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Mordserie des Krankenpflegers Niels H.Der blinde Fleck

Die Taten des Krankenpfelgers Niels H. könnten als die größte Mordserie in die deutsche Kriminalgeschichte eingehen. Dass diese Taten vor dem Hintergrund schwierigster Arbeitsbedingungen stattfanden, entschuldige nichts, aber erkläre manches, kommentiert Carsten Schröder.

Von Carsten Schröder

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Pflegerin Susi Weber im Seniorenhaus St. Angela Bornheim (Nordrhein-Westfalen) am 28.05.2013 mit Bewohner Jakob Theis. Täglich müssen Pflegekräfte in Seniorenheimen ihre Tätigkeiten in der Pflegedokumentation dokumentieren. (imago / epd)
In der Pflege bleibt für jeden Handgriff wenig Zeit - unter anderem, weil jeder dokumentiert werden muss. Diese schwierigen Arbeitsbedingungen machen ein achtsames und gewissenhaftes Arbeiten nicht unbedingt leichter. (imago / epd)
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Wie konnte das geschehen? Ratlosigkeit herrscht angesichts des Ausmaßes und der Umstände der Mordfälle, die dem Krankenpfleger Niels H. zugeschrieben werden, und die jetzt als die vermutlich größte Mordserie in die deutsche Kriminalgeschichte eingehen.

In sechs Fällen war er bereits überführt und verurteilt worden, jetzt haben die Ermittler weitere 84 Fälle aufgedeckt. Selbst das sei, so vermuten sie, lediglich die Spitze des Eisberges. Die Zahl 200 wollen die Kriminalbeamten nicht ausschließen, aber weil viele Leichname eingeäschert wurden, sind alle Spuren vernichtet.

Fassungslosigkeit herrscht nicht nur wegen der Zahl, sondern auch wegen der Umstände der Taten, die in den Jahren zwischen 1999 und 2002 begangen wurden. Makabererweise vergiftete er seine Opfer nicht, um sie zu töten, sondern um als Lebensretter gefeiert zu werden. Das Leid seiner Opfer berührte den alkohol- und medikamentenabhängigen Täter indes kaum.

Arbeit unter Zeitdruck und Dokumentationszwang

Was im Kopf von Niels H. vorging, werden wir wohl nie erfahren. Aber was war mit seinem Umfeld, seinen Kollegen? Es ist nur schwer vorstellbar, dass sie nichts gemerkt haben. Es gab Hinweise und Verdachtsmomente, aber offenbar wollte dem keiner nachgehen.

Wie kann das angehen? Nicht um es zu entschuldigen, sondern um es zu verstehen, muss man sich die Arbeitsbedingungen des Pflegepersonals etwas genauer ansehen.

Vielfach sind die Krankenstationen unterbesetzt, Pflegerinnen und Pfleger unter ständigem Zeitdruck. Für ein verständnisvolles Gespräch mit Patienten oder Angehörigen ist da kein Raum. Das schlägt auf die Stimmung und die Arbeitsatmosphäre.

Hinzu kommt, dass nicht jeder den Sinn einer scheinbar überbordenden Bürokratie nachvollziehen kann. Jeder einzelne Pflegeschritt muss dokumentiert werden, zum Einen, um ihn bei den Kassen abrechnen zu können, zum Anderen, um die Qualität der Pflege belegen zu können, wenn der MDK, der medizinische Dienst der Krankenkassen, zu einer seiner Prüfungen erscheint.

Viele Engagierte seien nach wenigen Jahren frustriert

Viele, die ihren Beruf, mit hohen Erwartungen und großem Engagement ergriffen haben, sind nach wenigen Jahren von der Realität frustriert. Diese Enttäuschung macht sich dann in Fehlzeiten und innerer Emigration bemerkbar. Das wiederum verschlimmert die angespannte Personalsituation noch weiter, und die Spirale beginnt von vorn. Oft sind es gerade die besonders engagierten Pflegerinnen und Pfleger, die am Rande der Belastbarkeit arbeiten.

Die Nerven liegen dann manchmal blank, und die ersten, die das zu spüren bekommen, sind die Patienten und deren Angehörige. Das Verhältnis zwischen den Pflegenden einerseits und den Patienten und Angehörigen andererseits ist bei den Arbeitsbedingungen ohnehin schon angespannt, und da es im Krankenhaus nur wenige Tage besteht, kann eine persönliche Bindung gar nicht erst entstehen.

Das ist bei Altenpflegern anders, die begleiten alte und pflegebedürftige Menschen sehr lange, oft bis zum Tod. Grundsätzlich anders ist ihre Arbeitssituation aber auch nicht. Sowohl in den Wohnbereichen der Pflegeheime als auch bei den ambulanten Pflegediensten fehlen qualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Straftaten vor dem Hintergrund schwierigster Arbeitsbedingungen

Auch in der Altenpflege muss jeder einzelne Arbeitsschritt akribisch genau dokumentiert werden. Diesen Umstand nun machten sich die Mitglieder der sogenannten Pflegemafia auf kriminelle Weise zunutze. Die neun Angeklagten, überwiegend Ukrainer, sollen über Jahre hinweg Leistungen bei Krankenkassen und Sozialämtern abgerechnet haben, die in Wirklichkeit nie erbracht wurden.

Mindestens 8,5 Millionen Euro sollen sie auf diese Weise erschlichen haben. Seit dieser Woche wird ihnen in Düsseldorf der Prozess gemacht. Doch bereits jetzt scheint klar zu sein, dass andere von ihren Betrügereien wussten. Neben den Mitarbeitern der ambulanten Pflegedienste waren das ausgerechnet manche Patienten, die gegen ein kleines Bestechungsgeld die Machenschaften der dubiosen Pflegedienste deckten.

Die Mordserie des Krankenpflegers Niels H. und der groß angelegte Betrug der sogenannten Pflegemafia: Beides sind Einzelfälle. Daraus einen Generalverdacht gegen alle in der Pflege Tätigen abzuleiten, wäre grundfalsch. Beide Fälle sind die Taten von Kriminellen. Aber sie entstanden vor dem Hintergrund schwierigster Arbeitsbedingungen. Das entschuldigt nichts. Aber es erklärt manches.

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