, dass Wladimir Putins Sicherheitsdienste weder die Organisatoren noch die Auftraggeber ermittelt hätten.

Von Thielko Grieß

Boris Nemzow starb an diesem Punkt auf der Kreml-Brücke (Deutschlandradio / Sabine Adler)
Boris Nemzow starb an diesem Punkt auf der Kreml-Brücke - Menschen haben Blumen niedergelegt (Deutschlandradio / Sabine Adler)
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Seit Oktober 2016 haben die Geschworenen Zeugenaussagen und Ermittlungsergebnisse verfolgt. Nun, in den vergangenen drei Tagen, hatten sie 26 Fragen zu beantworten. Fragen, die Richter Jurij Schitnikow formuliert hatte und die in Abstufungen ergründen sollten, ob überhaupt und, wenn ja, welche Schuld jeder der fünf Angeklagten trägt. Die zwölf Geschworenen haben seit Dienstag viele Stunden unter Ausschluss der Öffentlichkeit diskutiert und über jede einzelne Frage abgestimmt. Es galt das Mehrheitsprinzip.  

Strafmaße sind noch festzulegen

"Erwiesen" und "schuldig", liest die Sprecherin der Geschworenen vor. Für sie steht fest: Saur Dadajew hat im Februar 2015 auf einer Brücke in direkter Nähe zum Kreml die tödlichen Schüsse auf den Politiker Nemzow abgegeben. Zu diesem Zeitpunkt war Dadajew Offizier einer dem russischen Innenministerium unterstellten Militäreinheit, weshalb das Verfahren vor einem Militärgericht in Moskau stattfand. Auch die übrigen Angeklagten wurden der Beihilfe für schuldig erkannt. Damit ist das Verfahren allerdings nicht beendet, denn die Strafmaße, die Dauer der Haftstrafen, wird der Richter noch festlegen. 

Der Anwalt Mark Kawersin, der den Hauptangeklagten Saur Dadajew vertritt, erklärte nach dem Schuldspruch vor der Presse: "Nach der Verkündung des Urteils und der Länge der Haftstrafe bereiten wir die Berufung vor dem Obersten Gericht der Russischen Föderation vor."

"Aufsehenerregendster politischer Mordfall des 21. Jahrhunderts"

Der Anwalt der Familie Nemzow, Wadim Prochorow, kritisierte den Verlauf des Verfahrens: Wichtige Zeugen seien nicht gehört worden. Und es eine Hauptfrage bleibe ungelöst: "Im aufsehenerregendsten politischen Mordfall des 21. Jahrhunderts, innerhalb von mehr als zwei Jahren, haben die Sicherheitsdienste Putins weder die Organisatoren noch die Auftraggeber ermittelt. Das ist ein totales Fiasko; es ist offensichtlich, dass die Staatsmacht dazu nicht die Absicht hatte. Obwohl wir gesagt haben, wie notwendig es ist, mindestens im Umfeld von Ramsan Kadyrow zu ermitteln."  

Ramsan Kadyrow ist Oberhaupt der russischen Teilrepublik Tschetschenien. Er hatte den Täter, Saur Dadajew, nach der Tat als Patrioten bezeichnet. Aus dem Umfeld Kadyrows gibt es Verbindungen zum früheren Vorgesetzten Dadajews. Dieser Vorgesetzte sowie sein Fahrer sind angeblich ins Ausland geflohen. Die Anklage geht davon aus, dass dieser Fahrer das Geld beschafft hat, das den Tätern versprochen worden war: 15 Millionen Rubel.

Stumm Plakat in die Höhe gehalten

Es bleiben weitere Fragezeichen. So hatte der Hauptangeklagte Saur Dadajew zunächst gestanden – sein Geständnis aber später widerrufen. Er schob die Verantwortung für die Tat danach auf einen weiteren Verdächtigen, der beim Versuch, ihn festzunehmen, ums Leben gekommen war.

Mit Boris Nemzow starb ein Politiker, der sich in der ausgehenden Sowjetunion und unter Boris Jelzin einen Namen als Reformer und Demokrat gemacht hatte. Mit dem bis heute regierenden Präsidenten Wladimir Putin hatte er sich überworfen. Gegen die lückenhafte Aufklärung des Mordes an Nemzow demonstrierte vor dem Gericht ein junger Mann, der stumm ein Plakat in die Höhe hielt.  Darauf stand: "Auftraggeber nicht ermittelt". Nach wenigen Minuten musste er sein Plakat einrollen - die Polizei verwies auf einen Erlass des russischen Präsidenten. Während der Zeit des Confederation Cups in Russland sind selbst Ein-Mann-Demonstrationen nicht erlaubt.

 

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